Immer mehr Fahrzeugproduzenten aus China wittern in Europa das große Elektrogeschäft. Die deutschen Hersteller sind dabei, diesen Wettbewerb zu verschlafen, meint Redakteur Klaus Köster. Sein Kollege Peter Stolterfoht hält dagegen, auch weil er die heimische Branche schon bald entsprechend gerüstet sieht.
Der Wettbewerb mit chinesischen Autoherstellern erreicht zunehmend auch den deutschen Markt.
Pro von Klaus Köster
In Deutschland wurde das Auto erfunden – diesen Erfolg kann uns niemand wegnehmen. Doch das Gefühl der Überlegenheit, das in solchen Aussagen mitschwingt, macht nicht nur selbstbewusst, sondern auch überheblich. Diese Überheblichkeit zeigt sich seit Jahrzehnten immer dann, wenn es Konkurrenten aus anderen Ländern wagen, den Deutschen etwas entgegenzusetzen. Die Hybridtechnologie etwa wurde von deutschen Managern so lange als fauler Kompromiss abgetan, bis Toyota mit dem Prius auch in Deutschland einen riesigen Erfolg landete. Über den Dieselrußfilter rümpften deutsche Ingenieure so lange die Nase, bis Peugeot ihn einbaute und die deutschen Hersteller hastig nachziehen mussten. Den jahrelangen Aufstieg von Tesla beobachteten deutsche Hersteller, als verfolgten sie eine Mondlandung: interessant anzuschauen, aber doch weit entfernt von der eigenen Realität. Dass das E-Auto etwas mit ihnen zu tun hat, realisierten sie erst, als der US-Hersteller im Luxussegment Fahrzeuge anbot, von denen die Kunden von Daimler und Porsche bis dahin nur träumen konnten. Mit jahrelanger Verspätung schickte sich das Land der Auto-Erfinder an, bei der E-Technologie auf Aufholjagd zu gehen.
Bei manchen deutschen Herstellern ist das Gefühl der Unverwundbarkeit noch immer stärker als der Sinn für die sich schnell wandelnde Realität. Das zeigt sich auch jetzt, da China dabei ist, sich vom lukrativen Absatzkanal zum ernsthaften Wettbewerber zu wandeln. Auch chinesische Hersteller wurden lange nicht ernst genommen – zu stark war das trügerische Bewusstsein, uneinholbar besser zu sein als der Rest der Welt.
Unterdessen erntet China die Früchte langjähriger Aufbauarbeit. Der führende Hersteller BYD wurde systematisch vom Batteriehersteller zum Autobauer weiterentwickelt und verfügt nun über eine geschlossene Wertschöpfungskette, die ihm auf dem preissensiblen Markt kompakter E-Autos einen riesigen Kostenvorteil verschafft. Deutsche Hersteller dagegen geben dieses Segment, das über Marktanteile und Jobs der Zukunft entscheidet, kampflos preis und ziehen sich in Nischen wie das Luxussegment zurück, das allein aber keine tragfähige Basis für einen global führenden Industriestandort wie Deutschland sein kann. Wäre Deutschland schon vor 130 Jahren so mutlos gewesen wie heute, wäre das Auto hier weder erfunden noch gebaut worden.
Contra von Peter Stolterfoht
Vor knapp drei Monaten haben sich viele Branchenbeobachter endgültig in ihre Überzeugung bestätigt gesehen, dass die deutsche Autoindustrie unweigerlich dem Untergang geweiht ist. Als letzter Beweis wurde dafür eine Umfrage des Neuwagenportals Carwow ins Feld geführt, der zufolge 42 Prozent von 1129 befragten Autokunden die Anschaffung eines chinesischen Fabrikats in Erwägung ziehen. Daraus abzuleiten, Deutschland verkomme zur chinesischen Automobilkolonie, ist nicht nur deshalb sehr weit hergeholt, weil ein „In Erwägung ziehen“ noch ganz weit von „kaufen“ entfernt ist.
Beim Blick in die Zukunft hilft stattdessen die Erinnerung. Und landet so in den 80er-Jahren. Damals gab es auch schon einen Abgesang auf die angeblich verschlafene deutsche Autoindustrie und die Feststellung, sie werde auch im eigenen Land von der Konkurrenz überrollt – aus Japan. Innovativer, günstiger in der Anschaffung und mittlerweile hervorragend in der Verarbeitung, so hieß es damals ebenso wie heute über die Produkte aus Fernost.
Dennoch gelang es Toyota, Mitsubishi und Co. selbst in der Hochphase der Japan-Auto-Begeisterung in Deutschland nicht, über einen Marktanteil von 12 Prozent bei den Neuzulassungen zu kommen. Und das dürfte dann auch in etwa die Obergrenze für die chinesischen Ambitionen in Deutschland sein. Auch wenn die dortige E-Auto-Entwicklung einen deutlichen Vorsprung gegenüber der hiesigen hat. Dieser lässt sich aufholen und zwar noch bevor der E-Auto-Absatz eine existenzielle Rolle auf dem heimischen Markt spielt. Die deutschen Hersteller werden reagieren und in dieser Zeit, Produkte auf den Mark bringen, die in jeder Hinsicht den chinesischen mindestens Paroli bieten können.
Gegen eine chinesische Dominanz hierzulande spricht aber schon jetzt die große Markentreue und das Markenbewusstsein deutscher Autokäufer und -Käuferinnen. Außerdem halten es viele für fragwürdig, die Wirtschaft eines totalitären Staats zu stärken und befürchten auch, durch die Nutzung eines chinesischen Autos Daten in falsche Hände zu geben. Zudem dürften sich viele deutsche Fahrerinnen und Fahrer von der Vielzahl digitaler Möglichkeiten und Hinweise abgelenkt, wenn sich sogar drangsaliert fühlen.