Revierförster Thomas Leser erklärt, wie das Holz aus dem Stadtwald nun weiterverarbeitet wird. Foto: Helen Moser

„Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah.“ Was schon Goethe wusste, gilt auch für das Holz, das an der neuen Fassade des St. Georgener Rathauses zum Einsatz kommt.

Schnee knirscht unter den Sohlen auf den Wegen, die durch den St. Georgener Stadtwald führen. Von oben fallen weitere, dicke weiße Flocken nach, während die Sonne es kaum schafft, durch die Wolken und Baumwipfel auf den Waldboden zu blitzen.

 

Nur eines stört die Idylle: In der Ferne heult eine Motorsäge. Mit ihr rücken die Waldarbeiter einer alten Weißtanne zu Leibe. Mit Erfolg: Nur ein paar Minuten geht es, dann stürzt der Baum mit einem lauten, knarzenden Geräusch zu Boden. Ein bisschen ist es das Ende einer Ära: Etwa 180 bis 190 Jahre stand der Baum wohl an dieser Stelle, schätzt Revierförster Thomas Leser aufgrund seiner Größe.

Grundlos werden diese über lange Zeit gewachsenen Reserven im St. Georgener Stadtwald nicht angezapft – ganz im Gegenteil: Das Holz, das hier in den vergangenen Wochen geschlagen wurde und noch geschlagen wird, bekommt eine ganz besondere Verwendung in der Stadtmitte. Es wird künftig eine tragende Rolle in der Konstruktion der Fassade des St. Georgener Rathauses haben – und diese auch optisch entscheidend mitprägen.

Vertreter von Stadtverwaltung, Gemeinderat, Forst und Planungsbüro schauen sich im St. Georgener Stadtwald um. Foto: Helen Moser

Dafür wird so einiges an Holz geschlagen, wie Leser beim Besuch im Stadtwald schildert: Etwa 590 Festmeter Fichtenholz und zwischen 250 und 260 Festmeter Weißtannenklötze seien bereits geschlagen, informierte er Vertreter von Stadtverwaltung und Gemeinderat. Etwa 100 Festmeter Weißtannenklötze sollen nun noch hinzukommen.

Die Forstplanung gibt den Einschlag her – locker

Das ist eine Menge Holz – allerdings nichts, was die städtische Forstplanung oder die zehnjährige Forsteinrichtung ins Wanken bringt, wie Bürgermeister Michael Rieger betont. In der Forsteinrichtung ist ein jährlicher Soll-Einschlag von gut 6200 Festmetern vorgesehen. Das Holz fürs Rathaus ist da problemlos drin, sind sich Bürgermeister Rieger und Förster Leser einig – auch, weil die Stadt infolge eines äußerst erntearmen Jahres 2023 bei der durchschnittlichen jährlichen Ernte noch unter dem Soll liegt.

Rote Photovoltaik-Elemente und Holz aus dem Stadtwald sollen die neue Rathausfassade optisch dominieren. Foto: Architekturbüro Sutter3

Schwieriger als gedacht sei es jedoch gewesen, geeignete Bäumen für das für die Rathaussanierung benötigte Holz zu finden, berichtete Leser. Dennoch gelang es, entsprechend große Bäume mit der notwendigen Qualität zu lokalisieren und zu fällen. Sie wandern als Nächstes ins Sägewerk, wo sie in die Form gebracht werden, die der Zimmereibetrieb benötigt, um sie für die Rathausfassade einzusetzen.

Rieger: „Wir hoffen, dass das Nachahmer findet“

Dass das Holz dafür aus dem eigenen Stadtwald stammt – und zwar direkt, „eins zu eins“, nicht nur bilanziell, wie Rieger betont –, ist aus Sicht des Bürgermeisters vor allem eines: beispielhaft. Bei der Rathaussanierung stehen die Zeichen ja ohnehin auf Nachhaltigkeit – da passt auch die super-lokale Herkunft des verwendeten Holzes dazu. Man sei hier absolut in der Vorreiterrolle, findet Rieger. „Und wir hoffen, dass das Nachahmer findet.“

Vertreter von Stadtverwaltung, Gemeinderat, Forst und Planungsbüro schauen sich im St. Georgener Stadtwald um. Foto: Helen Moser

Ähnlich sieht das auch Daniel Steiger vom Architekturbüro Sutter3, das die St. Georgener Rathaussanierung begleitet. Er war eigens von Freiburg nach St. Georgen gekommen, um sich ganz genau anzusehen, wo das Holz für die Rathaussanierung herkommt. Denn: „Das ist durch und durch besonders“, betont Steiger.

Revierförster Thomas Leser schildert, worauf es bei der Holzauswahl ankommt. Foto: Helen Moser

„Es ist nicht normal, wie man hier an die Rathaussanierung rangeht.“ Auch deshalb: Es sei eben keine sibirische Lärche und auch kein Leimholz, als Rohmaterial nach China ex- und verarbeitet wieder nach Deutschland importiert, das hier zum Einsatz komme.

Im verschneiten Stadtwald sind die Forstarbeiter im Einsatz, um Holz für die Rathaussanierung zu ernten. Foto: Helen Moser

Unklar ist bisher, inwiefern sich der Einsatz von Holz aus dem Stadtwald auch ins Innere des Rathauses ziehen wird. Überlegungen für Möbel aus eigenem Holz gibt es bereits – diese sind allerdings noch Zukunftsmusik.