Hier gibt es gelbes Gold: Therese Dörr als Mimi, Michael Stiller als Fritz. Foto: Björn Klein

Johanna Rödder-Mikow inszeniert „Gelbes Gold“ von Fabienne Dür im Foyer des Stuttgarter Kammertheaters – einen Text über Klassismus und den Schmerz des Heimkommens.

Die Plastikschalensitze des Wartehäuschens an der Bahnhaltestelle sind mit Graffitis beschmiert; wenn es dunkel wird, flackert fahles Neonröhrenlicht unter seinem Dach auf. Obwohl das Häuschen nicht echt, sondern von der Bühnenbildnerin Greta Marie Heithoff im Foyer des Stuttgarter Kammertheaters aufgestellt worden ist, empfindet man bei seinem Anblick sofort Heimweh.

 

In der Stadt X, wo man selbst aufgewachsen ist, hat man als Teenager an einem Sommerabend selbst an solch einem Wartehäuschen auf den letzten Bus oder die letzte Bahn gewartet und den Mücken beim Tanzen im Neonlichtkegel zugeguckt, den Geruch von Zigarettenqualm und blühenden Gräsern in der Nase.

Gestrandet in einem Wartehäuschen

In „Gelbes Gold“ von Fabienne Dür und in der Stuttgarter Inszenierung der Regieassistentin Johanna Rödder-Mikow strandet Studentin Ana in solch einem Wartehäuschen, nur mit einer Sporttasche voller Klamotten und ihrem Handy, in das sie Botschaften für die Welt da draußen spricht, die sie gerade mit dem Zug Richtung Heimat verlassen hat. Ana (Pauline Großmann) ist zum Studium in eine andere Stadt gezogen und hat ihren Vater Fritz (Michael Stiller), dessen Freundin Mimi (Therese Dörr) und ihre Schulfreundin Juli (Teresa Annina Korfmacher) zurückgelassen. Kurz vor ihrer Abschlussprüfung bekommt Ana kalte Füße vor ihrem neuen Leben mit Uni-Abschluss und fährt nach Hause.

Neben dem Wartehäuschen gibt es noch die titelgebende Imbissbude „Gelbes Gold“, in der Fritz mit Mimi tagaus tagein Pommes mit Ketchup-Mayo verkauft. Authentisch sind auch die dicken Trinkpäckchen mit Zitronen- und Pfirsich-Eistee auf der Theke, manchmal ist das Klischee eben doch ein exaktes Abbild der Wirklichkeit, wie in diesem Fall.

Der feine Unterschied zwischen den Schichten

„Gelbes Gold“ handelt vom Nachhausekommen, aber auch von der Scham einer jungen Frau, die sich als Teenager in der Schule mit billigem Pfirsich-Vanille-Deo eingesprüht hat, um den Dunst des Frittierfetts aus ihren Kleidern zu bekommen.

Fabienne Dürs Stück ist ein Text über Klassismus und die „feinen Unterschiede“ zwischen sozialen Schichten, die der französische Soziologe Pierre Bourdieu 1979 in seinem gleichnamigen, wegweisenden Buch als kulturelle Praktiken und Konsumgewohnheiten beschrieb, anhand derer sich soziale Hierarchien ablesen und stabilisieren lassen. In der Stuttgarter Inszenierung etwa zeigen die Klamotten der Figuren, wo sie herkommen und hingehören. Imbissfrau Mimi trägt ein hautenges Top im Animalprint und einen Minirock im Wurstpellenlook. Die gepunktete Strumpfhose will nicht dazu passen, das kurze Pufferjacket und die Kitten Heels im Vanille-Ton fügen sich dagegen hervorragend zur Mayonnaise, die Ana mit Druck aus der Tube auf ihre kalten Fritten quetscht. Anas Freundin Juli trägt extrem lange, lackierte Krallen an den Fingern und ein seltsames, in der Taille gesmoktes Fußballtrikot. Über ihrer tief in die Hüfte gezogenen Jeans schaut das Gummiband ihrer Unterhose hervor, an den Füßen trägt Juli scheußlich dicke Sneaker. Fritz sieht in seinem sauberen weißen Kittel adrett aus, fast wie ein Ingenieur oder Arzt. Er selbst kostet nie von seinem Produkt, das muss Mimi für ihn tun, er feilt aber wie ein Verrückter an der perfekten Rezeptur. In diese Gruppe kehrt die von ihren Ambitionen veränderte Ana wie ein Fremdkörper zurück, getrieben vom Heimweh und vielleicht auch von der Angst, bei der finalen Prüfung zu versagen. Die wahren Motive für Anas Rückkehr bleiben vage, sie liegen aber auf der Hand, wenn man sich in Anas Situation hinein versetzt.

Nicht neu, aber treffend beschrieben

Fabienne Dür und die Regisseurin Johanna Rödder-Mikow nähern sich dem Thema Klassismus über die Gefühlsebene ihrer Figuren an. Die Dialoge sind einfach, aber klar am Erleben der feinen Unterschiede ausgerichtet. Fritz und Mimi verlieren ihre Wohnung, weil die Plattenbausiedlung einer Shopping Mall weichen soll, wo die Bessergestellten konsumieren können. Juli verliert ihren Job in der Kita, weil die Eltern schlecht über sie reden, Fritz will das perfekte Produkt entwickeln, bedient aber letztlich nur Kunden, die sich kaum die Schale Pommes leisten können.

Die Erkenntnis, dass der Wechsel aus der sozialen Peripherie in die Akademikerschicht für beide Seiten schmerzhaft ist, ist nicht neu, in dieser Inszenierung aber treffend beschrieben.

Die nächsten Termine: 4., 8., 16., 20., 30. Mai, jeweils 19.30 Uhr. Tickets: www.schauspiel-stuttgart.de