Die Kunsthalle Tübingen ist abgelegen, klein – und sehr erfolgreich. Deshalb bekommt sie jetzt den Lotto-Museumspreis. Was macht die Leiterin Nicole Fritz anders als die anderen?
Natürlich überwiegt die Freude, aber man spürt auch die Erschöpfung. Schon wieder wird die Kunsthalle Tübingen vom Erfolg förmlich überrollt. Tagelang war die überregionale Presse im Haus unterwegs, der „Spiegel“, Radio und Fernsehen, alle wollen sie berichten über die neue Ausstellung zu Geschwistern in der Kunst. Aber auch beim Publikum ist bereits der Funke übergesprungen. Am vergangenen Wochenende kamen 500 Leute in „Sisters & Brothers“. Für das kleine Haus, sagt die Direktorin Nicole Fritz, sei das fast zu viel.
Es ist einer der wenigen dotierten Preise für Museen
Nun kommt auf die vielen Ausstellungserfolge der vergangenen Jahre auch noch ein stattlicher Preis drauf: Die Kunsthalle Tübingen erhält an diesem Wochenende den Lotto-Museumspreis. Siebzig Museen aus Baden-Württemberg hatten sich um eine der wenigen Auszeichnungen beworben, die auch mit Geld verbunden ist. 30 000 Euro erhält die Kunsthalle Tübingen, der mit 15 000 Euro dotierte Extra-Preis geht in den Schwarzwald an Le Petit Salon – Winterhalter in Menzenschwand. Die Kunsthalle Tübingen, urteilt die Jury, setze wichtige Impulse in der Kunstszene, begeistere dabei aber auch ein breites Publikum.
Was macht Nicole Fritz anders als andere Häuser? Seitdem sie vor fünf Jahren die Leitung übernommen hat, stehen die Menschen sogar wieder Schlange in Tübingen. Ob es hyperrealistische Menschenbilder waren, die Soloschau von Marina Abramovic oder nun Geschwister, ihre Themen „triggern“, wie es manche nennen. „Und darum geht es mir ja auch“, sagt Nicole Fritz. „Eine Ausstellung muss die nonverbale Sprache der Kunst ernst nehmen“, meint sie. Sie nutzt gern den vom Soziologen Hartmut Rosa geprägten Begriff der Resonanz. Kunst habe die Möglichkeit, „den Menschen sehr tief zu erreichen und zu bewegen und in tiefe Schichten vorzudringen.“
Tübingen verhandelt Themen, die triggern
Auch die aktuelle Ausstellung macht unmittelbar deutlich, das es in der Kunsthalle Tübingen um etwas völlig anderes geht als in den meisten Kunstmuseen: Es wird nicht Kunstgeschichte vermittelt, sondern Kunst. Das ist ein großer Unterschied und nicht selbstverständlich. Bis heute dominiert in Museen der wissenschaftliche Blick. Das hat historische Gründe: Um den Naturwissenschaften nicht nachzustehen, wollten auch die Geisteswissenschaften objektive Kriterien entwickeln, um die Dinge besser vergleichen zu können. So begann man, Werke in eine Chronologie einzusortieren und sich möglichst nüchtern auf Technik, Stile und Theorien zu fokussieren.
Den Blick auf die Werke lenken – nicht auf die Fakten
Nicole Fritz lässt die Bilder und Skulpturen dagegen erst einmal für sich sprechen. Auch wenn in den Ausstellungen kunsthistorische Expertise steckt, sollen sie sich dem Publikum bereits durch die Hängung öffnen. In der aktuellen Schau sind die Gemälde zum Beispiel so beleuchtet, dass sie den Blick wie magisch anziehen – und man eher spürt als begreift, was diese Geschwisterbilder ausmacht. So wird das Interesse an der Kunst geweckt – und erst im zweiten Schritt hingeführt zu dem, was die Wissenschaft daran interessiert.
Museums als Spielort der Sinne
Auch die Jury des Lotto-Preises lobt, dass hier „die Bedeutung der Kunst und Kultur für die heutige Lebenswirklichkeit“ hinterfragt und auch „für möglichst viele Menschen verständlich“ gemacht werde. Nicole Fritz hat schon festgestellt, dass andere Häuser ihre Ideen kopieren – und freut sich, dass sie jetzt endlich das umsetzen kann, was sie über die Jahre erarbeitet habe: „Museum als Bewusstseinsort und Spielort der Sinne, darum geht es mir.“
Als Studentin war sie verzweifelt
Am Samstag wird die Direktorin auf dem Weg zur Preisverleihung im Kino Museum auch wieder an der Uni vorbeikommen, wo sie vor dreißig Jahren als Studentin begann und fast wieder das Handtuch geworfen hätte. „Ich war zutiefst verzweifelt über das Kunstgeschichte-Studium, weil es mir nicht gegeben hat, was ich gesucht hatte“, erzählt sie. „Denn ich wurde durch Kunst bewegt, aber im Studium wurde Kunst als Stilkunde betrachtet.“ Wohler fühlte sie sich in der Empirischen Kulturwissenschaft und einer Vorstellung von Kunst als „nonverbalem Symbol, dem Emotionen eingeschrieben sind“.
Großer Erfolg mit nur sechs Stellen
Das Publikum scheint es ihr zu danken, dass es in der Kunsthalle Tübingen nicht nur um Faktenwissen geht, sondern auch das eigene Erleben eine Rolle spielen darf. Allein auf Instagram hat das Haus inzwischen 7000 Follower, als Fritz anfing, waren es gerade mal 1000. Nicole Fritz staunt selbst manchmal, wie sie das mit ihrem „kleinen Team“ schafft, wie sie es immer nennt. Mit ihr sind es tatsächlich nur sechs Stellen, um all das zu stemmen – Führungen, Kinderprogramme und Veranstaltungen und auch die Betreuung der Sammlung Zundel, die ja ebenfalls noch im Haus ist. Und ganz nebenbei hat die Kunsthalle sieben Tage in der Woche geöffnet. Als der Andrang bei der Ausstellung von Marina Abramovic so groß war, wurde auch montags aufgemacht. „Wir wollten schauen, ob es sich lohnt“, sagt Nicole Fritz, „und ja, es lohnt sich und kommt gut an.“
Der Weg zum Erfolg
Person
Nicole Fritz wurde 1969 in Ludwigsburg geboren. Sie hat in Tübingen studiert und über Beuys promoviert, war dann zunächst wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Kunsthalle Baden-Baden und danach Kunstkuratorin an der Akademie Schloss Solitude. Bevor sie nach Tübingen kam, war sie Leiterin des Kunstmuseums Ravensburg.
Museum
Kunsthalle Tübingen, Philosophenweg 76. Geöffnet Mo–So 11–18 Uhr, Do 11–19 Uhr. Anlässlich der Preisverleihung ist der Eintritt am 3. und 4. Dezember frei.