David Raum, der Konkurrent des Stuttgarter Linksverteidigers, betreibt als Joker gegen die Schweiz Werbung in eigener Sache – mit welchen Folgen?
Der VfB Deutschland stand nicht auf dem Platz, als in der Frankfurter Arena am Stadtwald das geschlossene Dach abzuheben drohte. Das späte Tor zum 1:1 und den Orkan der Emotionen danach erlebten der baldige Dortmunder Waldemar Anton, Chris Führich und Deniz Undav als nicht eingewechselte Spieler als Teil der großen deutschen Jubeltraube – in deren Richtung auch Maximilian Mittelstädt sprintete. Und zwar auch von der Bank aus. Der Stuttgarter Linksverteidiger legte beim 1:1 gegen die Schweiz am Sonntagabend seinen bisher schwächsten EM-Aufritt hin. Es war längst nicht alles schlecht, was der Abwehrmann machte und versuchte auf dem Platz. Vieles aber ging schief, es war ein unglücklicher Abend. In der 61. Minute wurde Mittelstädt ausgewechselt. Nicht mehr, nicht weniger.
Dass nun in David Raum der direkte Konkurrent Mittelstädts plötzlich in aller Munde ist nach seiner Maßflanke auf den Torschützen Füllkrug, liegt in der Natur des schnelllebigen Fußballgeschäfts, speziell bei einem großen Turnier. Aber bitte, Raum hat ja immerhin nicht weniger als die perfekte Vorlage fürs späte Tor und die Jubelarien danach geliefert. Und wenn man den Worten des Leipzigers hinterher Glauben schenkt, war die Sache mit der Flanke sogar minutiös geplant. „Ich habe zu Fülle schon beim Aufwärmen gesagt: Wenn wir heute beide reinkommen, weißt du Bescheid, wenn ich den Ball kriege“, sagte Raum. Torschütze Füllkrug wiederum lobte seinen Vorlagengeber hinterher artig. „Davids Flanke ist eine Waffe, das ist seine Stärke“, sagte der Angreifer.
Hat der Gelobte also gegen die Schweiz nun so viele Pluspunkte in eigener Sache gesammelt, dass ihm im Achtelfinale in Dortmund an diesem Samstag ein Startelfeinsatz winkt? Oder andersherum gefragt: Droht VfB-Profi Mittelstädt nun ein Platz auf der Bank?
Davon ist ein paar Tage vor dem Spiel eher nicht auszugehen. Zum einen hat Nagelsmann die Rollen im Team klar verteilt. Und da ist Mittelstädt Stammkraft, woran ein einzelner eher durchwachsener Auftritt nichts ändern dürfte. Raum wiederum hat genau die Rolle inne, die er jetzt gegen die Schweizer ideal ausfüllte. Bei Rückständen oder gegen sehr tief stehende Gegner soll er als Joker den extrem offensiv ausgerichteten Linksverteidiger geben – und gute Flanken schlagen auf Füllkrug, der bei solchen Spielverläufen ebenso gefragt ist.
Mittelstädt rechtfertigte seinen Stammplatz in den ersten beiden Vorrundenpartien mit ansprechenden Leistungen. Raum wiederum hat in seiner Vergangenheit als Nationalspieler mehr Tiefen als Höhen hinter sich. Seine Flanken waren, um es vorsichtig auszudrücken, nicht immer so präzise wie jetzt gegen die Schweiz. Und nach hinten war er im DFB-Dress oft ein Sicherheitsrisiko – auch deshalb hat Mittelstädt nun in der K.-o.-Runde, in der Nagelsmann sicher nicht von Beginn an alles riskieren will und kann, weiter die Nase vorn. Sollte aber klar sein, dass die DFB-Elf im Achtelfinale auf einen extrem defensiv ausgerichteten Gegner trifft, könnte womöglich doch Raums Stunde von Anfang an schlagen. Ausnahmsweise.