Beschäftigte erhöhen den Druck auf das Unternehmen. Im Gespräch mit unserer Redaktion kontert Chef Christopher Rubin: Man tue bei den Gehältern, was man könne.
Dienstag gegen 12.30 Uhr in der Hugsweierer Hauptstraße. Vor der Rubin-Mühle stehen 20 Menschen mit gelben Warnwesten, auf deren Rückseite zu lesen ist: Wir streiken. Zwei von ihnen haben es sich in Liegestühlen bequem gemacht. Es sind Beschäftigte des Unternehmens, vor dem sie sich versammelt haben, einer der führenden deutschen Hersteller von Getreideprodukten.
Die Gruppe ist nicht zu übersehen, aber auch nicht zu überhören, denn einige Streikende machen mit Trillerpfeifen Lärm. Die Stimmung ist insgesamt fröhlich-aufgekratzt, Autofahrer, die auf der Hauptstraße vorbeirollen, werden gegrüßt – einige hupen und recken den Daumen nach oben, andere zeigen keine Reaktion.
Unter den Streikenden sind Ungelernte, Azubis und Fachkräfte für Lebensmitteltechnik, die teils schon lange für Rubin arbeiten, wie zu hören ist. Keiner von ihnen hat ein Problem damit, sich für die Zeitung fotografieren zu lassen: Sie stehen zu ihrem Protest.
Die Gewerkschaft fordert sieben Prozent mehr Lohn
Auch Sven Hildebrandt vom Freiburger Büro der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) ist vor Ort und erklärt im Gespräch mit unserer Redaktion, was es mit der Aktion auf sich hat. Hintergrund sei die anhaltende Weigerung von Geschäftsführer Christopher Rubin, einen Haustarifvertrag abzuschließen. Dadurch seien die Mitarbeiter finanziell ins Hintertreffen geraten – die Löhne der inzwischen aufgelösten Tarifgemeinschaft baden-württembergischer Mühlen würden sieben Prozent höher liegen als das, was Rubin bezahlt. Deshalb wolle die Gewerkschaft dort sieben Prozent mehr Lohn ab dem 1. November, außerdem für Azubis 150 Euro mehr pro Ausbildungsjahr.
„Angesichts steigender Preise und wachsender finanzieller Belastungen fordern die Beschäftigten endlich faire Löhne, verlässliche Arbeitsbedingungen und tarifliche Sicherheit“, so Hildebrandt. Die wirtschaftliche Situation des Unternehmens würde das hergeben, ist der Verhandlungsführer der Gewerkschaft überzeugt. Denn die Auftragsbücher seien voll, in vielen Bereichen werde samstags, sonntags und gar an Feiertagen gearbeitet.
Umso unverständlicher sei für viele Beschäftigte die Haltung von Rubin, Gespräche über einen Haustarifvertrag weiterhin abzulehnen. Gerade in Zeiten, in denen alles teurer werde, bräuchten sie Sicherheit und Perspektiven, betont Hildebrandt.
Es ist seit Dezember der dritte Warnstreik bei dem traditionsreichen Familienunternehmen, das in der 14. Generation von der Familie Rubin geführt wird – und mit 16 Stunden der bisher längste. Die Streikenden, die beim Besuch unserer Redaktion vor dem Betriebshof stehen, seien aus der Frühschicht, sagt Hildebrandt. Ursprünglich seien es mehr gewesen, aber fünf Männer seien zum Mittagessen nach Hause gegangen. Später rechne man mit einer ähnlichen Anzahl an Streikenden aus der Mittagsschicht, alles in allem also um die 50 Beschäftigte, die die Arbeit niederlegen.
Warum nicht mehr, fragt unsere Redaktion den Gewerkschaftsvertreter. Immerhin beschäftigt Rubin um die 225 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Hildebrandts Antwort: Die Beschäftigten aus der Verwaltung erhielten – anders als die aus der Produktion – ein 13. Monatsgehalt und hätten somit keinen Grund zum Streiken.
Ohnehin sei manches nicht gerecht, neue Beschäftigte aus der Produktion, die beim Einstellungsgespräch geschickt verhandelt hätten, würden teils mehr verdienen als Stammkräfte, die seit 20 Jahren im Betrieb sind. Für Hildebrandt ein Unding.
Für Verunsicherung habe außerdem der Umgang mit Beschäftigten nach den vergangenen Streiks gesorgt: Mehrere Mitarbeiter seien von Vertretern der mittleren Führungsebene angesprochen und gefragt worden, warum sie streiken und weshalb sie nicht loyal zum Arbeitgeber seien. „Viele empfanden das als Einschüchterungsversuche“, betont Hildebrandt.
Während die Streikgruppe vor dem Unternehmen steht, rollen Lkws vom Hof. Der Betrieb gehe ganz normal weiter, bestätigt Christopher Rubin bei einem Telefonat mit unserer Redaktion. Was der Geschäftsführer zu sagen hat, klingt anders als die Angaben des Gewerkschaftlers. Es habe sehr wohl Gehaltsanpassungen gegeben, in den vergangenen zehn Jahren seien die Löhne bei Rubin stärker gestiegen als die Inflation im selben Zeitraum.
Rubin stellt Gehaltsrunde im Oktober in Aussicht
Man tue, was man könne, versichert der Geschäftsführer. Er verweist aber auch auf die Zwänge einer Branche, deren Erfolg von der vorherigen Ernte abhänge. In einem schlechtem Jahr für Getreide leide auch die Unternehmensbilanz. Ohnehin sei die allgemeine wirtschaftliche Lage gerade angespannt.
Nichtsdestotrotz werde im Herbst auf das erste Halbjahr geblickt, um zu prüfen, was bei den Gehältern möglich ist – Rubin stellt im Gespräch mit unserer Redaktion Gehaltserhöhungen zum 1. Oktober ins Aussicht, soweit das Betriebsergebnis es hergibt. Bereits Ende 2025 seien die Löhne angehoben worden.
Auf das 13. Monatsgehalt in der Verwaltung angesprochen, das die Beschäftigten in der Produktion auch gern hätten, erwidert Rubin, dass man es zum Ausgleich für Überstunden eingeführt habe. Und was ist mit den ungleichen Löhnen in ein- und derselben Abteilung in der Produktion? Hier erwidert Rubin, dass man auch darauf schauen müsse, welche Tätigkeit ein Mitarbeiter ausübt.
Dass Einstiegsgehälter heute höher sind als noch vor 20 Jahren, sei ganz normal. Dem Geschäftsführer ist auch die Feststellung wichtig, dass die Zahl der Streikenden insgesamt niedriger ist, als von Hildebrandt angegeben.
Die Rubin-Mühle
Die Rubin Mühle GmbH ist ein führende Hersteller von Getreideprodukten. Haupterzeugnisse sind Haferflocken, Getreideflocken, Mehle, Schrote und Extrudate wie Crispis und Flakes. Seit mehr als 335 Jahren im Geschäft und spezialisiert auf Getreideverarbeitung, beliefert das Traditionsunternehmen die Lebensmittelindustrie und Endverbraucher, wobei der Fokus auf Qualität und Bio-Produkten liegt.