Aurelina Bücher hat Jenny Erpenbecks Roman „Heimsuchung“ für das Theater der Alstadt adaptiert und folgt damit einem Trend auf deutschen Bühnen. Kann das gut gehen?
Hundert Jahre deutscher Geschichte, verdichtet auf knapp zweihundert Buchseiten, die wiederum in knappen neunzig Minuten auf eine Theaterbühne gestemmt werden – mit all ihren Figuren, Ereignissen, Bedeutungsebenen, literarischen Eigenheiten. Geht das überhaupt?
Der Trend, Romane für die Bühne zu adaptieren anstatt genuin dramatische Texte aufzuführen, hält an. Dabei ist es eine Ochsentour, Prosaliteratur in die dialogisch organisierte Spielform zu pressen, wie auch das Beispiel von Aurelina Büchers Theatertextfassung und Regie von Jenny Erpenbecks Roman „Heimsuchung“ am Theater der Altstadt zeigt. Achtzehn Rollen verteilen sich auf ein vierköpfiges Ensemble, das die Schicksale wechselnder Bewohner eines Hauses an einem märkischen See von den 1920er Jahren bis zum Abriss irgendwann in den Nachwendejahren durchspielt.
Der jüdische Tuchfabrikant ist der Eigentümer, aber nicht lange
Fünf Stellwände mit dachähnlich angeschrägten Kanten und aufgemalten Parzellierungslinien stehen für das im Lauf der Geschichte mehrfach geteilte Grundstück, über Dekaden bewirtschaftet von einer Frau, die nur „die Gärtnerin“ (Esrah Ugurlu) genannt wird. Auf die Stellwände projizierte Jahreszahlen verorten die Handlung im historischen Rahmen. So wohnt 1935 „Der Architekt“ (Moritz Brendel) neben dem jüdischen Tuchfabrikanten Ludwig (Sebastian Schäfer), Eigentümer des Grundstücks am See.
Für Verwirrung sorgt schon zu Beginn, dass die Frau des Architekten (Caroline Sessler) zugleich als Zirkusartistin auftritt. Zumal ihr Gatte sich binnen kürzester Zeit zum Nazi wandelt und sich das Grundstück des Tuchfabrikanten zu einem Spottpreis unter den Nagel reißt, während der Enteignete mit seiner Frau Anna (Esrah Ugurlu) nach Kapstadt flieht. Ludwigs zurückgebliebene Familie wird von den Nazis ermordet; durch eine Videoeinblendung erfährt man exemplarisch vom Schicksal der zwölfjährigen Doris (wieder Ugurlu), der Nichte Ludwigs, die im Warschauer Getto erschossen wird.
Ein unangenehmer Moment
Die Frau des Architekten wird kurz vor Kriegsende von einem Rotarmisten (Moritz Brendel) vergewaltigt, danach fällt es schwer, bei Handlung und Figuren den Überblick zu behalten. Einzelne gelungene Szenen stehen und wirken zwar für sich, doch besonders die Schilderung von Doris’ Tod gerät reißerisch und heikel. Ausgerechnet da geht Büchers sonst zügig vorantreibende Inszenierung ins Detail, erzählt mit der Videoeinblendung von Doris’ kindlichem Gesicht wie unterm Vergrößerungsglas, wie sich das Mädchen im Versteck durch das Rinnsal ihres Urins verrät, imaginiert sogar sensationslüstern deren letzte Gedanken vor dem Tod.
Da bleibt Aurelina Büchers Fassung den Schablonen trivial-populärer Holocaust-Darstellungen verhaftet und erheischt die folgenlose Betroffenheit der spät Nachgeborenen, ein unangenehmer Moment. Abgesehen davon mangelt es der Inszenierung zwar nicht an ästhetisch reizvollen, intelligenten Regie-Einfällen. Trotzdem bleibt die Frage, wie sinnvoll die Bühnenadaption eines Romans tatsächlich ist. Erpenbecks „Heimsuchung“ ist 2026 Abiturthema im Fach Deutsch, das erhöht den Druck auf Theaterhäuser, solche Stoffe auf den Spielplan zu setzen. Die nicht minder interessante, zum Spiel viel besser geeignete Dramatik gerät so allerdings in Vergessenheit. Ein schlechter Trend.
Heimsuchung:Theater der Altstadt. Weitere Vorstellungen am 19. und 20. November, 19.30 Uhr