Stadtpfarrer Timo Weber (rechts) überreicht am Sonntag das Kreuz als Geschenk der Münstergemeinde im Beisein von Pfarrerin Anja Forberg und Pfarrer Alexander Köhrer an die evangelische Kirchengemeinde. Foto: Siegmeier

Die Replik der „Madonna von der Augenwende“ ist am Sonntag mit einem ökumenischen Gottesdienst in der voll besetzten Predigerkirche feierlich begrüßt worden.

„Der Augenblick ist da. Und den können wir nur gemeinsam, also ökumenisch, feiern. Zugleich aber auch als gesamte Stadt“, begrüßte Pfarrer Alexander Köhrer am Sonntag die Besucher des ökumenischen Gottesdienstes in der Predigerkirche zur offiziellen Begrüßung der Replik der „Madonna von der Augenwende“.

 

Ein Blick zurück

„Das ist ein Stadtereignis“, betonte Köhrer und wies auf das Wunder hin, das sich in der Predigerkirche im Jahr 1643, im Dreißigjährigen Krieg und während der Belagerung durch französische Truppen, ereignet haben soll. Nachdem das Antlitz der Madonna zunächst bleich geworden sein, und sogar Tränen vergossen haben soll, soll es am 25. November 1643 seine Augen Richtung Tuttlingen gewendet haben.

„Die Augenwende. Die Wende überhaupt“, hob Köhrer hervor, denn die französischen Truppen seien zu diesem Zeitpunkt geschlagen gewesen. „Das ist Stadtgeschichte. Genauer: göttliche Stadtgeschichte. Dafür steht sie. Die Replik“, machte Köhrer deutlich, der den Gottesdienst gemeinsam mit Pfarrerin Anja Forberg und seinem katholischen Kollegen, Stadtpfarrer Timo Weber, hielt.

Albrecht Foth, zweiter Vorsitzender des evangelischen Kirchengemeinderates, setzte den Weg von der Idee, bis zur Umsetzung der Replik mit der biblischen Wanderung der Juden durch die Wüste gleich – „immer wieder vor dem Scheitern stehend, aber jedes mal gerettet“, sagte er und erzählte davon, wie die Madonna während er Renovierung des Münsters in die Predigerkirche – ihre alte Heimat – zurückkehrte und von der Idee, von der Anfertigung der Replik, über den langen und steinigen Weg, bis hin zur Umsetzung und Begrüßung.

Verdienst von OB Broß

Er machte auch deutlich, dass es dann nach den mehrheitlichen Beschlüssen in den beiden Kirchengemeinderäten Oberbürgermeister Ralf Broß gewesen sei, der letztendlich Vertreter der evangelischen Kirchengemeinde und des Landesdenkmalamtes zusammenbrachte und die Idee einbrachte, die Replik doch mit geringfügigen Unterschieden zu fertigen, so dass einer Genehmigung dann endlich nichts im Wege stand.

Kreuz feierlich übergeben

Die Schiltacher Bildhauerin Andrea Wörner nahm ihre Arbeit auf. Sieben Jahre vergingen von der Idee, bis zur Umsetzung. Und auch die Anwesenheit von Landrat Wolf-Rüdiger Michel, Oberbürgermeister Christian Ruf und vieler Gemeinde- und Ortschaftsräte zeigte die Wichtigkeit der Madonna für die Stadtgeschichte auf.

Stadtpfarrer Timo Weber von der Münstergemeinde überreichte Pfarrer Alexander Köhrer und Pfarrerin Forberg als Geschenk feierlich ein Kreuz, das nun seinen Platz im Dreh-Tabernakel unterhalb der Madonnenskulptur findet.

Zunächst nicht alle begeistert

In ihrer Predigt ging Pfarrerin Anja Forberg auf die „Maria von der Augenwende“ ein. „Was ist das für eine Frau“, fragte sie und machte deutlich, dass nicht alle von der Anfertigung der Replik begeistert gewesen seien. Vielfach werde die Maria erhöht als Gottesgebärerin. „Sie wurde zur Projektionsfläche männlicher Frauenbilder und Wünsche, zur sanft-liebenden Mutter mit männlichem Kind, zur keuschen Jungfrau, die sich ohnmächtig unterordnet“, kritisierte Forberg. „Aber vielleicht kann sie heute wieder zur Brückenbauerin in der Ökumene werden, als evangelische Schwester ihres katholischen Zwillings im Heilig-Kreuz-Münster. Eine Garantin der Verbundenheit, gemeinsam mit dem Kreuz, das die katholische Kirchengemeinde aus Verbundenheit zur Begrüßung geschenkt hat“, so Forberg.

Im Anschluss berichteten die Bildhauerin Andrea Wörner und Restauratorin Nora Heinken, die die Skulptur gefasst hatte, über ihre Arbeit. Der Gottesdienst wurde musikalisch von Beate Vöhringer an der Orgel und gesanglich von Annemei Blessing-Leyhausen mitgestaltet.