Der Sohn führt Regie, der Vater als Akteur auf der Bühne: Premiere des Schauspiels „Der alte Mann und das Meer“ im Theater Lindenhof.
Es ist eine der bekanntesten, wenn nicht sogar die bekannteste Erzählung von Ernest Hemingway. Die Geschichte weiß man: Der alte Mann, ein Fischer, hat seit langem nichts mehr gefangen. Nun bricht er nochmals alleine zum Fischfang auf – vielleicht ein letztes Mal. In einem existenziellen Kampf gelingt es ihm, einen gewaltigen Fisch zu fangen und am Boot zu vertäuen. Er ist zunächst der Sieger dieses mehrere Tage langen Kampfes, der ihn an die eigenen körperlichen und mentalen Grenzen führt. Aber am Ende kehrt er mit sprichwörtlich leeren Händen in den Hafen zurück: Haie haben den Fisch Stück für Stück aufgefressen, zurückbleibt nur noch das Skelett des Fisches.
Allein auf der Bühne mit beeindruckender Leistung
Als alter Mann hat er diesen Kampf verloren, nicht aber die Erkenntnis, dass er sein Wissen und seine Lebenserfahrung als Fischer an die nächste Generation – in der Erzählung verkörpert in der Person des Jungen – weitergeben kann. Und somit im Wissen der anderen weiterlebt.
Regisseur Luca Zahn hat die Erzählung für die Bühne übersetzt, die Bühnenfassung (eine Koproduktion zwischen dem Altonaer Theater und dem Theater Lindenhof) feierte jetzt Premiere in Melchingen (in Hamburg war die Premiere bereits im April). Und die hiesige Premiere war gelungen und beeindruckend, wie der langanhaltende und fast schon frenetische Applaus mit Händen und Füßen in der fast ausverkauften Scheune des Lindenhofs am Ende zeigte.
Darsteller des alten Mannes ist Stefan Hallmayer, Intendant des Theaters Lindenhof und Vater des Regisseurs Luca Zahn. Eine spannende Konstellation! Die Vater-Sohn-Beziehung hatte jedoch, wie Luca Zahn in einem Interview (nachzulesen im lesenswerten Programmheft) betonte, auf die Regiearbeit keinen Einfluss. „Wir stellen uns dem Material“, so Zahn, die Erzählung, die Stefan Hallmayer in eben diesem Interview „eine Hommage an das Leben“ nennt.
Hallmayer zeigt eine beeindruckende schauspielerische Leistung in dem über eineinhalbstündigen Stück. Als einziger Darsteller auf der Bühne hat er eine Doppelrolle inne: Er verkörpert den Erzähler und den alten Mann im unterbrechungslosen Wechsel. Seine Gestik, seine Mimik, seine Darstellung im Auf und Ab des Geschehens, seine Textsicherheit: das alles fügt sich zusammen zu einem stimmigen Ganzen. Von Anfang bis Ende.
Die Musik begleitet das Geschehen
Die Musik von Johannes Hofmann begleitet das Geschehen: eher zurückhaltend, fast schon sphärisch, als reflektiere sie die Tiefe des Meers, und doch präsent in den einzelnen Passagen. Das Bühnenbild (verantwortlich: María Martinéz Peña) ist insgesamt fast karg und zeichnet die Weite des offenen Meeres. Einzig herausragendes Bühnendetail ist das Boot des alten Mannes, überwiegend (so wie in der literarischen Vorlage auch) Ort des Geschehens. Es ist auf Rollen montiert, damit beweglich und simuliert gut die Bewegungen auf dem Wasser. Die Form des Bootes geben nur die Bootsplanken, und am Ende des Stückes kann man in ihnen auch das Skelett des Fisches erkennen. Die Beleuchtung verfolgt den Wechsel der Tageszeiten und der Dramaturgie ausgeklügelt und szenisch passend.
Was Stefan Hallmayer in Wort und Schauspiel auf die Bühne bringt, ist schon einzigartig und großartig. Diesem alten Mann nimmt man die Schwere des Kampfes ab. Ein Kampf, der ihn auch emotional herausfordert: Sein Schicksal ist eng mit dem des Fisches verknüpft: „Wenn er da unten bleibt, bleibe ich auch für immer da unten“.
Der Wechsel gelingt hervorragend
Die Lebensgrundlage eines Fischers ist nun mal das Fangen und Töten des Fisches, auch wenn er ihn „wahren Bruder des Meeres“ nennt und ihm eine eigene Würde zugesteht. Es ist berührend, wie Hallmayer diesem inneren Zwiespalt Ausdruck verleiht.
Bemerkenswert ist die schauspielerische Leistung auch aus dem Grund, dass Stefan Hallmayer durchweg alleine auf der Bühne agiert und damit sein eigener Dialogpartner ist. Er muss sich die Stichworte quasi selbst zuwerfen, und das über gut eineinhalb Stunden. Dieser Wechsel der Erzähl- und Handlungsperspektive gelingt ihm hervorragend.
Ein aufmerksames Premierenpublikum erlebte eine Aufführung, die es ihm im Zusammenspiel von Bühnenhandlung, Bühnenbild, Musik und Beleuchtung ermöglichte, die Situation auf dem Meer nachzuempfinden und sich in das Geschehen hineinzuversetzen. Das Publikum lohnte sämtliche Akteure mit herzlichem Premierenapplaus. Dieses Stück sollte man sich nicht entgehen lassen!
Termine für die weiteren Aufführungen des Stücks sind auf der Homepage des Lindenhof unter www.theater-lindenhof.de/spielplan-2/ zu finden.