Selfie mit „Marine“: Le Pen auf dem Markt des südfranzösischen Städtchens Pertuis Foto: AFP/Christophe Simon

Nicht einmal ihre Nähe zu Wladimir Putin kann ihr etwas anhaben: Die Ultranationalistin Marine Le Pen hat so gute Chancen wie noch nie, am Sonntag Staatspräsidentin Frankreichs zu werden.

Vor gut zehn Jahren, als sie ihren Vater Jean-Marie Le Pen aus der Partei warf, die er selber gegründet hatte, nannte man sie „die blonde Bestie“. Auch die Immigranten wollte sie loswerden, zusammen mit der EU und der Nato. Einführen, genauer: wiedereinführen wollte sie nur die Todesstrafe. Jetzt wandelt „Marine“, wie sie ihre Fans nur noch nennen, mit strahlendem Lächeln über den Markt des südfranzösischen Städtchens Pertuis. Ein Selfie hier, ein Küsschen dort: Die Provence, das ist ein Heimspiel für sie. „Ich habe das Volk hinter mir“, lacht die Frau, die ihren Nachnamen vergessen machen will. „Ich werde Präsidentin sein.“

 

Irgendwo skandieren ein paar schwarz gekleidete Junge, Faschisten hätten hier nichts zu suchen. Ein Paar mit einer Ukraine-Fahne schreit gegen Le Pens Putin-Affinität an. Und eine ältere Marktfahrerin mit Kopftuch wirft der Starbesucherin vor, sie verletze Frankreichs sakrosanktes Prinzip der „égalité“, wenn sie Immigranten wie ihr Sozialrechte vorenthalten wolle. Le Pen erwidert lächelnd: „Ich kämpfe für alle Franzosen.“ Schon schwebt sie weiter, zum nächsten Selfie. Der Pariser Sender BFM, der den Marktbesuch live überträgt, kommentiert anerkennend: „Sie ist populär. Sie macht hier keine Angst, sie ist kein Schreckgespenst mehr.“

Ihre Stimme ist weicher geworden

Vor einem Stand mit der gelben Inschrift „ein Kleid 8 Euro, zwei 15 Euro“ verspricht Le Pen „mehr Kaufkraft“. Seitdem alles teurer geworden ist, erhöht die Vorsitzende des Rassemblement National (RN) ihre Wahlversprechen geradezu inflationär. Im ersten Wahlgang Mitte April ist Le Pen mit 23,2 Prozent in die Stichwahl gegen den Amtsträger Emmanuel Macron eingezogen; für die Stichwahl nähert sie sich laut Umfragen der 50-Prozent-Schwelle.

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Beim Stichwort Macron lacht die Populistin nur. Die 53-jährige, zum dritten Mal antretende Präsidentschaftskandidaten gibt sich siegesgewiss. Sie, die früher gegen alles polterte, wirft nun Macron vor, er werde aggressiv und verliere die Nerven. Marine, die nicht mehr Le Pen genannt werden will, weil das irgendwie rechtsextrem klingt, gibt sich geläutert und gelassen. Ihr Schritt ist einstudiert langsamer geworden, ihre Reibeisenstimme weicher und etwas heller. Im sanften Licht einer Salonlampe erzählt sie Fernsehjournalisten von ihren sieben Bengalkatzen. Oder von dem Bombenattentat gegen ihren Vater, bei dem sie als Achtjährige einige Glassplitter abbekommen hatte.

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Auch ihr Privatleben breitet Marine heute gerne aus, was für Frankreich sehr unüblich ist. Die Villa ihres Vaters Jean-Marie Le Pen im Pariser Nobelvorort Saint-Cloud verließ sie im Jahr 2014, nachdem sein Dobermann eine ihrer Hauskatzen verspeist hatte. Nach drei Ehen und Lebenspartnerschaften, aus denen sie drei Kinder mitnahm, lebt sie heute mit einer Frau zusammen, die sie seit ihrer frühesten Kindheit kennt. Marine bestellt den Garten, Ingrid die Küche. Die Wohngemeinschaft funktioniere besser als mit Männern, bekennt sie: „Man schnauzt sich nicht ständig an.“

Bereitwillig spricht sie gar von ihrem Trauma, dem verpatzten TV-Streitgespräch gegen Macron im Jahre 2017. „Man wird besser, wenn man gelitten hat, gestürzt ist und sich Vorwürfe macht, weil man enttäuscht hat“, sagt sie. Sie zähmt sich bei ihren Auftritten bis zur Selbstaufgabe. Auch politisch: Den „Frexit“ hat sie nicht mehr im Programm, die Nato will sie nur noch kommandomäßig verlassen.

Sie kämpft ziemlich allein

Gegen die Immigranten will Le Pen weiter radikal vorgehen: Franzosen sollen etwa bei der Arbeitssuche eine „préférence nationale“ (Vorrang der Nationalität) haben. Über solche unschönen Dinge spricht sie aber nicht gerne. Braucht sie auch gar nicht: Alle Franzosen wissen, dass Le Pen so viel bedeutet wie Anti-Immigration. Auch ein hübscher Vorname ändert daran nichts.

Ja, die Franzosen haben immer noch Mühe, sich die Rechtspopulistin inmitten der Goldlüster und Gobelin-Wandteppiche des Élysée-Palastes vorzustellen. Trotzdem macht Le Pens „Entdämonisierung“ und „Banalisierung“, wie der Pariser Politjargon lautet, rapide Fortschritte. Die Zahl der Franzosen, die einen Wahlsieg der Ex-Anwältin als „Gefahr für Frankreich“ beschwören, ist in wenigen Jahren von 80 auf unter 50 Prozent gesunken. Ihr Wahlanteil kann deshalb über 50 Prozent steigen.

„Ob rechts oder links, Sie haben alles versucht“, wandte sich Le Pen kürzlich an ihre Wähler. „Versuchen Sie einmal eine nationale Bewegung, eine, die weise ist, vernünftig und luzid.“ Und vor allem sehr isoliert. Le Pen kämpft letztlich so allein wie ihr Rivale Macron. Ihren Vater hat sie verstoßen, ihre Nichte Marion ist im Wahlkampf zum Rechtsaußen Eric Zemmour übergelaufen. Für eine Regierungsbildung fehlen ihr kompetente Leute.

Außerdem ist höchst zweifelhaft, dass Le Pens marginale Partei RN im Juni die Parlamentswahlen gewinnen könnte. Dann müsste die Präsidentin einen ihr nicht genehmen Premierminister der siegreichen Partei ernennen, also eine „cohabitation“ eingehen. Wie das gut gehen soll, weiß niemand. Egal: „Wir sehen weiter, wenn wir im Élysée sind“, sagt die Frau, die keinen Nachnamen mehr haben will.