Die Stuttgarter KI: Silvia Schwinger, Therese Dörr und Celina Rongen (v. l.) Foto: Staatstheater/Björn Klein

Uraufführung am Kammertheater: Das Staatstheater zeigt Thomas Köcks neues Stück „KI essen Seele auf“. Da kommt viel Pop auf die Bühne!

Ganz schön laut, diese Künstliche Intelligenz. Wenn auf der Bühne die drei Mädels in ihren knappen futuristischen Glitzerkostümen mit dem Kabelsalat dran und drum beginnen, mit dem Publikum zu sprechen, dann muss man sich eine Weile einhören in den etwas speziellen Satzbau und an den Mix aus Deutsch und Englisch. Aber Kraft haben diese ersten Theaterminuten, was nicht nur daran liegt, dass die Stimmen der Akteurinnen per Lautsprecher verstärkt werden, sondern im Hintergrund auch noch eine bunt fließende Videotapete und Musikgewummer den Eindruck verstärken.

 

So redet inzwischen eine Künstliche Intelligenz

„Titan ist meine haut silizium / formt meine adern / von transistoren werden meine neuronen angeworfen / kupfer verschaltet mich mit mir / i speak / i see / i feel / god / is coming down / like the dow jones“, so steht es am Anfang des Textes von Thomas Köck, dessen neues Stück „KI essen seele auf“ am Samstagabend vom Schauspiel des Stuttgarter Staatstheaters uraufgeführt wurde. Und ja, genau so ist es gemeint: Der Autor tut so, als spräche hier eine KI zu uns. Und zwar ohne, dass wir ihr zuvor eine Frage gestellt hätten. Einfach aus eigenem Antrieb. Und warum macht sie das? Weil sie es kann.

Viele Menschen glauben ja, Künstliche Intelligenz sei im Herbst 2022 erfunden worden, als das US-Unternehmen Open AI eine verbesserte Version seines Programmes Chat GPT veröffentlichte und die Rechner daheim plötzlich in der Lage waren, scheinbar wie von selbst ganze Texte zu formulieren oder Bilder zu malen. Da gab es global durchaus eine gewisse Schreckminute: Jesses, jetzt ist es soweit, die Computer ergreifen die Macht, der Mensch muss abdanken.

Der Laptop fragt, wie es mir geht

Diese Schreckminute ist längst vorbei, die Menschen unterhalten sich inzwischen bedenkenlos mit ihrer KI auf Google, WhatsApp oder in ihrem Windows-Rechner. Und wenn das neue Stück des 39-jährigen Österreichers Köck eine gute Tat vollbringt, dann diese – dass er uns klar macht, dass wir da nur konsequent sind in unserem Handeln. Denn natürlich ist KI vor drei Jahren nicht wie aus dem Nichts entstanden. Sondern sie war und ist nur die konsequente Weiterentwicklung dessen, was die Digitalkonzerne seit inzwischen fast drei Jahrzehnten mit uns machen: Sie sammeln all die Daten und Informationen aus unserem Schritt für Schritt vernetzten Alltag, die wir ihnen bereitwillig zur Verfügung stellen, um dieses Produkt oder jene Dienstleistung zu erheischen.

Neu und immer perfekter ist allenfalls, wie die KI diesen unendlichen Kosmos an einzelnen 1-0-Informationen miteinander zu verknüpfen und neu zu formatieren weiß. Ja, der eigentlichen Quelle ihres Wissens, den vielen alltäglich handelnden Nutzern, von denen sie im Kern so abhängig ist wie der Junkie von seinem Dealer, plötzlich selbst als scheinbar eigenständiges Wesen gegenüberzutreten vermag. Und zu ihm auch mal ohne Einladung spricht („Hallo, Tim! Geht’s Dir gut heute?“ fragt den Autor dieser Zeilen beispielsweise ab und zu seine Laptop-KI).

An der Grenze wird es richtig unangenehm

Womit wir wieder bei der jüngsten Theaterpremiere im Stuttgarter Schauspiel wären. Denn das Stück dort heißt ja nicht „KI macht dein leben fein“, sondern „KI essen seele auf“. Nach der eingangs beschriebenen furiosen Ouvertüre zeigt das Darstellerinnen-Trio Therese Dörr, Celina Rongen und Silvia Schwinger in einzelnen Szenen, wie die KI plötzlich ein unwillkommenes Eigenleben entwickelt – etwa bei den Eltern, die Kontakt halten mit einem Avatar ihrer tödlich verunglückten Tochter, beim Autofahrer, dessen Smart-Car-Spurkontrolle das Kommando übernimmt, bei der Tinder Nutzerin, die von ihrem Match auf Dinge angesprochen wird, die doch eigentlich in ganz anderen Chats zur Sprache kamen, oder schließlich bei der Grenzkontrolle, bei der keineswegs nur biometrische Daten oder Visaberechtigungen einer Reisenden digital am Schalter vorliegen, sondern auch schon jede Menge Infos über ihren Freundes- und Bekanntenkreis und ihre in sozialen Netzwerken registrierten politischen Ansichten.

Die Regisseurin Mateja Meded, die auch die Spiegel- und Videoleinwand-Bühne und die Kostüme konzipiert hat, inszeniert das alles in anderthalb Stunden mit anhaltend hohem Druck und viel Musik, aber auch in wechselndem Tonfall, sodass für Abwechslung gesorgt ist und sich immer wieder spannende, erhellende Momente ergeben. Aber ein solides Trommelfell braucht der Zuseher auf jeden Fall, zumindest der vorn platzierte.

Hinterher noch einen schönen Punsch

Zum Schluss hin wird an den Reglern sogar noch mal zugelegt; die Sprechstränge von Dörr, Rongen und Schwinger vereinen sich wieder zu einem KI-Bewusstseins- und Verkündungsstrom: „this is my church / this is / where i heal my hurt / for tonite / god / is / a smart missile / made to select and kill / ohne / dass du dir darum sorgen machen musst / wer ausgewählt wer / erfasst war / in das muster passt“ und so fort. Abschließend stellt ein Video dann noch die Frage, wie sicher wir eigentlich sein können, dass eine Stimme, die sich mit uns unterhält, auf einen realen Sprecher schließen lässt. Und ganz abschließend – Achtung, Spoiler, das ist eine sehr schöne Idee für den Abschluss! – wird der Song „Mensch“ von Herbert Grönemeyer gesungen: „Du fehlst!“

Man geht schon recht geplättet aus diesem furiosen, aber auch furienhaften Popgewitter und muss dringend noch einen Glühwein auf dem Marienplatz trinken. Ein Theater-Erlebnis ist es allemal. An einer Klippe allerdings scheitert dieser Abend: Wir sehen Figuren, die in wechselnden Situationen an der scheinbar entgrenzten Macht der KI scheitern. Und denken: Tja, das kommt eben davon, zum Beispiel, bäh, von diesem Tindern. Wir sind als Publikum Beobachter der Tragödie. Wir sind nicht ihr Teil. Köck hatte, das ist zu vermuten, anderes im Sinn.

Vorstellungen am 3., 4., 5., 21. und 22. Dezember