Sehr hohe Stärke bei sehr geringer Dynamik: Dieses Zeugnis stellt der Prognos-Zukunftsatlas dem Kreis Rottweil aus. Wie bewerten die Akteure aus der Region dieses Ergebnis?
Welche Chancen hat der Landkreis Rottweil mit Blick in die Zukunft? Wenn es nach dem Prognos-Zukunftsatlas 2025 geht: hohe. Im Vergleich mit 399 Landkreisen und kreisfreien Städten landet der Kreis Rottweil auf Rang 67. Wir schauen uns die Ergebnisse genauer an.
Beim ersten Blick auf den Zukunftsatlas – die Gesamtkarte zeigt Zukunftschancen und -risiken – fällt auf: Im Landkreisvergleich liegt Rottweil überwiegend vor seinen direkten Nachbarn, für die jeweils nur „leichte Chancen“ ausgewiesen werden. Unter denen schneidet der Schwarzwald-Baar-Kreis mit Rang 89 noch am besten ab. Eine Ausnahme ist der Landkreis Tuttlingen, der mit „sehr hohen Chancen“ auf Rang 19 landet.
Sehr hohe Stärke bei sehr geringer Dynamik
Fasst man die einzelnen Unterkategorien im Ranking ins Auge, so schneidet der Kreis Rottweil in der Kategorie „Stärke“ mit Rang 34 (von 400) am besten ab, während er beim Thema „Dynamik“ mit dem Attribut „sehr gering“ lediglich auf Platz 365 landet. Die weiteren Platzierungen sind Rang 99 bei Demografie, Rang 118 bei Wirtschaft und Arbeitsmarkt, Rang 70 bei Wettbewerb und Innovation und Rang 81 bei Wohlstand und sozialer Lage.
2022 übrigens wurden dem Kreis Rottweil ebenfalls schon „hohe Chancen“ attestiert, er landete aber weiter vorne: auf Platz 60. Wir konfrontieren Verantwortliche in der Region mit der Bewertung. Ist diese realistisch? Wo kann der Landkreis aus ihrer Sicht punkten, und wo ist noch Luft nach oben?
Ausbau der Verkehrsinfrastruktur wichtig
„Der Prognos-Zukunftsatlas zeigt: Die Region Schwarzwald-Baar-Heuberg gehört weiterhin zu den wirtschaftlich starken Regionen Deutschlands“, lautet das Fazit von IHK-Vizepräsidentin Bettina Schuler-Kargoll. Der Landkreis Rottweil überzeuge mit einer starken wirtschaftlichen Basis und guten Standortfaktoren.
Gleichzeitig gelte: Herausforderungen wie demografische Veränderungen oder infrastrukturelle Engpässe ließen sich nur im Zusammenspiel mit politischen Entscheidungen auf Landes- und Bundesebene nachhaltig lösen.
Unterstützung brauche es insbesondere beim Ausbau der Verkehrsinfrastruktur. Für den Landkreis Rottweil sei etwa die Modernisierung der Gäubahn oder die Ortsumfahrung Schramberg zentral. „Diese Maßnahmen stärken die Erreichbarkeit und fördern die wirtschaftliche Entwicklung.“
Zu viele Schüler ohne Abschluss
Es gehe aber auch darum, die Rahmenbedingungen für den Mittelstand insgesamt zu verbessern: private Investitionen erleichtern, Innovationen fördern, Bürokratie abbauen und Energiekosten senken. „Dies muss begleitet werden durch gezielte staatliche Investitionen in Verkehr und Digitalisierung.“
Um die Unternehmenskultur zur stärken, sei eine Steigerung der Gründungsbereitschaft erforderlich. „Dazu sollte unternehmerisches Denken bereits an allgemeinbildenden Schulen viel stärker unterstützt und die Berufsorientierung ausgebaut werden, um junge Menschen frühzeitig mit der Selbstständigkeit als berufliche Option vertraut zu machen“, sagt Bettina Schuler-Kargoll: „Und wir müssen den Bildungssektor stärker fördern und speziell noch mehr für die duale Ausbildung werben. Denn noch verlassen zu viele Schüler die Schule ohne Abschluss.“
Handwerk als Stabilitätsanker
Aus Sicht von Georg Hiltner, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Konstanz, betont der Zukunftsatlas besonders die Bedeutung branchenübergreifender Innovationskraft – „ein Bereich, in dem Rottweil mit seinem starken und vielfältigen Mittelstand überzeugt.“ Während viele Regionen durch Rezession und Strukturwandel geschwächt seien, habe sich der Kreis Rottweil gut behaupten können.
Ein Stabilitätsanker bleibe das Handwerk. Der Kreis Rottweil habe eine hohe Dichte an mittelständischen, oft familiengeführten Handwerksbetrieben – mehr als 2100 –, die sich durch hohe Fachkräftebindung und Ausbildungsleistung auszeichnen. Und das seien Faktoren, die Prognos als zentrale Zukunftsindikatoren für Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit hervorhebe.
Ausbildungszahlen sinken
Gleichzeitig stehe Rottweil wie viele andere Landkreise vor Herausforderungen: Der demografische Wandel führe dazu, dass die Ausbildungszahlen sinken. Stand Herbst 2025 ließen sich 585 junge Menschen im Landkreis handwerklich ausbilden. „2010 waren es noch 750“, so Hiltner.
Positiv sei, dass gerade die für die Modernisierung von Gebäuden und Infrastruktur und für die Umsetzung der Energiewende wichtige Berufe, wie Anlagenmechaniker und Elektroniker, wieder beliebter seien.
Rund ein Drittel aller Betriebsinhaber im Handwerkskammerbezirk seien 55 Jahre oder älter. „Wesentlich für die Zukunftsfähigkeit des Landkreises wird daher auch sein, ausreichend Übernehmer für diese Unternehmen zu finden.“ Hierfür benötige man eine mittelstandsfreundliche Politik, die unter anderem das Thema Bürokratielast, das viele junge Menschen vom Schritt in die Selbstständigkeit abhalte, ernsthaft angehe“, so Georg Hiltners Fazit.
Im regionalen Vergleich auf Platz 2
Landrat Wolf-Rüdiger Michel äußert auf unsere Anfrage zuallererst Dankbarkeit für die „gute Aufstellung der Region“. Der Blick auf die Ergebnisse des Zukunftsatlas’ zeigt, dass man mit der gesamten Region Schwarzwald-Baar-Heuberg gut abschneide.
Diese Ergebnisse sprächen für den Fleiß der Bürger und für eine gute Infrastruktur, mit der man in der Region ein attraktives Wohn- und Arbeitsumfeld biete. „Auch die politischen Anstrengungen der letzten 20 Jahre, sei es vor Ort, in Stuttgart oder in Berlin, haben erheblichen Anteil an den guten Bewertungen“, meint Michel.
Die Verschlechterung um sieben Plätze im Vergleich zu 2022 sei prozentual gesehen eher gering und könnte auch an etwas anderen Bewertungsschwerpunkten im Detail liegen. Im regionalen Vergleich stehe der Landkreis Rottweil auf Platz 2, „und das zeigt, dass wir wichtige Herausforderungen gut lösen.“
Dynamik-Problem wegen „Abwanderung“?
Beim Parameter „Stärke“ sei man, abgesehen von ICE-Anschluss und Flughafen, sehr gut dabei. „Als Wirtschaftsstandort von Rang baut der Landkreis die öffentliche Infrastruktur seit vielen Jahre ständig aus, nicht zuletzt den ÖPNV mit Ringzug und Regiobus.“
Dass der Kreis Rottweil beim Parameter „Dynamik“ im Vergleich mit der Raumschaft auf dem letzten Platz lande, lasse sich nur mit einer besonderen Gewichtung beim Wanderungssaldo junger Menschen erklären. „Denn wir sind bei vielen Bewertungskriterien, die hier herangezogen werden, gut – etwa bei den Schulabbrechern, der Arbeitslosenquote, der Beschäftigungsentwicklung und allem rund um Wirtschaft und Soziales.“
Aber man habe keine Hochschule. Wer fürs Studium wegziehe, der wandere also immer aus dem Landkreis ab. „Kommt jemand aus Oberndorf und zieht zum Studium ins knapp 40 Kilometer entfernte Schwenningen, ist diese Person ein ‚Abwanderer‘ aus dem Landkreis. Wer aus Hornberg stammt und zum Studium ins knapp 50 Kilometer entfernte Offenburg zieht, bleibt im gleichen Landkreis“, nennt Wolf-Rüdiger Michel ein Beispiel. „Nur so lässt sich trotz teilweise gleicher beziehungsweise ähnlicher Parameter erklären, warum wir bei Stärke gut und bei Dynamik hinten sind.“ Bei diesem Bewertungskriterium werde es deshalb vermutlich wenig Chancen geben, einen höheren Platz zu erreichen.
Michels Fazit: „In der Vergleichsgruppe Ländlicher Raum steht der Landkreis Rottweil insgesamt und bei fast allen Einzelbewertungen auf einem guten Platz. Daraus dürfen wir uns aber nicht ausruhen, sondern müssen unsere Infrastruktur weiterhin zukunftsgerecht ausbauen – ein gutes Beispiel dafür ist unser Glasfaserprojekt.“
Der Prognos-Zukunftsatlas
Der Zukunftsatlas
ist ein Ranking der 400 Kreise und kreisfreien Städte in Deutschland, erstellt von der Prognos AG, einem wirtschafts- und gesellschaftswissenschaftlich ausgerichtetem Forschungs- und Beratungsunternehmen. Seit 2004 überprüft der Zukunftsatlas alle drei Jahre die Zukunftsfestigkeit der deutschen Regionen und gibt laut eigener Beschreibung Auskunft darüber, wie Regionen im Standortwettbewerb positioniert sind. Die Grundlage für die Bewertung bilden laut Prognos 31 makro- und sozioökonomische Indikatoren. Zu denen gehören beispielsweise Anteil junger Erwachsener, Arbeitslosenquote, Gründungs- und Patentintensität, Kaufkraft, Kriminalitätsrate und mehr. Die Daten stammen unter anderem aus Statistiken des Bundes und der Länder, der Bundesagentur für Arbeit, der polizeilichen Kriminalstatistik und weiteren Quellen.