Er hat endgültig genug: Nicht von seinem Beruf, sondern von den Krankenkassen, die ihm das Arbeiten schier unmöglich machen und unsinnige Behandlungen fördern. Im Gespräch mit unserer Redaktion packt der Rottweiler Zahnarzt aus.
Carsten Engelhardt ist Zahnarzt aus Leidenschaft. Er will Patienten rundum gut versorgen – und zwar nicht erst, wenn die Baustelle im Mund groß ist. Er will Zähne erhalten, er setzt auf Prophylaxe und er will Patienten nicht einfach so einbestellen, nur weil es für die Quote gut ist.
Das Problem: Die gesetzlichen Krankenkassen scheinen aus seiner Sicht genau gegenteilige Ziele zu haben. Irrsinnige Vorgaben zu Behandlungen, komplizierte Verflechtungen, überbordende Bürokratie bei gleichzeitiger stetiger Honorarabsenkung, Strafen und eine für ihn fragwürdige „Telematikinfrastruktur“ – Engelhardt zieht die Reißleine: „Ich gebe meine Kassenzulassung zurück“, sagt er.
Praxis läuft weiter
Ganz wichtig: Die Praxis in der Ruhe-Christi-Straße, die er seit 24 Jahren betreibt, wird weiterlaufen – ab 1. Januar ist die Praxis eine freie Selbstzahlerpraxis für Kassenpatienten und Privatpatienten, wie Engelhardt erklärt. Ein Schritt, der bei manchem zum Naserümpfen führen dürfte. Alles nur wegen des Geldes?
Nein, sagt Engelhardt, und gibt auf Nachfrage Einblick in die aktuellen Bedingungen. Mittlerweile, so sagt er, fürchte er um seine eigene Gesundheit. Und er wolle weiterhin gesund bleiben – für seine Familie und seine Patienten.
Er will die Menschen gesund halten
Zurzeit betreue er mehr als 1000 aktive, „in der Regel gesunde“ Patienten. „Das ist wichtig, weil ich die Menschen ja aktiv gesund halten will und nicht ständig reparieren“, sagt er. Die Arbeitsbelastung habe sich aber über die Jahre stetig erhöht. Er arbeite täglich rund neun Stunden am Patienten, dazu kommen täglich fünf Stunden Bürokratie – „auch am Samstag und Sonntag“. Er habe momentan eine 80-Stunden-Woche. „80 bis 90 Prozent der Arbeit fällt nur an, weil die Vorschriften der gesetzlichen Krankenkassen und andere behördliche Vorgaben so ausgeufert sind“, stellt er klar.
Seine Beispiele
Beispiele gefällig? Die Liste von Carsten Engelhardt ist über viele Jahre lang und länger geworden.
2004: Das Honorar für Parondontitisbehandlung sei um 30 bis 40 Prozent gekürzt worden. „In Zahnerhalt motivierte Zahnärzte, wie ich, werden demotiviert, Zähne zu schützen.“ Die Leistung Zahnstein entfernen wird auf einmal im Jahr reduziert. Ein riesiges Einsparpotenzial für die Kassen, sagt Engelhardt.
Wer Zahnarzt macht, kriegt mehr
2012: Eine hochwertige Kunststofffüllung wird um 50 Prozent im Honorar reduziert – sehr technik- und industrieaffine Leistungen wie Kronen, Brücken, Prothesen und Implantate dagegen werden im Honorar teils bis zu 100 Prozent erhöht, wie Engelhardt berichtet. „Zahnärzte, die sowieso schon viel Zahnersatz machen, verdienen noch mehr Geld“, sagt er dazu. Wer Zähne erhalten will, schaut eher in die Röhre.
2019: Die Adressverwaltung auf der Gesundheitskarte wird von den gesetzlichen Kassen in die Praxis verschoben – damit wird laut Engelhardt viel Zeit seiner Mitarbeiter verbraten. Es werden zudem die ersten Strafen eingeführt. Wer kein „Versichertenstammdatenmanagement (VSDM)“ macht, muss zahlen. Um das Jahr 2020 eine weitere Neuerung: Die Ärzte dürfen keinerlei Nachkorrekturen an der Abrechnung machen – die Kassen dürfen aber weiterhin zwei Jahre lang nach Abrechnungsfehlern suchen und das Honorar zurückfordern, sagt der Rottweiler Zahnarzt.
2021: Die Parondontitisbehandlung wird aktualisiert. Jetzt müssen laut Engelhardt vier verschiedene Fristen bei drei verschiedenen Patientengruppen eingehalten werden – sonst gibt’s kein Honorar. Die Verwaltung der Termine wird immens aufwendig.
Strafen für Papierrezepte
2023: Das eRezept wird eingeführt. Es gibt Strafen für Papierrezepte. Ein Zahnarzt, der von der Telematikinfrastruktur wegen der Datensammlung und -weitergabe nicht begeistert ist, so wie Engelhardt, zahlt laut seinen Berechnungen zwischen 5000 und 15 000 Euro pro Jahr.
Und: Die Hälfte seines Honorars für Oktober bis Dezember 2023 wird er zurückzahlen müssen. „Hätte ich viele gesunde Patienten einbestellt und die Versichertenkarte eingelesen, wäre ich drumherum gekommen.“ Für Engelhardt ist klar: „Masse ist angesagt. Wer mehr Kärtchen einliest als die anderen, erhält mehr Honorar aus dem begrenzten Topf.“
Was bedeutet der Schritt für die Patienten
2024 habe sich die Situation weiter verschlimmert. Und er zieht jetzt Konsequenzen. Was bedeutet die Rückgabe der Kassenzulassung zum Jahresende nun für seine Patienten? Engelhardt sagt, diesen stünde dann wieder ein ausgeruhter, gesunder Zahnarzt gegenüber, der genau die Leistungen macht, die sinnvoll sind.
Höhere Preise
Für Privatpatienten ändere sich nichts, für Kassenpatienten – natürlich – der Preis. Engelhardt sagt klar, dass diese mit 20 bis 40 Prozent höheren Preisen bei den Eigenanteilen rechnen müssten. Der exakte Preis hänge vom Umfang der Versorgung ab. Und: Einfache Schmerzbehandlungen wie im Notdienst würden weiterhin über die gesetzliche Versicherung voll abgedeckt.
Wie Carsten Engelhardt berichtet, hätte er schon jetzt die Rückmeldung von den meisten Patienten, dass sie bleiben wollen. Dass dies aus Kostengründen nicht alle können, dürfte klar sein. Klar ist auch: Engelhardts Schritt dürfte kein Einzelfall sein und bleiben – nicht nur im Bereich der Zahnmedizin. Für ihn ist die Grundmisere auch ein Grund, warum Versuche, Ärzte mittels Stipendien aufs Land zu bekommen, scheitern. Selbst der Dümmste habe inzwischen gemerkt, dass das Verhältnis Geld – Risiko – Lebensqualität in Schieflage geraten sei.