Das Ensemble liest, kommentiert und distanziert sich von den realen Figuren. Von links: Ufuk Oehlerking, Katja Schmidt-Oehm, Stephan Moos, Larissa Ivleva und Irfan Kars Foto:  

Werner Schretzmeier inszeniert am Theaterhaus die szenische Lesung „Geheimplan gegen Deutschland und Opas Heimat“ – ein Dokumentartheater zu den Machenschaften der Neuen Rechten.

Rückblick: Es ist der 25. November 2023. Der Schnee schmilzt zu matschigen Klumpen vor den Fenstern des Potsdamer Hotels „Landhaus Adlon“. Drinnen, im Warmen und an Tischen mit gestärkter Weißwäsche, schmiedet eine Schar aus Neo-Nazis, AfD-Politikern und deutschen Unternehmern einen „Masterplan“ zur sogenannten „Remigration“ von in Deutschland lebenden Menschen mit Zuwanderungsgeschichte. Das Vorhaben war geheim und sollte es auch bleiben, doch in das Treffen schmuggelten sich Reporter des investigativen Rechercheteams Correctiv. Das Mitte Januar 2024 auf dessen Website veröffentlichte Material schlug ein wie eine Bombe.

 

Wer sich bis dahin beruhigt hatte, rechtsextremes Gedankengut seit 1945 sei höchstens noch der hässliche braune Bodensatz einer sonst blank gewienerten, demokratischen Gesellschaft, wurde von Correctiv eines besseren belehrt.

Das skandalöse Treffen verarbeitete kurz darauf die Autorin Lolita Lax mit dem Aktionskünstler und Correctiv-Journalisten Jean Peters und dem Theatermacher Kay Voges in der am Berliner Ensemble uraufgeführten szenischen Lesung „Geheimplan gegen Deutschland“. Die hat nun Werner Schretzmeier im Theaterhaus auf dem Pragsattel inszeniert, ergänzt um den Essay „Opas Heimat“ der „Taz“-Journalistin Derya Türkmen.

An einem Konferenztisch sitzen in uniformem Grau die Schauspieler Ufuk Oehlerking, Katja Schmidt-Oehm, Stephan Moos, Larissa Ivleva und Irfan Kars, die im fliegenden Wechsel einzelne Teilnehmer des Treffens verkörpern. Hinter ihnen bilden auf einer Leinwand eingeblendete Fotos den Ort des Geschehens ab, dazu gibt es Aufnahmen aus dem Inneren des Hotels, aufgenommen von einer in der Armbanduhr eines Correctiv-Reporters eingebauten Minikamera. Rechts außen auf der Bühne prangt auf einer schmaleren Leinwand eine Ansicht vom Marktplatz der Kleinstadt Rinteln, wo Selda Falke als Stellvertreterin Derya Türkmens an einem Caféhaus-Tisch deren Artikel „Opas Heimat“ liest.

Ein Brief an die Klientel

Hauptakteur der im leicht ironischen Plauderton gehaltenen Lesung ist Gernot Mörig, einer der beiden Organisatoren des Treffens, Ex-Zahnarzt und Spross zweier überzeugter Nazis, wie der Text verdeutlicht. Mörig hat einen Brief verfasst an die von ihm geladene Klientel. Das Schreiben setzt an mit einem Zitat des jüdischen Dichters Heinrich Heine, ausgerechnet: „Deutschland, denk ich an dich in der Nacht/ bin ich um den Schlaf gebracht“. Mörig übt massiven Druck aus, um Spenden zu generieren. Auch Absagen will er nicht gelten lassen. Schon das „Eintrittsgeld“ liegt bei 5000 Euro; unter den betuchten Gästen sind der rechtsextreme Publizist und Stuttgarter Bauunternehmer Hans-Ulrich Kopp und das CDU-Mitglied Ulrich Vosgerau, außerdem die AfD-Abgeordneten Gerrit Huy, Ulrich Siegmund und Tim Krause, der Identitären Bewegung gehören Martin Sellner und Mario Müller an.

Schretzmeiers Ensemble liest nicht nur, es kommentiert, ordnet ein und distanziert sich von den realen Figuren, man selbst sei jetzt die „Bühnenfigur Gernot Mörig“. Der Verweis auf den fiktionalen Charakter der Lesung und die dadurch für sie geltende Kunstfreiheit soll vor Klagen schützen.

Arbeitskräfte gesucht

Derya Türkmens Erzählung über die Einwanderungsgeschichte ihrer Familie, die fünfzig Jahre zurück in die frühen 1970er Jahre reicht, als Deutschland händeringend nach Arbeitskräften für unbeliebte Jobs suchte, bildet den Kontrapunkt zum „Masterplan Remigration“. Der Opa kommt 1971 nach Deutschland, holt ein Jahr später die Frau und das erste Kind nach. Zwei weitere werden in Rinteln geboren. Die Familie kauft ein Auto, um damit in die Türkei zu fahren – in den Urlaub, wie Türkmen schreibt. Deutschland wird zur Heimat des Opas, obwohl der sich auch Beschimpfungen wie „Kümmeltürke“ anhören muss. Türkmens Mutter, aber auch deren deutsche, mit einem Türken verheiratete Freundin fürchten die Pläne der neuen Nazis. „Natürlich will ich Deutschland nicht verlassen. Deutschland ist mein Zuhause und die Heimat von euch, also dir und deinem Bruder“, sagt die Mutter.

Zwar kam es im Zuge der Correctiv-Enthüllungen zu Massendemos gegen Rechts und sogar die bei den vergangenen Parlamentswahlen in Frankreich erfolgreiche Rechtspopulistin Marine Le Pen beendete mit ihrer Partei Rassemblement National die Zusammenarbeit mit der AfD im Europaparlament. Angesichts des sich international weiter vollziehenden Rechtsrucks, der Übergriffe gegen Kandidierende im Vorfeld der Kommunal- und Europawahlen und der drohenden Wiederwahl des Populisten Donald Trump in den USA drängt sich aber die Frage auf, wie nachhaltig solche aufklärerischen Projekte überhaupt auf die Öffentlichkeit wirken. Schnell vergessen sind Angst und Leid der Anderen, wenn es um die eigenen Interessen geht.

Premiere in Berlin