Seemanns-Weisen, ein färöisches Lied und viel Wissenswertes rund um das nasse Element: Das Wortkino in Stuttgart zeigt mit „Alles fließt“ eine facettenreiche Revue.
Ach, „La Mer“! Man kann sich einfach nicht satthören an diesem wunderbar dahinfließenden Chanson von Charles Louis Trenet, im Wortkino gesungen von Brigitte Flörchinger und Gesine Keller. Jetzt ist dort eine wunderbar abwechslungsreiche Folge von Texten und Liedern mit dem Titel „Alles fließt“ zu hören, die sich Otto Frisch ausgedacht hat, Dramaturg der literarischen Bühne von Dein Theater, dem Theater auf Bestellung in der Werastraße in Stuttgart. Der Wechsel von Songs, Texten und kleinen Dialogen ist absolut einleuchtend geraten, und Andreas Frey hat die Szenenfolge überzeugend und unterhaltsam inszeniert.
Der erste Spiegel der Menschheit
Erstaunlich ist, was man alles erfährt, ja lernt. Stefan Österle und Ellen Schubert beugen sich über den Theaterboden und stellen fest, dass der Wasserspiegel der erste Spiegel der Menschheit gewesen ist. Sofort ist auch von Narziss die Rede, und unwillkürlich muss man an den größten Narzissten der Gegenwart denken, der als Politiker dilettiert. Man lernt noch mehr: Zu den ältesten Wörtern überhaupt zählt „fließen“. Übrigens auch „Mann“ und bezeichnenderweise nicht „Frau“, dabei ist das Wasserholen bis heute harte Arbeit von Frauen in armen Ländern.
Weiterer Lernstoff: Wasser fließt in der Natur nie geradeaus, Meerjungfrauen sind erlösungsbedürftig, und der Deutsche verbraucht 121 Liter Leitungswasser pro Tag (wenn man den Wasserverbrauch bei der Herstellung aller möglichen Produkte berücksichtigt, bis zu 7200 Liter).
Kleine Dialoge eines Ehepaars (Ellen Schubert und Stefan Österle) sind in die Szenenfolge eingestreut. Der Gatte, Karl-Heinz mit Weste, hat die Marotte, seiner Frau Sophie Definitionen aus einem Lexikon vorzulesen, und das ist der schlichte Kunstgriff des Autors Otto Frisch, Grundsätzliches und Theoretisches auf der Bühne zu intonieren. Nichts dagegen – Frisch bekommt das gut hin, immer wieder sogar amüsant. Auch der bedrohliche Klimawandel und innovative Wasserprojekte werden thematisiert. Dass ein Theaterstück zum Nachdenken anregen soll, ist eine abgedroschene Phrase. In Frischs Revue funktioniert es. Katja Ritter hat die Texte und Lieder mit Bildprojektionen illustriert, da sieht man dann etwa sacht dahinfließende oder aber bedrohlich sich auftürmende Wellen, wenn es um das verheerende unterirdische Erdbeben vor Sumatra 2004 geht.
„Yellow Submarine“ und ein färöisches Lied
Singen ist neben der Rezitation das Markenzeichen von Wortkino. Gesungen wird solo, im Duett oder Quartett, auf dem E-Piano und dem Akkordeon begleitet von Böny Birk. Zu hören sind bekannte Ohrwürmer wie „Volare“ oder „Yellow Submarine“, aber auch bizarre Nummern wie etwa ein färöisches Lied, das Gesine Keller zum Vergnügen des Publikums singt, als stamme sie selbst von den Färöer Inseln. Auch insgesamt überzeugen die drei Darstellerinnen und ihr Kollege mit gepflegter Aussprache und solidem Gesang. Am Schluss stimmt das Wasser-Quartett eine norwegische „Seemannsweise“ an, mit schönem, bewegendem Klang, am Ende eines rundum stimmigen Abends.
Alles fließt: Wortkino, 16. 18. Juni, 13. Juli, 7. und 9. August