Trotz hoher Inzidenzen landen derzeit weniger Menschen auf der Intensivstation: Die Omikron-Variante des Coronavirus bringt mildere Verläufe mit sich. Foto: dpa/Daniel Vogl

Die Zahl der Corona-Neuinfektionen wächst aktuell nicht mehr exponentiell. Fachleuten zufolge könnte deshalb bald der Wendepunkt der Omikron-Welle erreicht sein. Was trägt zu dieser Entwicklung bei – und was könnte den positiven Trend bremsen?

Stuttgart/Berlin - Fachleute erwarten einen Wendepunkt der Omikron-Welle in den kommenden zwei bis drei Wochen. „Bundes- wie landesweit steuern wir auf den Höhepunkt zu, danach sollten die Infektionszahlen nach unten gehen“, sagte der Infektionsepidemiologe Hajo Grundmann unserer Zeitung. Im Südwesten könnte der Höhepunkt der Infektionswelle seinen Modellierungen zufolge um den Aschermittwoch herum erreicht sein, das exponentielle Wachstum der Zahl der Corona-Neuinfektionen sei bereits linear geworden.

Zugleich warnte Grundmann vor verfrühten Lockerungen der Corona-Schutzmaßnahmen: „Wir wissen aus den Nachbarländern: Wenn zu früh geöffnet wird, kann es sein, dass das Verhalten der Bevölkerung die Entwicklung torpediert“, so der Leiter des Instituts für Infektionsprävention und Krankenhaushygiene am Uniklinikum Freiburg. Öffnungsschritte vor Weiberfastnacht hält Grundmann gerade im Hinblick auf die Karnevalssaison für ein falsches Signal. Auch Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hatte am Dienstag gewarnt, Öffnungsschritte könnten dazu führen, dass sich die Welle länger hinziehe. Der Minister erwartet einen Höhepunkt der Coronawelle aber ebenfalls noch für den Februar.

Viele durchgemachte Infektionen und Impfungen spielen eine Rolle

Der Zuwachs bei der 7-Tage-Inzidenz der offiziell erfassten Corona-Neuinfektionen hat sich in den vergangenen Tagen abgeschwächt. Laut Robert Koch-Institut (RKI) lag der Wert zuletzt bei 1450,8, die Reproduktionszahl liegt bundesweit knapp unter dem Wert 1: Eine infizierte Person steckt im Schnitt also etwas weniger als eine weitere Person an. In Baden-Württemberg liegt der R-Wert noch etwas über 1, auch die Inzidenz ist hier höher. Allerdings wird davon ausgegangen, dass viele positive Fälle derzeit nicht erfasst werden – auch, weil die Testlabore ausgelastet sind und viele Infektionen deshalb nicht mit PCR-Test bestätigt und in der Statistik erfasst werden. Eine weitere Unsicherheit im Hinblick auf Prognosen ist die Wirkung des Omikron-Subtyps BA.2, die bisher noch nicht klar absehbar ist.

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Insgesamt zeigte sich Infektionsepidemiologe Hajo Grundmann optimistisch: „Jede Welle hat ein Ende, hilfreich hinzu kommt mit dem Frühling nun auch die saisonale Abschwächung der Infektionslage“, sagte er. Wer sozial besonders aktiv sei, habe bereits eine Infektion durchstanden oder sei derzeit infiziert – das könne zu einer Kehrtwende beim Infektionsgeschehen beitragen, auch die Impfungen spielten eine Rolle. „Auf den Intensivstationen werden wir die Omikron-Welle gut überstehen“, sagte Grundmann. „Omikron führt zu milderen Verläufen. Auf den Intensivstationen liegen derzeit vor allem Ungeimpfte, auch einige Fälle mit einer Delta-Infektion.“ Auf den Normalstationen der Krankenhäuser könnte es dagegen durchaus „noch einmal eng werden“, sagte Grundmann: Weil die Omikron-Welle so viele Menschen gleichzeitig erreiche, sei der Hospitalisierungsbedarf hoch, zugleich komme es zu Personalausfällen.

Bei der Belegung der Intensivbetten zeichnet sich eine Stagnation ab

Bundesweit waren am Mittwoch laut DIVI-Intensivregister 2398 Menschen wegen einer Corona-Infektion in intensivmedizinischer Behandlung, acht mehr als am Vortag. In Baden-Württemberg waren es 275 Fälle, hier macht der Anteil an Covid-Fällen an der Gesamtzahl der betreibbaren Intensivbetten 12 Prozent aus. Auch nach einer aktuellen Einschätzung der Deutschen Krankenhausgesellschaft dürften die Kliniken die Welle gut bewältigen können, mit einer Überlastung des Gesundheitswesens rechnet man demnach nicht mehr. RKI-Chef Lothar Wieler hatte am Dienstag allerdings gewarnt: Derzeit infizieren sich vor allem jüngere Menschen mit dem Coronavirus, bei den Älteren gehen die Werte erst allmählich hoch.