Mit Luchs Toni und dem Wolf "GW852m" sind gleich zwei große Raubtiere in der Region unterwegs. Zumindest Toni könnte weibliche Begleitung bekommen. Und wie sieht es beim Wolf aus?
Bad Wildbad/Nordschwarzwald - Was machen eigentlich Toni und "GW852m"? Diese Frage bewegt nach wie vor viele Bewohner in der Region rund um Bad Wildbad. Zwar sind die beiden Raubtiere in einem großen Gebiet unterwegs. Die Gegend um das Obere Enztal hat für beide aber eine besondere Bedeutung. Denn vor allem der Wolf machte deutschlandweit Schlagzeilen, als 2018 mehr als 40 Tiere bei einer Attacke auf eine Schafherde in Nonnenmiß getötet wurden. Und Toni wurde auf dem Kaltenbronn erstmals eingefangen und besendert.
Und dem Luchs scheint es irgendwie besser zu gehen als dem Grauwolf. Das fängt schon damit an, dass er einen vernünftigen Namen bekommen hat. Toni klingt allemal besser als "GW852m". Könnte natürlich daran liegen, dass er keine negativen Schlagzeilen produziert. Und jetzt scheint er wieder bevorzugt zu werden. Denn das Land überlegt, weibliche Luchse im Nordschwarzwald auszuwildern. Über den aktuellen Stand des Projekts gibt Sebastian Schreiber, Pressesprecher des Ministeriums für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Auskunft.
Wie geht es Luchs "Toni" derzeit und wie alt ist er mittlerweile?
"Das genaue Geburtsjahr von Luchs Toni (wissenschaftliche Bezeichnung B3001) ist nicht bekannt", erklärt Schreiber. Die Analysen des Gebisszustandes sowie der Körpergröße bei der Besenderung im April 2020 ließen aber vermuten, dass es sich um ein Tier aus dem Jahr 2017 handelt. Erstmals von einer Wildkamera erfasst wurde er im Mai 2019 im Schweizer Jura bei Bassecourt. Wie andere männliche Luchse ist Toni von dort in den Schwarzwald gewandert. Der Erstnachweis in Baden-Württemberg erfolgte im Oktober 2019 im Nordschwarzwald (Gemeinde Bad Rippoldsau-Schapbach) ebenfalls mittels Wildkamera. Im Dezember 2019 wurde er in den Gemeinden Bad Wildbad, Weisenbach und Forbach fotografiert. Gute Fotos ermöglichen über den Vergleich des individuellen Fleckenmusters eine genaue Zuordnung. "Die regelmäßig erbeuteten und genutzten Rehe (in seltenen Fällen auch Rotwild) sowie das Raumverhalten des Luchses lassen den Schluss zu, dass es Toni gut geht und er sich im Nordschwarzwald ausgesprochen wohl fühlt. Toni ist nach wie vor im Nordschwarzwald unterwegs. Sein Territorium ist mit rund 800 Quadratkilometern auch für einen männlichen Luchs ungewöhnlich groß und deckt große Teile des Nordschwarzwaldes ab. Es ist zu vermuten, dass Toni den Anschluss zu Artgenossen, insbesondere weiblichen Tieren sucht. Dies wird im Frühjahr zur Paarungszeit der Luchse, in der sogenannten Ranzzeit, durch intensive weiträumige Wanderbewegungen von Toni besonders deutlich", so Schreiber.
Hat Toni noch einen Sender?
Der erstmalige Fang und die Besenderung sei der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) im April 2020 durch intensive Zusammenarbeit mit dem Wildtierbeauftragten des Landkreises Rastatt, Martin Hauser, und der Jägerschaft in der Gemeinde Weisenbach im Murgtal gelungen. Seither ist das Tier durchgehend besendert und das Halsband übermittelt regelmäßig Daten. Ein Wiederfang zum Austausch des aktuellen Halsbandes ist im Frühjahr 2023 geplant. Die Überprüfung möglicher Rissstandorte (sogenannte "Cluster") werden durch den Wildtierbeauftragten in Absprache mit den betroffenen Jägern vorgenommen. So kann das Beutespektrum von Toni erfasst werden. Die FVA informiert die Kreisjägervereinigung in der Region monatlich über die übermittelten Standortdaten und jährlich über gefundene Risse. Durch Führungen und Vorträge, beispielsweise am Infozentrum Kaltenbronn, wird auch die Öffentlichkeit über die spannenden Ergebnisse des Luchsmonitorings informiert.
Nun will das Land ja wohl sechs bis zehn weibliche Luchse auswildern. Ist das so korrekt?
"Die Chancen für die Rückkehr des Luchses sollen verbessert werden sollen", so der Ministeriumssprecher. Ein aktueller Projektplan befinde sich in Abstimmung mit dem Umweltministerium und potenziellen Projektpartnern. Das vierjährige Projekt hat zum Ziel, eine moderate Anzahl von Luchsen im Schwarzwald zu etablieren, um dort die Populationsentwicklung zu unterstützen. Die genaue Zahl von Tieren und das Geschlechterverhältnis stehen noch nicht fest und sind abhängig davon, wie viele Luchse im entsprechenden Zeitraum aus benachbarten Vorkommen zuwandern. Da die Zuwanderung von weiblichen Luchsen in den Schwarzwald bisher nicht beobachtet und kaum anzunehmen ist, stehen weibliche Tiere im Fokus.
Und steht schon fest, wann die weiblichen Luchse im Nordschwarzwald ausgesetzt werden sollen?
"Der Projektstart ist abhängig von den laufenden Abstimmungen", will der Sprecher noch keine genaueren Aussagen treffen.
Warum braucht es dieses Projekt? Ist sonst nicht damit zu rechnen, dass es auf natürlichem Weg zu einer Vergrößerung der Luchs-Population kommt?
Vor der Ausrottung besiedelten Luchse fast alle Wälder in Mitteleuropa. Durch Wiederansiedlungen sind in den vergangenen 50 Jahren vereinzelt wieder Vorkommen entstanden (zum Beispiel Schweizer Jura, Vogesen, Schweizer Alpen, Nord-Ost-Schweiz, Pfälzer Wald, Harz, Bayrischer Wald). Die benachbarten Luchsbestände sind jedoch zu klein, um als gesichert zu gelten. "Zur Verbesserung des Erhaltungszustandes ist die Auffrischung der Population mit Luchsen nötig, die in keinem engen verwandtschaftlichen Verhältnis zu den Tieren im Jura stehen. Eine Vernetzung der Vorkommen und eine Besiedlung neuer geeigneter Lebensräume sind die Voraussetzung für eine langfristige Sicherung der Luchsbestände", teilt Schreiber mit.
Wie viele Luchse gibt es derzeit im Land?
In Baden-Württemberg konnten seit dem Jahr 2007 18 verschiedene Luchse identifiziert werden, die aus benachbarten Populationen zugewandert waren. Davon nur ein weibliches Tier im Landkreis Konstanz, das sich nur kurzfristig dort aufhielt und seit über einem Jahr nicht mehr nachgewiesen werden kann. Nur wenige Luchse bleiben in einer Region, wenn sie keinen Kontakt zu Artgenossen haben. Aktuell sind in Baden-Württemberg drei Individuen als sesshafte Tiere bestätigt: Ein männliches Tier (Kuder) im Oberen Donautal, eines im Südschwarzwald und eines im Nordschwarzwald. Ohne eine aktive Bestandsstützung mit weiblichen Tieren wird sich in Baden-Württemberg auf absehbare Zeit jedoch kaum ein stabiles Luchsvorkommen entwickeln. Eine Bestandsstützung wiederum würde die Vorkommen im Jura, der Nord-Ost Schweiz, den Vogesen und dem Pfälzer Wald stabilisieren.