Der britische Premierminister Rishi Sunak gerät bei den laufenden Londoner Covid-Anhörungen immer mehr in Kritik. Foto: dpa/Kin Cheung

Die Covid-Anhörungen in London fördern schwere Vorwürfe gegen die damaligen Hauptverantwortlichen zutage – etwa den Premierminister.

Mehr und mehr gerät der britische Premierminister Rishi Sunak in die Schusslinie der Kritik bei den laufenden Londoner Covid-Anhörungen – nachdem sich diese Kritik zuvor auf den früheren Regierungschef Boris Johnson konzentriert hat. Top-Berater der Regierung aus der „heißen Phase“ der Pandemie und leitende Staatsbeamte jener Zeit werfen Sunak vor, genau wie Johnson, leichtfertig das Leben vieler Mitbürger aufs Spiel gesetzt und Warnungen bewusst ignoriert zu haben.

 

Der damalige wissenschaftliche Chef-Berater der Regierung, Sir Patrick Vallance, notierte in seinem Covid-Tagebuch, bei einer Diskussion im September 2020, vor der zweiten großen Covid-Welle, sei ihm mitgeteilt worden, Sunak wolle, dass man „die Leute ganz einfach sterben lasse“. Der Minister finde, dass das „völlig in Ordnung“ sei. Von Johnson hatte Vallance zu jener Zeit ohnehin zu hören bekommen, die Alten, die an Corona stürben, hätten „ein langes und erfülltes Leben hinter sich“. Sie sollten sich „dem Schicksal fügen“, habe ihm Johnson gesagt. Anstatt die Leute mit neuen Lockdowns zu behelligen, solle man „die Jungen ihr Leben leben lassen und die Wirtschaft am Laufen halten“, zitierte Vallance Johnson. Mehreren Zeugen zufolge soll Johnson erklärt haben, ihm wäre es lieber, „dass sich die Leichen hoch auftürmen“, als dass er immer neu Lockdowns anordnen müsse. Dies so gesagt zu haben, streitet Boris Johnson ab.

Sunak wiederum wird vorgeworfen, mit seinem Programm „Eat Out To Help Out“ Tausende unnötiger Todesfälle verursacht zu haben. Den Briten waren im August 2020 von Sunak staatlich subventionierte Restaurantbesuche zum halben Preise angeboten worden, um die Gastronomie anzukurbeln und die Stimmung in der Bevölkerung zu heben. Mit dieser Maßnahme habe Sunak zahllose Ansteckungen in Kauf genommen und die Covid-Lage im Lande verschlimmert, sagen Kritiker wie Sir Patrick Vallance. Er habe auch alle Bemühungen, die Bürger zu weiterer Vorsicht anzuhalten, untergraben. Dame Angela McLean, die später Vallance’ Amt übernehmen sollte, hatte den Finanzminister deshalb gegenüber Kollegen im September 2020 „Dr. Death“ genannt.

Sunak besteht darauf, dass er damals von möglichen Risiken nichts gewusst, dass ihn niemand gewarnt habe. Vallance hingegen erklärte, er sei von Sunak vorab nicht einmal über den „Eat Out To Help Out“-Plan informiert worden.

Kritiker sagen, Sunak sei an einer florierenden Wirtschaft interessiert gewesen

So sei es auch Sir Chris Whitty, dem Chef-Berater der Regierung für medizinische Fragen, ergangen, den Sunak auch nicht zurate gezogen habe. Dem Anhörungstribunal lag eine Mail Chris Whittys vom 28. Januar 2020 vor, in der er die Regierungszentrale warnte, dem Land drohe „eine signifikante Pandemie“, die Hunderttausende Leben kosten könne. Bereits am 4. Februar sprach Whitty von „womöglich 100 000 bis 300 000 Toten“. Dennoch trat der erste nationale Lockdown erst am 23. März in Kraft. Heute geht man davon aus, dass auf der Insel mindestens 230 000 Menschen infolge der Pandemie starben.

Rishi Sunak soll sich von allen Ministern am nachdrücklichsten gegen Lockdowns ausgesprochen und sie verzögert haben, erklären seine Kritiker, weil er nur an einer florierenden Wirtschaft interessiert gewesen sei. Johnson wiederum soll, einer wachsenden Zahl von Zeugenaussagen zufolge, ohne Verständnis für die Lage, „völlig sprunghaft, völlig chaotisch“ gehandelt haben. Die simpelsten wissenschaftlichen Konzepte habe Johnson nicht verstanden, egal wie oft man sie ihm erklärte, sagte Sir Patrick Vallance. Und unbequemer Rat sei in der Downing Street unerwünscht gewesen.

Mit den Aussagen der Top-Berater der Regierung hat das Londoner Anhörungsverfahren jetzt eine der wichtigsten Phasen erreicht. In dieser Runde soll geklärt werden, wie zur fraglichen Zeit Entscheidungen getroffen wurden. Im Dezember müssen die politischen Hauptakteure dann selbst antreten, um ihr Handeln zu rechtfertigen.