In dem Münchner Reichen-Vorort Grünwald mit hoher SUV-Dichte werden Vorstöße für ein Tempolimit notorisch niedergebügelt – mit skurrilen Begründungen.
All das, was für die bayerischen Schönen, Reichen und Arroganten steht, hat einen bundesweit bekannten Namen: Grünwald, die Millionärskolonie am Isarhochufer vor den Toren Münchens. Der Ort mit den vielen Bayern-München-Stars und Dax-Konzern-Managern als Einwohner steckt in neuen Turbulenzen. Für bestimmte Straßen lehnte der Gemeinderat in seiner jüngsten Sitzung Tempo 30 ab – mit großer Mehrheit. Der CSU-Mandatsträger Thomas Lindbüchl sagte bei dieser Gelegenheit, viele Bewohner hätten so große Autos, dass man damit gar nicht 30 fahren könne. „Wenn man da aufs Gas tritt, ist man gleich bei 50.“
So viele Porsche, jede Menge SUV
Grünwald eben, scheint zu passen. Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Ingrid Reinhart berichtet: „Wir haben das Thema Tempo 30 jedes Jahr.“ In einer Bürgerversammlung hatten 200 Grünwalder verlangt, dass sich das Gremium erneut damit beschäftigt. Es geht um sogenannte Sammelstraßen, auf denen weiterhin Tempo 50 gilt. „Die sind in reinen Wohngebieten“, klagt Reinhart. „Die Leute haben dort Angst um ihre Kinder und um sich selbst.“ Viele von ihnen würden allerdings selbst Porsche oder SUVs fahren.
Mit großer Mehrheit wurde der Vorstoß abgebügelt, nur vier der 24 Gemeinderäte waren dafür. Vor allem die CSU mit ihrer 13-köpfigen Fraktion beharrt auf Tempo 50. Über ihren CSU-Kollegen Lindbüchl und seine Aussage über die Mindestgeschwindigkeit von hochmotorisierten Autos meint die Grüne: „Dem ist kein Schmarrn zu blöd, wenn es gegen Verkehrsberuhigung geht.“ Die Christsozialen in Grünwald seien eben „sehr konservativ und rückwärtsgewandt“.
Der attackierte Thomas Lindbüchl schnauft erst einmal gequält ins Telefon und sagt dann: „So, wie das Thema jetzt dargestellt wird, macht es überhaupt keinen Sinn.“ Grünwald habe Tempo-30-Zonen, und zwar viele, etwa alle Anliegerstraßen. Geschätzt 80 bis 90 Prozent. Es gehe nur um Sammelstraßen, die den Durchgangsverkehr weiterleiten. Sonst, so seine Argumentation, entstehe Stau – denn Tempo 30 bedeute auch zwingend rechts vor links. Lindbüchl nennt etwa die lange Gabriel-von-Seidl-Straße mit viel Verkehrsaufkommen, weil sie zu der bekannten Bavaria-Filmstadt führt.
Mit dem Humor ist es schwierig
Und wie war das mit dem Gasgeben bei den dicken Autos? „Das war ein humoristischer Kommentar, nachdem wir wieder eine Stunde diskutiert hatten“, meint Lindbüchl. Eigentlich wollte er damit gesagt haben: „Es ist jetzt gut.“ Manchmal ist es schwierig mit dem Humor. In den Netzwerken bekommt er nun den einen oder anderen bösen Kommentar – „aber das schreiben Auswärtige“, ist sich der Gemeinderat sicher.
Grünwalds Bürgermeister Jan Neusiedl – selbstverständlich von der CSU – hält die Diskussion für einen „Sturm im Wasserglas“. „Ich hatte das Vergnügen, diese Sitzung zu leiten“, sagt er und lacht. Seit 21 Jahren stehe er an der Spitze der 11 000-Einwohner-Kommune, gerade er habe Tempo 30 auf vielen Straßen durchgesetzt.
Enteignung von Grünwalder Villen gefordert
Einen klassischen Interessenkonflikt sieht der Bürgermeister beim Verkehr: „Keiner möchte das vor seiner Haustüre, gleichzeitig will aber jeder schnell zu seinem Ziel.“ Dass die Isargemeinde mit ihrer hohen Dichte an SUV-Fahrern und -Fahrerinnen wieder einmal Thema ist, kennt Neusiedel: „Grünwald wird gerne in den Fokus gestellt.“
Zum 1. Mai 2021 etwa hatten Münchner Linke durchaus humorvoll eine antikapitalistische Demo auf dem Marktplatz abgehalten und die Enteignung von Grünwalder Villen gefordert. Ein junger Einheimischer schmetterte dem kleinen Trupp entgegen: „Ja, ich bin ein richtiger Reichen-Schnösel!“