Die Regisseurin Daniela Löffner lässt im Schauspielhaus Stuttgart das Personal aus Ibsens Drama „John Gabriel Borkman“ von Norwegen nach Stuttgart ziehen und verlegt die Handlung in die Jetztzeit – ist die Aktualisierung gelungen?
Berühmte Stücke haben oft mit Geld zu tun, mit Menschen, die sich ruinieren, ihre Familie und sich selbst in den Abgrund ziehen. Shakespeares „Kaufmann von Venedig“, Tschechows „Kirschgarten“ und eben auch Ibsens „John Gabriel Borkman“. Das 1897 uraufgeführte Bankrotteursdrama des norwegischen Dramatikers hat nun am Samstag Premiere im Schauspielhaus Stuttgart gefeiert.
Was kümmert die Gesellschaft eine bankrotte Bankiersfamilie aus dem vorvergangenen Jahrhundert, wo doch Klimakrise und Kriege auf der gesellschaftspolitischen Tagesordnung stehen, mag sich das Regieteam gedacht haben. Doch war da nicht etwas? Genau: die Bankenkrise 2008, einer der bekanntesten Bankrotteure damals war Bernard L. Madoff, der hatte ebenso wie Borkman Geld verzockt.
Weil man aber eben, vermutlich in der Hoffnung auf noch mehr Identifikationspotenzial, zeigen will, dass nicht nur in den USA korrupte Banker agieren, verlegt die Regisseurin Daniela Löffner das Stück in ihrer Bearbeitung nach Stuttgart. Der dergestalt entstaubte Borkman wird von Matthias Leja als größenwahnsinniger Fischersohn (vom Bodensee?) in Nadelstreifenanzug und räudiger Wolljacke gespielt, der nach seiner Entlassung in seinem selbst gewählten bürgerlichen Käfig herumtigert.
Erinnerungen an die Finanzkrise 2008
Aus dem Off ertönen Textfetzen über Börsennotierungen, Dax-Abstürze sowie Erinnerungen an die Verhandlung vor dem „Oberlandesgericht Stuttgart“, wo er zu acht Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Zudem – noch ein Hinweis, dass es sich beim Personal um jeden Menschen hier und heute handeln könnte – marschieren die Darsteller erst einmal in den Saal. Sie nehmen auf Stühlen in der ersten Reihe Platz, wo sie sitzen bleiben, wenn sie nicht gerade spielen.
Um an die Finanzkrise zu erinnern, hätte das Theater freilich Elfriede Jelineks scharfzüngiges Börsencrashwerk „Kontrakte des Kaufmanns“ auf den Spielplan setzen können, das außerdem die Gier der betrogenen Anleger klug reflektierte, aber sei’s drum. Das Ibsen-Werk hält es aus. Auch dass die Frauen im Zuge der Gleichberechtigung im Jahr 2024 nicht mehr nur Damen des Hauses sein können, sondern arbeiten durften. Ehefrau Gunhild (Sylvana Krappatsch) wird ein Modelabel und eine Modeboutique angedichtet, die im Zuge des Skandals pleiteging. Borkmans todkranke Schwägerin und Ex-Freundin Ella Rentheim (Katharina Hauter) blickt auf eine Pianistinnenkarriere zurück. Ellas Berufswahl liegt insofern nahe, als Borkman Musik liebt und auch sein Sohn Erhart (Marco Massafra) etwas für Musik, in der Person der jungen Musikerin Frida Foldal (Anne-Marie Lux), übrig hat.
Eindrucksvolle Bühne aus Aktenordnern
Die Haftstrafe ist seit acht Jahren abgesessen, seither hockt Borkman in der Villa, die Ella gehört; denn sie ist die Einzige in der Familie, deren Geld nicht veruntreut wurde. Er wartet darauf, dass irgendjemand ihn wieder als Bankdirektor einstellen will.
Die eindrucksvolle Bühne von Fabian Wendling besteht aus einem fensterlosen Raum in der Borkman-Villa – eine Kiste mit Wänden und einer Decke aus Aktenordnern. In denen heftet Borkman seine Recherchen ab, die seine Unschuld beweisen sollen. Wenn er nicht mit seinem Freund, dem Möchtegerndichter Foldal (Michael Stiller) mit Spielzeugautos Rennen veranstaltet.
Dass dieser Borkman mal mit Millionen jongliert und mit seiner Machtlust Frauen bezirzt haben soll, sieht man diesem zum Männlein verkleinerten Verbrecher nicht an. Ein Kerlchen, das nicht mal die Courage hat, zu warten, bis ihn die kalte Nachtluft tötet, sondern der mit Gift nachhilft. Es soll definitiv keine Faszination fürs Böse entstehen, das ist achtsam und nachvollziehbar interpretiert, verringert freilich aber den dramatischen Fall.
Ehefrau Gunhild schmollt derweil im Erdgeschoss am Schreibtisch sitzend über ihr Schicksal und bessert nebenbei ihre Pantoletten aus. Da wiederum zeigt sich die Kostümbildnerin Daniela Selig äußerst texttreu. „Etwas abgenutzt und mitgenommen“ sollen die Kostüme sein. Überhaupt hätte die Inszenierung „Gunhild Borkman“ heißen können: Sylvana Krappatschs Darbietung einer Frau, ganz personifizierter Vorwurf, fahrig in ihren Bewegungen, nachtragend, selbstmitleidig – „Ich hatte einen Kundenstamm, von dem träumen die meisten nur. Ich war gerade dabei, einen zweiten zu eröffnen. Alles weg! Alles – ich will ihn nie wiedersehen!“ – erbarmungslos in ihrem Willen, mit Hilfe ihres Sohnes Erhart ihre Reputation wieder zu erlangen, ist schon allein den Besuch des Abends wert.
Selbstgerechte Frau Borkman
Wenn der Sohnemann sich seiner Verantwortung doch nicht zu stellen gedenkt und lieber mit Frau Wilton (Christiane Roßbach interpretiert sie so cool wie lebenslustig) seine Zeit verbringen will, verliert sie die Contenance, selbst der enger geschnürte Gürtel rutscht ihr von den Hüften. Während Katharina Hauters Ella ganz sanftmütiges Opfer bleibt, verraten von Borkman und Sohn Erhart, den sie jahrelang bei sich aufgenommen hatte, zeigt Sylvana Krappatsch keine Scheu, ganz aufs hohe Ross zu steigen. Sie klettert die Aktenwandleiter hoch, um da oben aus einem Ordner eine Pizzaschachtel zu ziehen und, während sie undamenhaft vor sich hin mampft, zu klagen, sie habe ja nicht nur wie die anderen „ein bisschen“ Geld verloren, sondern Ehre und Ansehen.
Recht komische Szenen inszeniert Daniela Löffner, wenn die alte Generation – Ella, Gunhild, John Gabriel – den jungen Erhart mit absurden Wünschen überhäuft und Marco Massafras Erhart mit entgeistertem Blick auf die Alten schaut, seinen Dutt löst, die Haare schüttelt und verkündet, was er zu tun gedenkt – „leben!“. Dass zum Finale, anders als es im Dramenbuche steht, John Gabriel heult und Gunhild die Augen aufgehen – „Wir sollten uns schämen“ –, das ist dann so sympathisches wie reines Wunschtheater.
Schauspiel Stuttgart
Borkman
Henrik Ibsens „John Gabriel Borkman“ ist im Schauspielhaus Stuttgart wieder zu sehen am 26., 29. März, 2., 5. April, 30. Mai. www.schauspiel-stuttgart.de
Volksfeind
Das von Burkhard C. Kosminski inszenierte Ibsendrama „Ein Volksfeind“ am 6. April entfällt, als Ersatz auf dem Spielplan steht das Gastspiel von Tobias Moretti & l’Orchestre du Soleil – „Der erste Mensch“ nach Albert Camus.
Premieren
„Zertretung“ von Lydia Haider hat am 13. April in der Regie von Glen Hawkins Premiere im Nord. George Orwells „Farm der Tiere“ feiert am 24. April Premiere im Schauspielhaus, Regie führt Oliver Frljić. Im Kammertheater steht am 11. Mai eine Premiere an: „Sonne/Luft“. FX Mayr inszeniert das 2022 in Zürich uraufgeführte Stück von Elfriede Jelinek