Auf der Grünfläche links neben der Fertighauswelt soll das Krematorium entstehen. Foto: Bildstein

In Kappel-Grafenhausen sammeln Bürger Unterschriftengegen den Bau einer Einäscherungsanlage im Gewerbegebiet. Die Investoren zeigen sich überrascht.

Neben der Tageszeitung und ihrer Post fanden die Bewohner von Kappel-Grafenhausen am Dienstagmorgen auch ein anonymes Flugblatt in ihren Briefkästen. Die Überschrift darauf lautet: „Kein Krematorium – in unserer Heimat Kappel-Grafenhausen!“

 

Der Flyer, der am Abend zuvor eingeworfen worden war, stellt ein Bauvorhaben massiv in Frage, das in der Gemeinde doch eigentlich auf eine positive Resonanz gestoßen war – zumindest hatte es bisher danach ausgesehen. Denn am Aschermittwoch war ein Infoabend zum geplanten Krematorium ganz nach dem Wunsch der Investoren verlaufen: In einer sachlichen, ruhigen Atmosphäre hatten sie über das angestrebte „Haus des Abschieds“ Auskunft gegeben. Aus den Reihen der gut 200 Zuhörer hatte es Fragen, aber keine offene Ablehnung gegeben.

Die enthält nun allerdings der Flyer. Für das Flugblatt verantwortlich ist eine Gruppe von Bürgern, unter denen Regina Bührer ist, wie die Grafenhausenerin gegenüber unserer Redaktion bestätigt hat. Die Umweltmanagerin ist bekannt im Dorf, im Januar 2021 hatte sie bereits Unterschriften für die Einführung von Tempo 30 in Grafenhausen gesammelt – mit Erfolg, im April 2022 wurde die Geschwindigkeitsreduzierung tatsächlich in der gesamten Ortsdurchfahrt umgesetzt. Der Flyer zum Krematorium enthält nun ebenfalls einen Aufruf, gegen das Bauvorhaben zu unterschreiben. Listen liegen in der Gemeinde demnach bei der Bäckerei Schaub, Neukauf Müller und dem Autoservice Luxem aus.

Es ist auch möglich, online mit seiner Unterschrift gegen das Krematorium einzutreten. Auf der Seite Change.org wurde eine Petition eingerichtet, deren Text deckungsgleich mit dem Aufruf auf dem Flyer ist. Bis Mittwoch gegen 17 Uhr hatten 186 Menschen die Petition unterzeichnet. Allerdings kann sich dort jedermann eintragen, man muss dazu kein Bürger von Kappel-Grafenhausen sein.

Ein Mitglied der Gruppe äußert sich gegenüber der Redaktion

Hinter dem Flugblatt steht ein halbes Dutzend Bürger, hat unsere Redaktion von einem Mitglied der Gruppe erfahren, das seinen Namen nicht in der Zeitung sehen will. Der Infoabend sei sehr kurzfristig anberaumt worden, so die Antwort auf die Motive hinter der Aktion. Vorher sei sehr wenig über die Krematoriumspläne bekannt geworden, so dass man sich gar nicht richtig auf die Veranstaltung habe vorbereiten können, ist zu hören.

An dem Abend selbst hätten dann viele das Gefühl gehabt, dass Fragen erlaubt, Kritik aber nicht erwünscht gewesen sei. Die ganze Situation – mit einem Mikrofon in der Mitte eines vollen Saales habe manche abgehalten, frei zu sprechen. Außerdem wüssten einige Menschen in der Gemeinde selbst heute noch nicht, dass dort ein Krematorium gebaut werden soll.

Auf die Frage, weshalb das Flugblatt anonym war, erwidert das Gruppenmitglied, dass man sich darauf geeinigt habe, „vorher nicht darüber zu schwätzen, da Verwaltung und Gemeinderat vorher auch nicht über das Krematorium geschwätzt“ hätten.

Welche Bedenken haben die Verfasser des Flugblattes? „Das geplante Krematorium im Gewerbegebiet Kleinoberfeld III beeinträchtigt unsere Gesundheit, Umwelt, Wohnqualität und das Image unserer Gemeinde. Viele Menschen empfinden die Nähe zu einem Krematorium als emotional belastend“, heißt es einleitend.

Darüber hinaus bezweifeln die Gegner der Einäscherungsanlage, ob die sich überhaupt wirtschaftlich betreiben ließe. Denn es werde ja bereits in Lahr ein neues Krematorium gebaut.

Vor allem aber wird auf dem Flyer die Sorge geäußert, dass bei Einäscherungen selbst mit moderner Technik „Emissionen wie Quecksilber, Feinstaub, Stickoxide und Dioxine“ entstehen würden. Außerdem würden das Krematorium und die Leichenwagen die Anwohner ständig mit Trauerfällen konfrontieren und so eine „emotionale und psychische Belastung“ verursachen.

Ein Krematorium an diesem Standort – neben der Fertighauswelt – würde außerdem einen Imageverlust für das Gewerbegebiet nach sich ziehen, befürchten die Flugblatt-Initiatoren. „Zudem ist unsere Gemeinde Teil der Erlebnisregion Europa-Park. Passt das zusammen?“, wird gefragt.

In dem Flyer wird auch darauf Bezug genommen, dass die Investoren mit ihren Krematoriumsplänen bereits in Ichenheim und Nonnenweier gescheitert waren – dort hatte es massiven Protest aus der Bevölkerung gegeben. „Jetzt sollten wir Bürger:innen auch zeigen, dass wir nicht wollen, was zwei Nachbargemeinden vor uns auch nicht wollten! Wir fordern den sofortigen Stopp für die Planung des Krematoriums in Kappel-Grafenhausen“, so der Wortlaut dazu auf dem Flugblatt.

Der letztlich erfolgreiche Widerstand in den beiden Riedgemeinden macht es für die Investoren besonders bitter, dass sie nun auch weiter südlich in Kappel-Grafenhausen bei einem Teil der Bürger nicht willkommen sind. Zu dieser neuen Entwicklung hat unsere Redaktion Janik Rottenecker befragt, der gemeinsam mit seinem Vater Ralph das Projekt der Bestattergruppe initiiert hatte.

Der Bestatter sagt, dass ein Krematorium nicht die Luft verunreinigt

Sein erster Gedanke, als er von den dem Flyer erfuhr? „Überraschung“, erwidert er. Rottenecker erinnert daran, dass die Investoren gemeinsam mit der Gemeinde sofort eine Infoveranstaltung organisierten, als sie Kappel-Grafenhausen als möglichen Standort des Krematoriums ins Auge fassten. Besser und bürgernäher hätten sie sich gar nicht verhalten können, betont er. Der Infoabend selbst sei dann in einer guten, konstruktiven Atmosphäre abgelaufen. Auch deshalb komme das Flugblatt nun unerwartet.

Im Gespräch mit unserer Redaktion ist Janik Rottenecker anzumerken, dass er kein Öl ins Feuer gießen will, Vorwürfe gegen die Initiatoren des Flugblattes spart er sich weitgehend. Die darin geäußerten Argumente weist er aber entschieden zurück: Ein Krematorium würde nicht die Luft verunreinigen. Einäscherungsanlagen unterliegen in Deutschland strengen Vorschriften des Bundes-Immissionsschutzgesetzes, so der Bestatter. Verpflichtende Filteranlagen bewirkten, dass Krematorien sauberer arbeiteten als ein Kamin, in dem Holz verbrannt wird.

Auch dem Argument, eine Einäscherungsanlage würde dem gesamten Grafenhausener Gewerbegebiet schaden, widerspricht er. So sei etwa der Gewerbepark Eschbach praktisch voll belegt, die Grundstücke dort sehr begehrt, obwohl dort das Krematorium Südbaden betrieben wird.

Fast sprachlos machte Rottenecker im Gespräch mit unserer Redaktion der Vorwurf, ein Krematorium setze die Anwohner einer psychischen Belastung aus – weil das sein Selbstverständnis als Bestattermeister berührt. „Der Tod gehört zum Leben“, sagt er nach einem Moment des Überlegens. Und dass das geplante Krematorium mehr als 500 Meter von der nächsten Wohnbebauung entfernt liegen würde. Die wenigen Leichenwagen, die täglich verkehrten, würden außerdem gar nicht durch Wohngebiete fahren.

Auf die Frage, wie es nun weitergehen soll, sagt Rottenecker, dass die Bestatter jederzeit zu einem Gespräch mit den Krematoriumsgegnern bereit seien. Man wolle die Bedenken ausräumen.

Bei einem Telefonat mit unserer Redaktion sagte Bürgermeister Philipp Klotz, dass auch er von dem Flugblatt nichts gewusst habe, ehe es in den Briefkästen lag. Er finde es schade, dass das Schreiben anonym sei. Ihm sei besonders wichtig, sehr nah an den Bürgern und ihren Anliegen zu sein, deshalb biete er zahlreiche Bürgersprechstunden an. Entsprechend hätte man mit ihm auch jederzeit über das Krematorium und die geplante Unterschriftenaktion sprechen können, so darf man den Rathauschef verstehen. Die Bedenken von Bürgern und Gewerbetreibenden, die Einäscherungsanlage betreffend, nehme er ernst, betonte Klotz.

So geht es weiter

Am geplanten Vorgehen ändert sich nichts, sagte Klotz auf Nachfrage unserer Redaktion: Über das geplante Krematorium werde in einer der nächsten Gemeinderassitzungen gesprochen. Bei welcher Sitzung genau, stehe noch nicht fest.