Die Gegner eines Krematoriums in Grafenhausen haben ihre vorläufige Unterschriftenliste an die Verwaltung und die Mitglieder des Gemeinderats geschickt.
Der sechste Tagesordnungspunkt der Ratssitzung am kommenden Montag sieht auf den ersten Blick nach Routine aus, doch dahinter steckt große Brisanz. Denn bei der von der Verwaltung vorgeschlagenen Änderung des Bebauungsplans „Kleinoberfeld III“ in Grafenhausen geht es darum, dort ein Sondergebiet auszuweisen, auf dem der Bau eines Krematoriums möglich wäre. Sagt die Mehrheit des Gremiums ja, wäre der Weg frei für die weitere Planung.
Dass die Verwaltung diesen Beschlussvorschlag für die kommende Ratssitzung vorgesehen hat, hat die Gegner des Projekts alarmiert. Sie haben am Mittwochmorgen einen Brief an die Gemeinde und die Ratsmitglieder geschickt, in dem sie noch einmal darlegen, was aus ihrer Sicht gegen die Einäscherungsanlage spricht. Die Gruppe hatte in der Vorwoche bereits, wie berichtet, einen Flyer produziert, den die Bürger der Doppelgemeinde in ihren Briefkästen fanden, sowie eine Unterschriftensammlung gestartet.
Sie hätten es „mit großem Befremden zur Kenntnis genommen“, dass das Krematorium nun Thema im Gemeinderat sein soll, ohne dass das Ergebnis ihrer Unterschriftensammlung abgewartet werden soll, heißt in dem Brief, den die Gruppe auch unserer Redaktion zur Verfügung gestellt hat. Unterzeichnet ist er von Jochen Bührer, Thomas Anselm, Regina Bührer, Max Hessemann, Monja Luxem und Ralf Luxem. Denn nach wie vor würden Unterschriften gesammelt, auf der Plattform Change.org sowie auf Listen, die vor Ort unter anderem bei der Bäckerei Schaub und im Neukauf ausliegen würden.
Der Brief, der per Mail an Verwaltung und Gemeinderäte ging, habe im Anhang die Unterschriften von 455 Bürgern aus Kappel und Grafenhausen enthalten, teilte Regina Bührer unserer Redaktion mit. Es hätten auch Menschen aus dem Umland unterschrieben, zum Beispiel aus Ettenheim, Rust oder Neuried, und über diese Solidarität freue man sich auch. Aber die 455 Namen, die man nun weitergegeben habe, seien alle Bürger der Doppelgemeinde. „Das war uns wichtig“, so Bührer. „Wir sind bei über zehn Prozent der Wahlberechtigten und die Unterschriften werden minütlich mehr im Edeka“, so Regina Bührer gegenüber unserer Redaktion.
„Sie alle haben Bedenken bezüglich des Krematoriums“, heißt es in dem Brief über die Unterzeichner. Ichenheim und Nonnenweier hätten die Einäscherungsanlage bereits abgelehnt, „auch um die guten Beziehungen zur Stadt Lahr zu wahren“, heißt es. Denn die Planung eines weiteren Krematoriums nur 14 Kilometer entfernt vom Standort Lahr sei „weder notwendig noch wirtschaftlich sinnvoll“. „Die Zahl der Sterbefälle in der Region gibt einen zusätzlichen Standort schlicht nicht her und das bleibt selbst dann so, wenn die Einäscherungsquote und die Sterbequote weiter steigt“, sind die Krematoriumsgegner überzeugt.
Die Gemeinde betont, dass keine anonymen Investoren hinter dem Projekt stehen
„Ein Krematorium mit Räumlichkeiten für Trauerveranstaltungen ist mit dem Leitbild eines Gewerbegebiets nicht vereinbar. Denn Gewerbegebiete sind nicht durch Stille und Beschaulichkeit, sondern durch werktägliche Geschäftigkeit geprägt“, heißt es außerdem. Darüber hinaus sollte es der Verwaltung nicht nur um Geld gehen, sondern auch darum, dass sich alle Bürger in der Gemeinde wohl fühlen, fordert die Gruppe. Hinzu komme, dass mehrere Hundert Bürger aus Grafenhausen sowie aus Kappel nachvollziehbare Bedenken hätten, die bei der Infoveranstaltung nicht ausgeräumt worden seien.
In ihrem Beschlussvorschlag für den Gemeinderat nennt auch die Verwaltung Argumente, die gegen ein Krematoriums sprechen. So habe der Bundesverband Deutscher Fertigbau Einwände erhoben: Er sorge sich, dass das Ausstellungserlebnis in der benachbarten Fertighauswelt durch die unmittelbare Nähe eines „Ortes der Trauer“ gestört wird. „Insbesondere wird befürchtet, dass der Verkehr von Leichenwagen und der Transport von Särgen entlang der Musterhäuser von Besuchern wahrgenommen wird und sich negativ auf den Vertriebserfolg auswirkt“, heißt es.
Die Gemeinde betont aber auch Positiv-Aspekte eines möglichen Krematoriums, etwa stabile Gewerbesteuereinnahmen und zusätzliche Einnahmen durch Verwaltungsgebühren. Außerdem sei Gewerbegebiet ein unauffälliges Gebäude geplant. Mehr als die Hälfte des Grundstücks solle unbebaut bleiben und würde als Parkanlage gestaltet – „dies wertet das Gewerbegebiet gestalterisch auf“. Der Betrieb der anderen Firmen würde durch ein Krematorium nicht gestört, ist man im Rathaus überzeugt. Darüber hinaus wollten es regionale Bestattern betreiben, keine anonymen Investoren. „Es dient der Region und stärkt die Bestattungskultur vor Ort“. so die Gemeinde.
Urne im Trend
Mit einem Anteil von etwa 70 bis mehr als 80 Prozent (je nach Region) sind Feuerbestattungen mittlerweile die häufigste Beisetzungsart in Deutschland. Die traditionelle Erdbestattung haben sie weit überholt, wie die Gütegemeinschaft Feuerbestattungsanlagen mitgeteilt hat. Ein Hauptgrund für die Wahl der Urne ist der geringere Pflegeaufwand für die Angehörigen.