Stefano Massini in „Mein Kampf“ Foto:  

Taugt dieses Buch zum Theaterstoff? Der Schriftsteller und Dramatiker Stefano Massini bringt in Mailand eine Textmontage aus Hitlers „Mein Kampf“ auf die Bühne, als wäre das Buch ein Bildungsroman.

Adolf Hitler schrieb den ersten Band seiner autobiografisch geprägten politisch-ideologischen Propagandaschrift „Mein Kampf“ 1924 während seiner Festungshaft nach dem gescheiterten Novemberputsch. „Ich wollte nicht Beamter werden, nein und nochmals nein“, heißt es darin. Der italienische Schriftsteller und Dramatiker Stefano Massini hat 100 Jahre danach den Theatertext „Mein Kampf“ (Untertitel: „Nach Adolf Hitler“) entwickelt. Das in Zusammenarbeit mit dem Teatro Stabile Bolzano entstandene Bühnenstück hat, nach Voraufführungen in Bozen, gerade am Piccolo Teatro in Mailand seine Premiere erlebt und ist nun auf Tournee durch Italien.

 

Aufstieg aus Wut und Verzweiflung

Massini, Jahrgang 1975, der auch im deutschen Sprachraum durch sein Stück (und Buch) über die Lehman-Brothers bekannt geworden ist, steht dabei selbst auf der Bühne. Fasziniert von Hitlers Herkommen als „Underdog“ entwirft er eine Art kleinen „Bildungsroman“ vom gar nicht so unaufhaltbaren Aufstieg des Adolf H. aus Wut und Verzweiflung.

Es entsteht das Bild eines heranwachsenden rebellischen Kleinbürgers, der die „Lügen der Demokratie“ ebenso verachtet wie das „Krebsgeschwür“ derjenigen, die „nicht unsere Namen tragen“, sondern „Austerlitz, Moses, Ellenbogen“ heißen. Der den Krieg als eine „Auswahl“ begreift, wo nur der Starke, „weil er es verdient“, überlebt, während der Schwache untergeht. Und der sich seiner Redekunst bewusst wird und seiner Fähigkeit, mit seinen kruden Ideen Zuhörermassen zu faszinieren: „Zweitausend heute Abend im Hofbräuhaus“.

Normalität des Bösen

Mit diesem Ende eines kaum 90 Minuten langen Stückes ist Hitler nach Massinis Erzählung dort angekommen, wo ein Einzelner beginnen kann, Geschichte auf einem bis dahin weißen Blatt zu schreiben. Heute, so der Autor in einem Interview, würden wir eine Phase durchleben, „in der Wut, Geschrei, Aggressivität erneut politischen Brennstoff bilden“. Auf einer hell erleuchteten weißen Fläche, die wie eine leere Buchseite schräg über die für einen Monolog viel zu große Bühne des Piccolo Teatro Strehler ragt, macht Massini in einem Prolog klar, dass nichts beschönigt werden soll, sondern das absolut Böse erzählt werden muss, das sich in den Worten eines Buches verbirgt, die Taten wurden.

Doch spiegelt diese Textmontage kaum mehr als eine Hannah Arendt paraphrasierende „Normalität des Bösen“ von Hitlers Anfängen wider. Italienische Medien bemängelten in ersten Kritiken auch die Unterbewertung des Antisemitismus im Stück. Der Mailänder „Corriere della Sera“ sprach gar von einem „eintönigen, langweiligen, nutzlosen“ Text. Die „Repubblica“ aus Rom wünschte sich mehr „Subversives“, um das Publikum heute wachzurütteln.

Mein Kampf: Stück von und mit Stefano Massini. Vorstellungen in Parma am 30. Oktober, in Trento von 6. bis 11. November und in Florenz von 12. bis 17. November. Informationen auch über weitere Stationen unter https://www.piccoloteatro.org/en/2024-2025/mein-kampf