Umstritten: die Krippe der Künstlerin Victoria-Maria Geyer. Foto: Knut

Brüssel streitet über eine Weihnachtskrippe. Die dortige Darstellung der Heiligen Familie gefällt nicht jedem – vor allem nicht den Liberalen.

Brüssel ächzt unter gewaltigen Problemen. Die Stadt hat seit rund 550 Tagen keine Regierung, ist hoffnungslos überschuldet, versinkt jeden Tag im Verkehrschaos und ist Schauplatz rivalisierender Drogen-Clans.

 

Die heillos zerstrittenen Parteien haben im Moment allerdings keine Zeit, an einem Ausweg aus der Dauermisere zu arbeiten, denn sie streiten sich über ein anderes Thema: die neue Weihnachtskrippe auf dem malerischen Grand Place vor dem Rathaus. Zehntausende Besucher bestaunen jeden Dezember die lebensgroßen biblischen Figuren, die aber in die Jahre gekommen waren und ausgetauscht werden mussten.

Modernes Antlitz für die Heilige Familie

Doch kaum waren die Darstellungen von Maria, Joseph und dem Christuskind in diesen Tagen enthüllt worden, hob in der Stadt ein großes Geheul an. Dabei hatte die Brüsseler Künstlerin und Katholikin Victoria-Maria Geyer nur getan, wie ihr geheißen war und der Heiligen Familie ein modernes Antlitz gegeben. Um deren große Armut in jener Zeit zu veranschaulichen, schuf sie unpersönliche Gesichter aus groben Stoffresten. Die Verantwortlichen hatten mit Kritik an der Darstellung gerechnet, allerdings nicht mit der Woge der Empörung, die nun über sie niederbricht. Konservative aus allen Ecken des Landes fühlen sich bemüßigt, ihre Meinung kundzutun. Der Tenor lautet: die neue Krippe missachte die christlichen Traditionen. Manche der Eiferer versteigen sich sogar zu der Behauptung, die Künstlerin erfülle mit ihrer verfremdeten Darstellung der Gesichter „islamistische Forderungen“.

Da hilft es auch nicht, dass sich der für die Glaubensgemeinde zuständige Pfarrer Benoît Lobet schützend vor das Kunstwerk stellt und der Künstlerin seine Unterstützung zusichert. Zu den lautesten Kritikern gehört Georges-Louis Bouchez, Vorsitzender der liberalen Partei Mouvement Réformateur (MR). „Wir dürfen das nicht hinnehmen und müssen den Austausch dieser Krippe fordern“, empört er sich in den sozialen Netzwerken. Seine Partei sieht sich in diesem Fall als Retter des christlichen Abendlandes und startete eine Petition für die Rückkehr der „echten Krippe“.

Durchsichtiges Manöver der Lieberalen

Dieses Vorgehen ruft aber bei allen unmittelbar Beteiligten großes Erstaunen hervor. Denn im Stadtrat von Brüssel sitzen mehrere Liberale, und die Partei ist auch in der Regionalregierung auf allen wichtigen Entscheidungsebenen präsent. Während des mehrere Monate dauernden Verfahrens zur Konzeption der Weihnachtskrippe hat sich aber keiner der Kritiker je zu Wort gemeldet. Nicht nur die politische Konkurrenz vermutet, dass die Liberalen ein durchsichtiges Manöver fahren, um bei der konservativen Wählerschaft zu punkten.