Prägende Bindung im Leben Warum Töchtern die Abgrenzung von der Mutter so schwer fällt

Nina Ayerle
Mütter empfinden ihre Töchter oft als ähnlich. Foto: KI/Midjourney/Montage: Sebastian Ruckaberle

Mutter-Tochter-Beziehungen prägen Frauen oft ein Leben lang. Psychologin Sarah Trentzsch erklärt, warum Abgrenzung wichtig ist – und wie sie gelingen kann.

Die Bindung zwischen Mutter und Tochter ist eine der prägendsten im Leben – und zugleich eine der kompliziertesten. Nähe, Identifikation und emotionale Verantwortung gehen hier oft Hand in Hand – manchmal bis zur Überforderung. Die Psychologin und Autorin Sarah Trentzsch erklärt im Interview, warum viele Frauen sich bis ins Erwachsenenalter nicht von der Mutter lösen können, wie alte Rollenbilder bis heute wirken – und warum gesunde Abgrenzung der Schlüssel zu innerer Freiheit ist.

 

Frau Trentzsch, was hat sie auf die Idee gebracht, speziell über die Beziehung zwischen Müttern und Töchtern ein Buch zu schreiben?

Ich arbeite seit über zehn Jahren mit erwachsenen Töchtern und ihren Müttern. Die Dynamik zwischen ihnen fasziniert mich: Es ist eine besondere Beziehung, weil sie gleichgeschlechtlich ist und die Mutter mehrheitlich mehr zur Verfügung steht.

Sarah Trentzsch aus Berlin berät in ihrer Praxis häufig Mütter und Töchter. Foto: PR/Luzia Schmincke

Aber was macht diese Beziehung so besonders – oder auch so problematisch?

Mütter empfinden ihre Töchter oft als ähnlich oder jedenfalls besonders nah. Die Tochter identifiziert sich mit ihrer Mutter, das heißt, sie ist ihr Vorbild, sie beobachtet sie und richtet sich nach ihr aus. Das ist noch nicht problematisch und eine wichtige Bindung. Manchmal aber erwartet die Mutter zu viel Nähe, Verständnis und emotionale Verfügbarkeit von der Tochter. Das passiert vor allem dann, wenn die Mutter unglücklich, einsam, unzufrieden mit dem eigenen Leben oder stark belastet ist.

Welche Gefühle kann das in der Tochter auslösen?

Das führt zu einer Überforderung der Tochter, die bis in ihr Erwachsenenleben wirkt. Vor allem, wenn die Tochter sich abgrenzen will, kommt es häufig zu Schwierigkeiten in der engen Beziehung. Abgrenzung, Schritte in ein Leben außerhalb der Bindung lösen dann Angst aus und wird sanktioniert. Mutter und Tochter haben Angst, dass Eigenständigkeit und Differenzen die Beziehung infrage stellen und werden daher vermieden. Die Grenze zwischen Nähe und Vereinnahmung ist fließend. Viele Töchter empfinden Schuldgefühle, wenn sie sich emotional entfernen wollen.

Gibt es typische Muster, wenn mehrere Kinder da sind?

Durchaus. Wenn es zwei oder mehrere Töchter gibt, können unterschiedliche Rollen entstehen: Die eine wird emotional näher an die Mutter gebunden, übernimmt mehr Verantwortung für ihr Wohlbefinden. Die andere bekommt vielleicht mehr Freiheit, dafür aber auch weniger Nähe und Zuwendung.

Sie sprechen von einer „Ideologie der Symbiose“ – was meinen Sie damit? Was ist das für eine Dynamik?

Viele beschreiben eine Nähe zu einem anderen Menschen, die als belastend oder zu viel erlebt wird als Symbiose. Das soll meist erklären, warum man sich nicht lösen kann oder extrem zuständig fühlt. Symbiose zwischen zwei Menschen gibt es aber nicht, jedenfalls nicht seit wir das Licht der Welt erblickten. Menschen, auch wenn sie sich sehr mögen und gut kennen, haben unterschiedliche Interessen, Gefühle, Bedürfnisse. Man kennt einen anderen nie vollständig. Jeder andere Mensch ist ein Stück weit fremd und eigen. Es gibt aber die Vorstellung, Mutter und Tochter wären mehr verbunden als andere, zum Beispiel in der Fantasie alles voneinander zu verstehen. In der Realität führt das oft dazu, dass Töchter Emotionen und Bedürfnisse der Mutter nicht mehr von ihren eigenen unterscheiden können. Sie erleben deren Sorgen, deren Verluste und Erfahrungen als eigene – oft ein Leben lang. Selbst erwachsene Frauen können oft nicht zwischen ihren Gefühlen und denen ihrer Mutter unterscheiden. Diese Frauen tun sich schwer, Grenzen zu ziehen, weil sie von klein auf gelernt haben: Ich bin verantwortlich für das emotionale Gleichgewicht der anderen.

Gilt das nicht für viele Frauen generell – sich erst um andere zu kümmern?

Genau. Und ich glaube, der Ursprung liegt häufig in der Mutter-Tochter-Dynamik. Dort wird diese Beziehungserwartung geprägt: hab Verständnis, sei für mich da, bleib in meiner Nähe. Diese Haltung tragen viele Frauen in ihre Freundschaften, Partnerschaften, sogar ins Berufsleben. Der gesellschaftliche Anspruch an Frauen, emotional zuständig zu sein und andere in ihren Belastungen aufzufangen, beginnt sehr früh – oft zu Hause.

Manche Mütter wünschen es sich, dass ihre Töchter gleich sind wie sie – oder auch ihre unerfüllten Träume ausleben wie Klavier lernen oder Ballett tanzen. Ist das in ihren Beratungen häufig ein Thema?

Unter Frauen, nicht nur unter Müttern und Töchtern, gibt es einen starken Gleichheitsanspruch. Frauen sollen sich nicht sehr unterscheiden, nicht hervortreten, nicht besser sein als die andere, nicht aus der Reihe tanzen, keine andere Meinung haben. Viele Frauen haben sehr intensive, nahe Frauenfreundschaften – bis zu dem Punkt, an dem Differenzen nicht mehr ausgehalten werden. Eine Freundin wird zum Beispiel Mutter, die andere nicht – und plötzlich passt es nicht mehr. Frauenfreundschaften scheitern oft an der Unfähigkeit, Verschiedenheit zuzulassen. Weil wir gelernt haben: Beziehungen müssen von Nähe, emotionalen Support und Verständnis getragen sein. Das ist schön, aber wird zum Knebel, wenn eine mal anderer Ansicht ist.

Sie sprechen auch von einem überholten Verständnis von Partnerschaft – leben viele die ständige Verfügbarkeit weiter?

In meiner Paarberatung begegnet mir oft die Vorstellung: Meine Partnerin oder mein Partner muss all meine Bedürfnisse stillen, all meine inneren Wunden heilen. Das ist eine Überforderung. Eine belastbare Partnerschaft basiert auf dem Wissen: Für einander da sein, ist schön und ein Geschenk, aber kein Anspruch, der erfüllt werden muss. Nähe und Abstand sind ein Pendel, beide Seiten gehören dazu. Nur so entsteht die Freiheit, Nähe freiwillig zu gestalten, statt sie permanent einzufordern.

Was wäre Ihre zentrale Forderung an Mütter?

Wir brauchen mehr Mut zur inneren Freiheit. Und das bedeutet: Verantwortung für sich selbst übernehmen, also für eigene Beziehungswünsche, Ziele und Leidenschaften. Und zugleich die der anderen, mit denen wir Beziehung sind, wahrzunehmen. Vor allem die Grenzen, Eigenheiten und Wünsche der Tochter zu akzeptieren. Mütter müssen aufhören, ihre emotionalen Bedürfnisse an die Tochter zu delegieren. Es ist wichtig zu verstehen, gerade für Frauen, dass es nicht egoistisch ist, auf sich zu achten. Es ist überlebensnotwendig. Mütter sollten also für sich selbst einstehen und nicht erwarten, dass ihre Kinder ihre Einsamkeit kompensieren – sondern sich auch in anderen Beziehungen emotional einbinden.

Viele Frauen berichten, dass sie als Kind bereits für die emotionale Stabilität der Mutter zuständig waren. Was macht das mit einer Tochter?

Das ist eine enorme Belastung. In der Psychologie nennt man dies Parentifizierung, also wenn Kindern Aufgaben übertragen werden, für die eigentlich die Eltern selbst zuständig wären, wie Fürsorge für Erwachsene, Organisation des Lebens, wichtige erwachsene Entscheidungen zu treffen. Viele dieser Frauen spüren später: Ich war nie wirklich frei. Ich habe immer funktioniert, mich angepasst, habe Dinge geregelt, die ich nicht überblicken konnte, andere stabilisiert und mich selbst aus dem Blick verloren. Das prägt Frauen ihr Leben lang. Sie hadern um ihr Eigenes, fühlen sich ausgelaugt, erfüllen Dinge, die sie nicht wollen und geben im Zweifel die Leiden wieder an die Tochter weiter.

Würden Sie sagen, es hat sich heute etwas verändert?

Es hat sich viel verändert – gesellschaftlich, strukturell. Aber die inneren Muster sind erstaunlich konstant. Auch junge Frauen, Anfang 20, kommen heute in die Beratung und berichten noch immer von denselben Dynamiken. Der gesellschaftliche Druck ist nicht verschwunden – er hat sich nur verlagert: Heute sollen Frauen alles gleichzeitig leisten – Karriere, Kinder, Beziehung, Selbstverwirklichung. Viele sind dadurch sehr erschöpft.

Zur Person

Leben
Sarah Trentzsch studierte in Hannover Sozialpsychologie und Literaturwissenschaften in Berlin Psychodynamische Beratung an der International Psychoanalytic University. Sie arbeitet angestellt und mit eigener Praxis in der psychosozialen Beratung, sie ist zudem Koordinatorin einer Interventionsstelle gegen Gewalt an Frauen und ihren Kindern.

Werk
Sarah Trentzsch hat aktuell das Buch „Wofür wir Töchter unsere Mütter brauchen. Portrait einer Beziehung“ im Gutkind-Verlag (24,00 Euro) veröffentlicht. (nay)