Jacqueline Wibiral ist eine der zwei Gründerinnen von Priokid. Priokid unterstützt die Jugendämter im Kreis Tuttlingen sowie im Schwarzwald-Baar-Kreis. Foto: Daniel Vedder

Immer mehr Familien in der Region brauchen Unterstützung. Die Jugendämter können den Bedarf nicht mehr decken. Priokid übernimmt im Kreis eine wichtige Rolle.

Wenn Jacqueline Wibiral ihre Arbeit erklärt, dann muss sie häufig vor allem erstmal eines tun: mit Vorurteilen aufräumen. Wibiral ist nämlich in der Jugendhilfe aktiv.

 

Jugendhilfe verbinden viele im ersten Moment mit hoffnungslosen Fällen. Wenn Dritte oder sogar das Jugendamt eingeschaltet werden, dann muss die Lage in der Familie völlig aussichtslos sein, lautet eines dieser Vorurteile.

Dieses Bild kennt Jacqueline Wibiral aus ihrem Alltag nicht. Sozialer Arbeit hefte im öffentlichen Diskurs ein Stigma an, sagt sie. Aber: „Hauptsächlich kommen Leute zu uns, die wirklich etwas verändern wollen. Wir haben hier ein richtig tolles Arbeitsfeld. Man sieht auch die Erfolge.“

Mit „uns“ meint die 32-Jährige ihre gemeinnützige GmbH Priokid. Diese hat Wibiral gemeinsam mit ihrer langjährigen Kollegin Nadine Nagy Makram im Jahr 2020 gegründet.

In Nachbarschaft expandiert

Damals waren die beiden aus Tuttlingen heraus mit ihrem Konzept bei verschiedenen Landkreisen vorstellig geworden, um mit Jugendämtern zusammenzuarbeiten. Neben dem Landkreis Tuttlingen, konnte Priokid das Angebot auch schnell in die Nachbarschaft expandieren. „Im Schwarzwald-Baar-Kreis wurden wir direkt mit offenen Armen empfangen“, sagt Wibiral.

2024 hat Priokid das Gebäude in der Sennhofstraße 6 in Donaueschingen übernommen und hat seitdem, neben Tuttlingen, auch einen festen Sitz in der Donauquellstadt, wo fünf der insgesamt 27 Mitarbeiter eingesetzt werden. Mit ihrem Konzept wollen Wibiral und Nagy Makram eine Lücke im System schließen. „Kinder werden häufig in Obhut genommen, wenn es zu Hause nicht mehr funktioniert“, sagt Jacqueline Wibiral. Priokid möchte mit der ganzen Familie an Lösungen arbeiten. Solche Hilfen sollen eine letzte Station vor diesem Schritt sein. Kein Ultimatum, sondern eine Hilfe. „Kinder müssen hier nicht von ihren Eltern weg. Wir geben den Eltern die Chance, ihre Erziehungskompetenzen noch mal auszubauen.“

Einer der Spielräume am Donaueschinger Sitz von Priokid. Foto: Daniel Vedder

Dafür stellen die 32-Jährige und ihr Team in der Donaueschinger Sennhofstraße sechs Wohnungen zur Verfügung. Neben dem Büro und einigen Spielräumen gibt es auch eine Tagesmutter. „So können wir unseren Familien direkt einen Kindergartenplatz anbieten.“ Daneben gibt es vier voll ausgestattete Wohnungen, in denen Priokid ganze Familien unterbringen kann. Der Bedarf ist hoch und die Betreuung sehr intensiv.

Priokid will mit Hilfen zur Erziehung Eltern Alltagssorgen wegnehmen und Ressourcen zur Verfügung stellen. Haben die Kinder eine gesicherte Tages- und Hausaufgabenbetreuung und ein sicheres Wohnverhältnis, wirkt sich das positiv auf deren Entwicklung aus.

Familien werden betreut

In Donaueschingen betreuen die beiden staatlich anerkannten Erzieherinnen und ihre Mitarbeiter nur ganze Familien. Allerdings muss es auch passen: Wenn das Kindeswohl gefährdet ist, leitet Priokid Familien weiter – zum Beispiel bei suizidgefährdeten Menschen oder Menschen mit starken Suchtproblemen.

Hauptsächlich geht es darum, sagt Jacqueline Wibiral, Eltern zu unterstützen, die mit der Erziehung überfordert sind. Die Gründe für eine Überforderung seien oft komplex und nicht selbstverschuldet.

Finanzielle Not ist einer dieser Gründe: „Fehlende materielle Ressourcen sowie damit verbundene Ausgrenzungsprozesse und eingeschränkte Teilhabemöglichkeiten stellen Lebenslagen mit erhöhtem Bedarf an Unterstützungsleistungen dar, weil Betreuung, Erziehung und Förderung in der Familie in zunehmendem Maße nicht gelingt“, sagt Jens Pothmann, Leiter der Abteilung Jugend und Jugendhilfe beim Deutschen Jugendinstitut (DJI). Daher seien auch Alleinerziehende überproportional betroffen.

Vor diesem Hintergrund strecke Priokid manchmal Geld vor, von dem Jacqueline Wibiral weiß, dass die Organisation es nicht mehr sehen wird – weil es nötig ist: Zum Beispiel, wenn eine Mutter in einer missbräuchlichen Beziehung steckt, die Zusage für eine neue Wohnung hat, aber die Kaution nicht zahlen kann. In so einem Fall möchte Wibiral Mutter und Kind nicht wegen finanzieller Abhängigkeit in die missbräuchliche Situation zurückschicken.

Ohne eigenes Verschulden

Eltern würden oft ohne eigenes Verschulden in schwierige Situationen geraten. „Da kann jeder hereinrutschen. Es sind nicht nur junge Mütter, sondern auch reifere Eltern, die in diese Überforderung geraten. Viele denken, solche Probleme gibt es nur in Großstädten wie Frankfurt oder München, aber das gibt es auch hier und stellenweise unbemerkt in der Nachbarschaft“, so die Spaichingerin.

Gewalt in der Familie ist ein großes Thema. Wenn etwa – wie meistens – der Vater Mutter oder Kinder schlägt, müssen diese von ihm getrennt werden. Aber es geht nicht nur um missbräuchliche Beziehungen oder um Menschen, denen das Geld fehlt. „Die Themen und Problemlagen sind vielschichtig und häufig sehr komplex“, sagt auch Kristina Diffring, Referentin des Landrats beim Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis. Starke Depressionen und fehlende therapeutische Angebote seien ebenfalls eine Quelle für Belastungslagen in der Erziehung.

Diese Unterstützung bei der Jugend- und Familienhilfe können die Jugendämter gut gebrauchen. Das zeigen auch die Zahlen im Schwarzwald-Baar-Kreis. Nach Angaben des Landratsamts steigt die Zahl der vom Jugendamt betreuten Minderjährigen und jungen Erwachsenen stetig an. Waren es im dritten Quartal 2023 noch 1427 betreute Menschen, liegt die aktuellste Zahl vom vierten Quartal 2024 bei 1710.

Als Dienstleister beauftragt

Kleinere Träger wie Priokid werden als Dienstleister von Jugendämtern mit der Betreuung von Jugendlichen und Familien beauftragt. Deswegen geht der Weg zu Priokid auch in der Regel über das Jugendamt. Oft würde Priokid aber auch von Jugendlichen direkt über Soziale Medien wie Instagram kontaktiert.

„Eine vielfältige Trägerlandschaft ist im Hinblick auf die komplexen und individuellen Herausforderungen, von enormer Bedeutung“, sagt auch Kristina Diffring. „Hilfe, wie sie von Priokid geleistet wird, ermöglicht eine vollumfängliche Unterstützung der Familien.“

Hilfen zur Erziehung

Jugendhilfe
Die Hilfen sollen die Erziehungskompetenzen von Erwachsenen fördern. Laut Jens Pothmann haben Eltern Rechtsanspruch auf solche Hilfe, "sofern die Erziehung des Kindes oder Jugendlichen nicht dem Wohle des Minderjährigen entspricht". Auch junge Erwachsene bis 21 Jahren haben Anspruch, solange eine "selbstbestimmte, eigenverantwortliche und selbstständige Lebensführung nicht gewährleistet ist". Von 2010 bis 2023 haben sich die Ausgaben für die Jugendhilfe von 7,5 Milliarden auf 16,9 Milliarden Euro erhöht.