Auch zu den Spielen des Handball-Bundesligisten TVB Stuttgart kommen in dieser Saison weniger Zuschauer als vor der Pandemie. Foto: Baumann/Alexander Keppler

Double-Gewinner Allianz MTV Stuttgart rechnet im Supercup in der Porsche-Arena gegen den SC Potsdam mit 5500 Fans, eine solche Kulisse gab es im deutschen Frauen-Volleyball noch nie. Von derartigen Bestmarken sind andere Clubs aus der Region weit entfernt.

Beim Bundesliga-Derby zwischen den Handballern von Frisch Auf Göppingen und dem TVB Stuttgart gab es am Donnerstagabend noch Sitzplatztickets an der Abendkasse, rund 1500 Fans mehr hätte die EWS-Arena gut verkraftet. Die Ludwigsburger Basketballer verkauften für das erste Champions-League-Heimspiel nicht mal ein Viertel der Eintrittskarten, Eishockey-Bundesligist Bietigheim Steelers liegt weit hinter der eigenen Kalkulation zurück. Es sind drei Beispiele für einen klaren Trend: Selbst die großen Hallensportarten haben mit nachlassendem Zuschauerinteresse zu kämpfen. Eine Ausnahme sind die Volleyballerinnen von Allianz MTV Stuttgart. Noch?

 

Volleyball Die Saison beginnt für die Volleyballerinnen von Allianz MTV Stuttgart gleich mit dem ersten Höhepunkt. Auf den Bundesliga-Start an diesem Freitag (19 Uhr/Scharrena) gegen den VfB Suhl folgt am Dienstag (17.15 Uhr) in der Porsche-Arena der Supercup. Wie das Duell des Meisters und Pokalsiegers gegen den Vizemeister SC Potsdam ausgehen wird, ist offen. Und trotzdem sagt Geschäftsführer Aurel Irion schon jetzt: „Für uns ist der Supercup ein großer Erfolg.“ Weil ein Ziel bereits erreicht ist.

Bislang liegt der Zuschauerrekord für ein Frauenvolleyball-Spiel in Deutschland bei 5392, aufgestellt 2016 im vierten Play-off-Finale um die Meisterschaft zwischen Allianz MTV Stuttgart und dem Dresdner SC in der Porsche-Arena. Das Vorhaben war, diese Bestmarke zu knacken – was geklappt hat. Für das Supercup-Duell gibt es nur noch 350 Stehplatztickets, Irion rechnet mit mindestens 5500 Fans. „Wir haben sehr viel Werbung gemacht, hinter dieser Zahl steckt enorme Arbeit“, sagt der Geschäftsführer, „umso stolzer sind wir, gezeigt zu haben, dass Volleyball in der Region ankommt.“

Allerdings ist den Verantwortlichen bewusst, dass ein besonderes Ereignis nicht automatisch Rückschlüsse auf den Alltag zulässt. „Natürlich gibt es auch im Volleyball Probleme, für die Liga wird es schwierig, den Schnitt zu erreichen, den sie vor der Pandemie hatte“, meint Irion, „und auch wir können es uns trotz unserer guten Fanbasis und der besten Saison der Vereinsgeschichte nicht erlauben, uns zurückzulehnen.“ Bis jetzt stimmen die Zahlen optimistisch.

Allianz MTV Stuttgart hat den Verkauf der Dauerkarten aus organisatorischen Gründen bei der Zahl von 600 gestoppt, das Ziel ist, im Schnitt auf 2000 Fans zu kommen – wie in der wegen Corona abgebrochenen Saison 2019/20. Das ist nicht unmöglich, auch wenn es vor allem im November eine eher unglückliche Ballung an Heimspielen gibt. Ein nochmaliger Umzug in die Porsche-Arena ist übrigens so gut wie ausgeschlossen, auch in einer durchaus möglichen Play-off-Serie um die Meisterschaft. „Wir stoßen mit unserer auf viele ehrenamtliche Helfer ausgelegten Struktur schon jetzt beim Supercup an unsere Grenzen. Das können wir nicht oft machen“, sagt Aurel Irion, „die Scharrena ist die richtige Halle für uns.“

Und auch etwas einfacher zu füllen.

Handball Die Sorge ist groß in der Bundesliga. Vom Vor-Corona-Niveau, als im Schnitt bis zu 5000 Zuschauer pro Partie kamen, ist die Liga weit entfernt (bis zu 20 Prozent). „Alle Vereine haben mit Rückgängen zu kämpfen“, sagt Jennifer Kettemann, die Geschäftsführerin der Rhein-Neckar Löwen, „weniger Leute wollen sich binden, der Griff zur Dauerkarte ist zögerlicher.“ Und Bob Hanning, der Manager der Füchse Berlin, meint: „Wir wollen weiter junge Fans und deren Familien in die Halle bringen. Doch wie oft können sie sich das in diesem Winter leisten? Vorherige vier Besuche beim Handball werden dann vielleicht ein oder zwei.“

An Platz mangelt es auch beim TVB Stuttgart nicht. Während der Pandemie wechselte der Club von der Scharrena (Kapazität: 2251) in die Porsche-Arena (6200) – um besser auf etwaige Corona-Einschränkungen reagieren zu können, aber auch, um überhaupt eine Perspektive zu haben. „Wer in der Liga mithalten will“, sagt Geschäftsführer Jürgen Schweikardt, „muss in eine große Halle.“ Nun gilt es, diese auch zu füllen. 1700 Dauerkarten und Sponsorentickets sind fest vergeben, im Schnitt kommen 3700 Fans.

Damit ist der TVB sehr zufrieden – allerdings steckt hinter dieser Zahl enorme Arbeit. Zwei bis drei Personen auf der Geschäftsstelle sind nur mit Zuschauer-Marketing beschäftigt, kümmern sich um PR-Maßnahmen, Kooperationen mit Vereinen und Schulen, Rabattaktionen. „Fans, die vor Corona da waren, zurückzugewinnen und neue anzulocken ist eine große Herausforderung. Wir müssen richtig viel tun“, sagt Schweikardt, der Gerüchten, dass Tickets verschenkt würden, widerspricht: „Das gibt es nicht, außer vielleicht mal bei Kooperationen. So vorzugehen würde uns auf Dauer ruinieren.“

Ein gutes Marketing-Argument ist immer der Erfolg. Nach dem schwachen Saisonstart hat der TVB die letzten drei Heimspiele gewonnen. Das hilft, gibt aber keine Sicherheit. „Corona hat viel verändert, dazu kommen die Energiekrise und die Inflation – uns bricht deshalb ein Teil der Zielgruppe weg“, sagt Schweikardt. „Es ist ein Problem, das natürlich auch erfolgreiche Vereine haben.“

Basketball Unverhofft kommt oft. Wobei sich dies am Sonntagabend in der Ludwigsburger MHP-Arena weniger auf das sportliche Ergebnis beim 92:78 der Riesen gegen den mehrfachen Meister Brose Bamberg bezog, sondern auf die Zuschauerzahl. Exakt 3705 Besucher waren da, so viele hatte der Basketball-Bundesligist in der vergangenen Saison gerade einmal – im Halbfinal-Duell gegen den späteren Meister Alba Berlin.

Wird jetzt also alles gut? Alexander Reil traut dem Frieden nicht. „Warten wir erst mal ab“, sagte der Chef der Riesen, „wir müssen richtig Gas geben, damit die Leute in die Halle kommen.“ So hatte der Verein im Vorfeld der Partie etliche Aktionen gestartet, zum Beispiel mit Schulen, um endlich mal wieder eine ordentliche Kulisse zu haben. „Die Fans haben uns viel Energie gegeben“, erklärte Coach Josh King, „aber wir müssen sie auch mitziehen.“

Das gelang über weite Strecken sehr gut, und sechs Siege in sieben Pflichtspielen mit einer neu formierten Mannschaft sowie neuem Chefcoach können sich zudem sehen lassen. „Normalerweise müssten die Zuschauer da von alleine kommen“, meinte Reil. Doch diese Zeiten sind vorbei – seit Corona.

In der Vergangenheit hat der Verein stets um die 1500 Dauerkarten verkauft, diesmal war es ein Drittel weniger. Entsprechend schwäbisch vorsichtig wurde kalkuliert. Die Riesen rechnen mit einer 55-prozentigen Auslastung, das wären bei der aktuellen Kapazität von 4200 Plätzen in der MHP-Arena rund 2300 Besucher im Schnitt. Das erscheint möglich, allerdings weiß angesichts der Energiekrise niemand, ob die Leute nun auch sparsamer werden, was Besuche bei Sportveranstaltungen angeht.

Zugleich haben nicht nur die Riesen ein Problem. Dem Rivalen Ratiopharm Ulm, der jahrelang eine mit 6200 Zuschauern ausverkaufte Arena hatte, ergeht es nicht besser. Zum Saisonstart gegen die BG Göttingen kamen nur 4186 Besucher. „Generell“, sagte Reil, „betrifft es alle Hallensportarten.“

Eishockey Auch die DEL bekommt den allgemeinen Trend zu spüren. Im Schnitt gab es bei den 15 Clubs in der vergangenen Saison im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit einen Zuschauerrückgang von etwa zehn Prozent, am heftigsten erwischte es die Adler Mannheim (minus 23,7 Prozent), die aktuell 8482 Fans pro Partie haben. Die Bietigheim Steelers hatten in der Runde 2021/22, die mit Spielen vor leeren Rängen begann, einen Schnitt von 1983 Besuchern und damit mehr als München oder Wolfsburg. Diese Saison ist der Schnitt ähnlich. 2113 Fans sind es pro Spiel, die Egetrans-Arena hat rund 4500 Plätze. Die Steelers sind damit Liga-Schlusslicht, davor befinden sich die Grizzlys Wolfsburg (2131). Spitzenreiter sind die Kölner Haie (12 721).

Vergangene Saison haben die Steelers mit 2700 Zuschauern kalkuliert, diese Saison mit 2600 – sie liegen also klar unter Plan. In beiden Jahren wurden rund 1300 Dauerkarten verkauft, der Etat beträgt 4,2 Millionen Euro. „Es ist eine unbefriedigende Situation, natürlich machen wir uns Sorgen“, sagt Geschäftsführer Volker Schoch, „allerdings besteht noch die Chance, die Zahlen nach oben zu korrigieren. Es ist normal, dass der Fanzuspruch zu Beginn der Saison eher verhalten ist, weil eben noch kein Winter ist. Wir setzen vor allem auf die Zeit um Weihnachten und Neujahr und die Monate danach.“

Es gibt aber auch einen Punkt, der skeptisch stimmt: In der DEL 2 hatten die Steelers mehr Zuschauer, selbst in den Jahren, in denen kein Aufstieg in die DEL möglich war und es lediglich um den Meistertitel ging. „Derzeit liegt es natürlich auch am veränderten Konsumverhalten im Sport“, sagt Volker Schoch, „selbst der Fußball spürt das.“