Die 6. Klasse des Progymnasiums Rosenfeld war zu Besuch bei der Firma „Etter Fenstertechnik“ in Leidringen. Mit fachmännischer Unterstützung haben sie Nistkästen gebaut.
Der Hausbau dauert nur wenige Stunden. Noch ein paar feste Schläge mit dem Hammer, dann sitzt die Dachlatte. Fehlen nur noch die Aufhängedrähte – und die farbenfrohe Bemalung.
„Da dürfen wir malen, was wir wollen“, sagt Samira. Die Zwölfjährige steht mit dem Bohrer in der Hand in der Werkhalle der Firma „Etter Fenstertechnik“ in Leidringen. Gemeinsam mit 16 weiteren Jugendlichen des Progymnasiums Rosenfeld baut sie Nistkästen für Meisen und Sperlinge – oder vielmehr „Luxuswohnungen“, wie Schülerin Malia mit einem breiten Lächeln sagt.
Nachhaltigkeit und Handwerk
Die Elfjährige und ihre Freundin Mia haben sich für Nistkästen für Sperlinge entschieden. Der Unterschied zu den Meisenhäusern: lediglich die Größe des Einfluglochs. „Die Meisen sind kleiner und haben deshalb mehr Möglichkeiten, sich vor Feinden zu verstecken und in kleinere Baumhöhlen zu schlüpfen“, erklärt Mia. Doch genau solche natürlichen Verstecke werden immer seltener. Alte Bäume mit Höhlen fehlen, Gebäude werden saniert und dicht verschlossen – vielen Vogelarten mangelt es an geeigneten Brutplätzen. Nistkästen bieten Meisen, Sperlingen und anderen Höhlenbrütern eine wichtige Alternative.
Der Projekttag sei etwas ganz Besonderes, sagt Mia. „Ich mag es, etwas mit den Händen zu schaffen. Wir wollen beide hier mal ein Praktikum machen“, fügt Malia hinzu. Den Jugendlichen Handwerksberufe näher zu bringen, ist ein Anliegen von Schulleiter Christian Breithaupt. Zum ersten Mal besucht er mit der sechsten Klasse das Familienunternehmen „Etter Fenstertechnik“. Glasermeisterin und Ausbildungsbotschafterin Anna-Lena Etter war vor zehn Jahren seine Schülerin. „Das Holz, das wir heute für die Nistkästen nutzen, kommt aus dem Waldstück von einem Mitarbeiter“, sagt sie.
Nachhaltigkeitsgedanke und Schutz der Natur
Dass die Nistkästen nicht nur Vögeln zugutekommen, sondern auch nachhaltig hergestellt werden, ist Teil des Projekts, betont Gabi Förster. Die ausgebildete Streuobst- und Naturschutzpädagogin bringt den Schülern mit einzelnen Projekttagen den Nachhaltigkeitsgedanken und den Schutz der Natur näher. Seit 25 Jahren arbeitet Förster bei der BBQ (Berufliche Bildung Gmbh). Vor drei Jahren hat sie zum ersten Mal Projekttage am Progymnasium angeboten.
„Der Projekttag heute verbindet gleich zwei Themen: die Nachhaltigkeit und den Bezug zum Handwerk.“ Das Motto: „Vom Baum zum Nistkasten“. Und wieder zurück: Denn schon am Nachmittag hängt die Schulklasse die Holzhäuser für die Singvögel in Bäume entlang des Biodiversitätspfads Pfingsthalde in Rosenfeld.
Bis es so weit ist, haben die Jugendlichen noch alle Hände voll zu tun. Sägen surren, Bohrer setzen an, Hämmer klopfen im Takt. Baupläne liegen auf den Tischen, mit Bleistift beschriften die Schüler die einzelnen Holzbretter. Rosalie hantiert mit dem Meterstab und misst noch einmal genau nach.
Vogelhaus doch nicht so schnell gebaut als gedacht
Schritt für Schritt entstehen die Nistkästen – und dabei gilt es, einiges zu beachten: Wichtig ist vor allem die richtige Größe des Einfluglochs, damit nur bestimmte Vogelarten hineingelangen. Auch die Maße des Kastens, unbehandeltes Holz und eine stabile Bauweise spielen eine Rolle. „Hier müssen wir noch ein bisschen nachbessern“, sagt ein Mitarbeiter zu einem Schüler und zeigt auf ein überstehendes Stück Holz. Zentimeterarbeit ist gefragt.
Mit konzentriertem Blick hält Samira wenige Meter entfernt die Innenseite des Kastens und das vordere Holzbrett zusammen, während Line mit dem Akkuschrauber die einzelnen Schrauben Stück für Stück ins Holz treibt, bis der Kasten Halt bekommt. „Fast fertig“, kommentiert sie den Zustand des Rohbaus. Nun fehlt nur noch der Dachbelag. „Man muss gut auf die Finger aufpassen.“ Malia bemerkt: „Man denkt immer, so ein Vogelhaus ist ganz schnell gebaut. Aber es beansprucht viel Zeit und ist echt aufwendig, eins zu bauen.“
Vom Rohstoff zum Produkt
„Die Schülerinnen und Schüler bekommen durch solche Projekte einen ganz anderen Bezug zur Praxis. Sie fertigen aus dem Rohstoff ein Produkt – mit den eigenen Händen“, sagt Breithaupt. In dem Moment öffnet sich die Tür der Halle und Markus Zehnder tritt ein. Der „Streuobst-Papst“ des Zollernalbkreises hat über Jahrzehnte hinweg unzählige Baumfachwarte geschult und tausenden Schulkindern den Obstbau nähergebracht. „Ich wollte mal vorbeischauen“, sagt er und lächelt beim Anblick der konzentriert arbeitenden Jugendlichen.
„Ein Baum wächst rund 120 Jahre, bis er als Bauholz genutzt werden kann“, erklärt ein Mitarbeiter den Schülern gerade. Während die Jugendlichen ihre Nistkästen in wenigen Stunden fertigstellen, steckt in jedem Brett ein Jahrhundert Naturgeschichte. Hier wird die Zeitspanne greifbar – zwischen dem schnellen Arbeiten an den Nistkästen und dem langsamen Wachstum der Bäume, aus denen sie entstehen. Am Ende des Projekttags steht deshalb mehr als ein fertiger Nistkasten: ein Stück Verständnis dafür, wie eng Handwerk, Natur und Geduld miteinander verwoben sind.