Der Protest von Mercedes gegen die Fia-Entscheidungen im WM-Finale löst Unmut aus, aber auch Verständnis. Ein Fall, zwei Meinungen.
Stuttgart - Dieses WM-Finale hatte es in sich. Hat Mercedes mit seinen Protest richtig gehandelt? Ist das Team ein schlechter Verlierer?
Ja, denn es geht um den Sportsgeist, meint Dominik Ignée
Lewis Hamilton hat in der Niederlage gezeigt, was für ein Sportsmann er ist. Im ersten Interview stand er sichtbar gefasst Rede und Antwort. Er gratulierte sofort den Siegern und umarmte den neuen Weltmeister Max Verstappen sogar auffallend herzlich. Eine feine Geste und der Beweis, dass der 36 Jahre alte Engländer ein Profi und großer Champion ist.
Auf diesem souveränen Pfad, den der Rennfahrer da eingeschlagen hat, hätte Mercedes nach dem Rennen bleiben können: ohne Protest gegen das Ergebnis. Das wäre auch ein Zeichen von Größe gewesen. Natürlich haben die Regelhüter des Weltverbands Fia mit fragwürdigen Entscheidungen dieses WM-Finale umstritten gemacht. Und natürlich muss sich die Teamleitung auch vor den Piloten Hamilton und die Mannschaft stellen, sonst könnte man meinen, es wäre ihr egal, was geschehen sei. Aber: Die Erfolgsaussichten eines Protestes sind ohnehin nur sehr gering gewesen. Man hätte sich über das stümperhafte Agieren der Fia aufregen und es scharf kritisieren können. Doch ein Protest, der abgewiesen wurde, und eine folgende Berufung gegen dieses erste Urteil, bedeuten auch, Max Verstappen und Red Bull die Anerkennung als Sieger zu verweigern.
In dieser kuriosen Saison schlug das Pendel in beide Richtungen aus. Mal wurde Mercedes vom Weltverband bevorzugt, ein anderes Mal die Konkurrenz von Red Bull. Diese immer wiederkehrenden Ungerechtigkeiten betreffen beide Teams, und sie gehören im hochsensiblen und oft kontrovers diskutierten Motorsport einfach dazu. Sie sind Teil der Show. Mercedes nun als schlechte Verlierer zu bezeichnen, es klingt hart, vielleicht zu hart. Doch nach sieben gewonnenen Fahrerweltmeisterschaften in Serie (sechsmal Hamilton, einmal Rosberg) hätte das überaus erfolgreiche Team diese bittere Niederlage auch mal ertragen können. Mit Souveränität, mit Größe – so wie Lewis Hamilton. Ein nachträglich zuerkannter WM-Titel entspräche ohnehin nicht seinem Verständnis von Wettbewerb.
Nein, denn es geht um die Chancengleichheit, sagt Jürgen Kemmner
Zugegeben, es fühlt sich an, als würde das Fair Play kräftig mit Füßen getreten, wenn im Sport ein Spiel abgepfiffen oder ein Rennen im Ziel ist – und der Gewinner nicht feststeht, weil der unterlegene Kontrahent Protest gegen die Wertung eingelegt hat. Das raubt dem Sieger den Zauber des Jubels sowie den Genuss der Ekstase, und ziemlich schnell befindet sich der Betreffende in der Ecke der schlechten Verlierer.
Dort steht Mercedes, seit Lewis Hamilton die WM gegen Max Verstappen verloren und Protest eingelegt hat. Halt! Ist es in der Formel 1 denn nicht immer möglich, Protest wegen eines vermuteten Regelbruchs einzulegen? Doch, aber wenn dies beim WM-Finale geschieht, hat es eine heftigere Wirkung, als wenn es nach dem fünften von 22 Rennen passiert. Es ist aber nicht verwerflich, dieses Recht in Anspruch zu nehmen; den Protest mit Blick auf den zeitlichen Aspekt zu unterlassen, wäre außerordentlich idiotisch. Nur zur Erinnerung: Red Bull protestierte nach dem Grand Prix in Silverstone, als Hamilton und Verstappen kollidierten, gegen die Zehn-Sekunden-Strafe für den Mercedes-Fahrer und wollte das Strafmaß verschärft wissen. Der Antrag wurde abgewiesen.
Im Grunde ist Mercedes zum Protest verpflichtet, weil der Rennstall nicht nur die eigenen, sondern als Arbeitgeber auch die berechtigten Interessen des Arbeitnehmers Hamilton wahren muss, um es ganz sachlich zu formulieren. Das Resultat zähneknirschend hinzunehmen, obwohl Zweifel gegen die Regelkonformität bestehen, wäre, als schicke das Team einen Fahrer mit Slicks im Regen auf die Strecke. Was den Eindruck aufkommen lässt, Mercedes sei ein schlechter Verlierer, liegt an der Komponente Mensch, an der Tatsache, dass sich die Bosse der Rennställe lieber aus der Ferne sehen, auch wenn sie es öffentlich anders darstellen. Diskussionen um die Sache werden emotional ausgetragen und nicht rational wie vor einem Berufungsgericht. Es kann also nicht sein, dass ein Protest sofort dazu führt, als Spielverderber gebrandmarkt zu werden.