Die Replik der Madonna von der Augenwende hat ihren Platz im Hochaltar der Predigerkirche eingenommen. Mit vereinten Kräften wurde die Skulptur über die vier Meter hohe Treppe auf den Sockel gestellt.
Halleluja! Seit Donnerstagabend steht die Replik der „Madonna von der Augenwende“ im Hochaltar der Predigerkirche. Und ihr scheint der Platz zu gefallen, lächelt sie doch ganz sanft den Helfern entgegen, die sie unbeschadet dort hochgehievt haben.
Die Schiltacher Bildhauerin Andrea Wörner, die die Replik in den vergangenen Jahren geschaffen hatte, atmete ebenfalls erleichtert und lächelnd auf, als das Werk am Donnerstagabend vollbracht war.
In den vergangenen Wochen hatte die Skulptur in der Sakristei ausgeharrt und auf den großen Tag gewartet. Zimmermeister Georg Albrecht hatte mit seinem Team extra eine vier Meter hohe Treppe gebaut, um die nicht ganz leichte Skulptur an ihren Platz zu transportieren.
Ein historischer Moment
Eine knifflige Aufgabe, die von allen Beteiligten hohe Konzentration erforderte. Auch Pfarrer Alexander Köhrer und Albrecht Foth, zweiter Vorsitzender des Kirchengemeinderats, verfolgten diesen „historischen Moment“, wie Pfarrer Köhrer sagte, gespannt.
Bereits nach kurzer Zeit hatte die Skulptur den Sockel erreicht. Und die Feinarbeit konnte beginnen. So wurde sie noch befestigt, damit sie nicht ins Kippen geraten kann. Und auch Zepter und Apfel mussten neu ausgerichtet werden.
Für viele ist nun das zweite Marienwunder vollbracht. „Es gibt Augenblicke, bei denen spürt man, dass sie absolut und erhebend sind. Und das war einer“, sagte Pfarrer Köhrer. Und auch Albrecht Foth lobte das vollendete Werk.
Die Madonna – ein Teil des Bildprogramms
Freilich: Es ist eine besondere Geschichte: Die Geschichte von der Madonnenreplik in der Predigerkirche. Denn eine Marienskulptur in einer evangelischen Kirche ist nicht alltäglich. Und dass eine evangelische Kirchengemeinde sich für die Anfertigung einer Replik ausspricht, erst recht nicht.
Als die Madonna während der Restaurierungsarbeiten des Münsters im Jahr 2017 auf ihren alten Platz in der Predigerkirche zurückkehrte, verstanden viele das, was schon vielfach geschrieben steht: „Die Madonna komplettiert das Bildprogramm der Predigerkirche“.
Die Madonna von der Augenwende hat seit 1643 einen besonderen Platz in den Herzen der Rottweiler. Als “Schutzfrau von Rottweil“ wird sie gar in einem eigens für sie komponierten Lied besungen. Die spätgotische Madonna mit Kind stand damals noch auf dem Lettner. Auf den Hochaltar kam sie erst bei der Barockisierung der Kirche, gut 100 Jahre später.
Das Wunder
Der Zulauf der Bevölkerung in diese Kirche sei während der Belagerung der Stadt durch die Franzosen Tag und Nacht sehr groß gewesen. Da habe sich am 10./11. November 1643 das Muttergottesbildnis entfärbt, sei erbleicht und habe die Augen zum Himmel und dann zur Stadt gewendet. Menschen hohen und niederen Standes hätten dies gesehen, auch einige Un-Katholische, heißt es.
Am 25. November desselben Jahres habe sich das Gesicht erneut verfärbt, sei rötlich geworden, und die Augen hätten sich bewegt. Maria soll auch Tränen vergossen haben. Zur selben Zeit wurden die Franzosen und die Sachsen-Weimarischen von der Kur-Bayerischen Reichsarmada bei Tuttlingen geschlagen. Der glückliche Ausgang wurde dem Marienbild zugeschrieben. Seitdem wird „Unsere Liebe Frau von Rottweil“ als „Madonna von der Augenwende“ verehrt.
2019 zog die Madonna wieder ins renovierte Münster zurück, und die Idee, eine Replik der Madonna anzufertigen, war geboren. Nach einigen Verhandlungen mit der Münstergemeinde, dem Oberkirchenrat und dem Denkmalamt gab die evangelische Kirchengemeinde die Replik bei Bildhauerin Andrea Wörner in Auftrag.
Magnificat und Festgottesdienst
Vor einigen Wochen hatte Andrea Wörner die Skulptur vollendet und Restauratorin Nora Heinken aus Rehborn konnte sie fassen, das heißt, die Farbschichten aufbringen.
Am 30. November, wird die Madonna mit dem „Magnificat“ von Carl Philipp Emanuel Bach feierlich begrüßt. Und am Sonntag, 1. Dezember findet ein Festgottesdienst zu Ehren der Madonna statt.