Brennt für den VfB Stuttgart, St. Pauli und die Wild Wings: Nicola Schurr. Foto: Eva-Maria Huber

Nicola ist also der Mann mit der Nummer 12 beim VfB. Zumindest auf einem Spaß-Trikot, das an einer schwäbischen Autoscheibe prangt. Denn Schurrs Faible für Fußball, seine Liebe zum VfB und zum FC St. Pauli sind mindestens genauso groß wie sein Interesse für Politik.

Nein, es soll im Gespräch mit unserer Redaktion ausnahmsweise nicht um die Politik gehen, oder sein vielfältiges soziales Engagement, wie beim Verein „VS ist bunt“.

 

Ganz schön schwierig, denn immerhin sitzt der bald 40-Jährige nicht nur im Kreistag, sondern ist auch in der SPD-Fraktion im städtischen Gemeinderat die Nummer Eins.

Heute dreht sich alles um eine ganz andere Leidenschaft, den Sport, genauer gesagt um Fußball und Eishockey. Doch wenn es um die Wahl der Kaffeetasse geht, dann blitzt ganz schnell der „Sozi“ wieder durch. „Ganz klar. Ich nehme die Rote.“

Mitten im Abstiegstaumel

Die Farbe rot spielt auch bei dem Verein eine große Rolle, für den er brennt und dessen Spiele er, wann immer es möglich ist, verfolgt, „wenn nicht gerade eine wichtige Sitzung ist“. Seit 2022 ist Schurr eingetragenes VfB-Mitglied, die Folge einer Wette, die er dann auch einlöste. Schurr erinnert sich: Der VfB war im Abstiegstaumel, höchst frustrierte Freunde aus dem Raum Stuttgart zitterten mit der Stuttgarter Elf. Diese habe er aufmuntern wollen mit den Worten: „Der VfB steigt nicht ab. Und wenn ich Recht habe, dann werde ich Mitglied.“ Der Rest ist Fußball-Geschichte.

Schurr erhielt recht flott Post aus Stuttgart. Nicht nur die Mitgliedskarte mit der Aufschrift „Jung&wild“ habe er dem Päckchen entnommen, grinst er, und habe sich dabei gedacht: „Wenn die wüssten, wie alt ich wirklich bin.“ Damals sei er schon 38 Jahre alt gewesen. Zudem zog er ein Mini-Fantrikot heraus mit der Aufschrift: „Schurr Nr. 12“, Dieses Miniatur-Teil vermachte er gleich seinen schwäbischen Freunden, die den Fanartikel an die Autoscheibe klebten und seither sichtbar stolz durch die Gegend fahren. Keine Frage, wenn in Bad Cannstatt Anpfiff ist, steht Schurr mittendrin und fiebert mit.

Mit der Bummelbahn

Mit dem Fußball kommen auch schnell viele Erinnerungen, an die ersten Fahrten mit dem Fanbus gemeinsam mit Papa Edgar und die große Faszination für die Deutschland wie weltweit populärste Sportart, ihre Fans und Fankurven, die Choreografien, die Stimmung und Atmosphäre in den großen Stadien. Schurr ist jetzt nicht mehr zu halten.

Nun stürmt er mit seinen Souvenirs gedanklich erst zum BVB Dortmund und dann zu Matthias Sammer, dessen Traumschuss in den Kasten: Schurrs erstes Tor, „das ich je in einem Stadion live gesehen habe“. 16 Jahre alt war er, als er sich in einer Nacht- und Nebelaktion in den Zug setzte, 17 Stunden mit „einer Bummelbahn gen Hamburg fuhr“, um ein St. Pauli-Spiel zu verfolgen. Familiäre Bande im Norden, ein Besuch in Hamburg in Kindertagen legten die Grundlage für eine Begeisterung, die bis heute anhält.

Plötzlich wieder 16

Und plötzlich ist Schurr wieder der 16-Jährige, der kurz nach dem Tod der geliebten Mutter, „einfach weg musste“. St. Pauli-Fans fiel der Jugendliche auf. Das Nachhaken aus dem Fanblock, woher er komme, habe er knapp beantwortet: „Aus dem Schwarzwald“. Die sich anschließende Frage, wo um Himmels willen er denn übernachte, mit den drei Worten: „Auf dem Bahnhof“. Erst leichte Irritation in der Hamburger Fangruppe, dann die klare Ansage: „Du kommst mit uns.“ St.Pauli-Fans nahmen Nico in ihre Mitte, verbrachten mit ihm die Nacht in der Kultkneipe „Silbersack“ und begleiteten ihn gegen 5 Uhr an den Bahnhof, wo ein glücklicher, aber hundemüder Nico in den Zug Richtung Villingen einstieg. Bei der Aufstiegsfeier des Clubs 2010 war Schurr wieder dabei. Zusammen mit 100 000 St. Pauli-Fans auf der Reeperbahn, die den baldigen Erstligisten feierten. „Das war Gänsehaut pur.“ Stuttgart, Dortmund, Hamburg, Stationen einer lebenslangen Reise für den Fußball.

Auch in der Südostkurve

Vom runden (Kunst)Leder zum Hartgummi, von der Gewichtsklasse 410 bis 450 Gramm zu 156 bis 170 Gramm, und damit vom Fußball zum Eishockey und zum Puck: Als überzeugter Doppelstädter und gebürtiger Villinger ist eines klar: Schurrs Herz schlägt auch für den Eishockeysport, und das Schwenninger Aushängeschild Wild Wings. Schon als Bub, erzählt der bald 40-Jährige, sei er mit Brotdose und Thermoskanne ins Stadion marschiert und auch schnell Mitglied im Fanclub „Südostkurve“ geworden. Hier ist er ebenfalls sportlich unterwegs, „wenn ich Zeit habe, verfolge ich die SERC-Spiele, auch auswärts.“ Was ihn beim Eishockey begeistert: „Das Spiel selbst, die Schnelligkeit, auch die Aggressivität“ und die meist entspannten Fans der gegnerischen Teams. „In Frankfurt wurde ich von ihnen sogar eingeladen.“

Was wäre, wenn...

Die rote Kaffeetasse ist jetzt leer, Schurrs Akku noch lange nicht. Ein Spiel des VfB Stuttgart gegen den FC St.Pauli, vor Weihnachten, und dann ist erstmal Winterpause. Mitte Januar geht es dann weiter mit der Begegnung gegen RB Leipzig. Der Termin steht bereits im Kalender. Nicola Schurr verabschiedet sich, nicht bevor er noch ein paar Worte zu seinem großen Idol gesagt hat: Zinedine Zidane, einer der besten Fußballspieler der Geschichte. Im nächsten Leben, sinniert er, würde er zwar auch wieder in Richtung Sozialpädagogik gehen, aber mit dem Fokus auf Sport. „Zum Beispiel junge Leute betreuen, die es nicht in den Profibereich schaffen.“

Fast ist er schon um die Ecke verschwunden, als er noch eine Einladung an den bekennenden SC-Freiburg-Fan ausspricht: „Kannst gerne mal nach Stuttgart mitfahren, manchmal haben wir noch Platz...“