Perfektion hat einen Namen: Helene Fischer. Foto: dpa/Jan Woitas

Tausende bejubeln sie als Superstar. Vielen anderen ist Helene Fischers Musik und ihr Auftreten eher ein Graus. Wer hat denn nun recht?

Es gibt ein paar Themen in Deutschland, bei denen gibt es nur zwei mögliche und völlig gegensätzliche Meinungen. Die Aktionen der „Klimakleber“? Findet man entweder wichtig oder hirnverbrannt. Beim Sprechen gendern? Entweder zwingend notwendig oder zum Hyperventilieren. Tempolimit? „Wenn nur diese blöde FDP nicht wäre“ oder „Ökodiktatur“.

 

Und dann natürlich Helene Fischer: entweder Superstar oder Schlagerschreck. Dazwischen scheint es nichts zu geben.

Sechs Abende in der Schleyerhalle

Wobei die „Superstar“-Fraktion viele gute Argumente auf ihrer Seite hat. Da sind ja keineswegs nur die Verkaufszahlen von Fischers Musikalben und ihre Chartplatzierungen. Da sind vor allem ihre außergewöhnlichen Talente, die jeder anerkennen muss, der sie einmal live auf der Bühne erlebt hat: Sie kann nicht nur singen und tanzen; sie liefert gemeinsam mit Band und Tänzern eine perfekt choreografierte Show. Und dann ist da vor allem natürlich ihr größtes Kapital: ihre wunderbar klare, helle, samtige, ebenso kraftvolle wie ausdrucksstarke Stimme. Und inzwischen zwei, drei Songs, die im Grunde jeder, der ehrlich ist, kennt und im Ohr hat.

Das alles erklärt, warum Fischer gerade wieder eine Tournee hinlegt, wie sie sich kein anderer deutscher Unterhaltungskünstler, eigentlich auch keine internationale Band zutrauen würde: Vom Frühjahr bis in den Herbst bespielt sie die größten Konzertsäle, drei, vier, fünf, sechs Abende hintereinander – und ist überall praktisch ausverkauft. Auch in der ersten Maiwoche, wenn sie an fünf Tagen in der Stuttgarter Schleyerhalle gastiert.

Münchner Mega-Konzert trötz strömendem Regen

Und welche Argumente hat die „Schlagerschreck“-Fraktion? Dieser ist die Fischer entschieden zu glatt, zu perfekt, zu strahlend blond. Sie wirke wie ein letztlich seelenloses, weil zielgruppenorientiertes Entertainment-Produkt. Der ganze Hype, die ganze Euphorie der Fischer-Fans nerve entsetzlich. Den Megahit „Atemlos“ können man nicht mehr hören. Und so taugt jedem drittklassigen TV-Comedian schon die bloße Erwähnung ihres Namens bei theatralisch schreckgeweiteten Augen, um beim Saalpublikum Lacher zu ernten. Helene Fischer unmöglich zu finden gehört hier zum guten Ton.

Im Grunde kann das Helene Fischer völlig egal sein. Während ihre Branche große Probleme hat, nach Corona wieder Fuß zu fassen, versammelte die Fischer vergangenes Jahr auf dem Gelände der Messe München trotz strömenden Regens 130 000 Zuschauer. Die Tickets waren binnen 24 Stunden vergriffen. Ihre aktuelle Show „Rausch 2023“ erntet anerkennende Kritiken. Ihre Auftritte mit den Akrobaten des kanadischen Cirque du soleil lassen staunen.

Ausbildung auf der Musicalschule

Mit ihren Bühnenformaten ist die Sängerin längst mehr als eine Popschlagersängerin – sie ist eine Entertainerin. Es gibt neben ihr ja noch andere Stars in diesem Segment: Andrea Berg, Beatrice Egli, Vanessa Mai. Aber es gibt keine zweite Entertainerin. All das schreit eigentlich nach einem Sprung auf die internationale Bühne. Und just hier stößt die Künstlerin an ihre Grenze. Noch?

Was sie am nächsten großen Karrieresprung hemmen oder sie sogar daran hindern könnte, ist, so seltsam es klingen mag, nicht ihr künstlerisches Potenzial, sondern schlicht ihr Erfolg. Genauer: ihre Erfolgsgeschichte. Die Helene-Fischer-Story ist längst Showlegende und ihr schweres Gepäckstück: 1984 als Deutschrussin im sibirischen Krasnojarsk geboren, kommt sie im Alter von vier Jahren mit ihren Eltern und ihrer Schwester als sogenannte Spätaussiedlerin in die Pfalz. Singen und Tanzen ist in der Jugend ihre Leidenschaft; ihre Eltern lassen sie gern auf die Stage & Musical School in Frankfurt ziehen. Danach beginnt das Tingeln über kleine und große Bühnen, dann verschickt ihre Mutter eine Demo-CD an einen Künstlermanager. Es folgen ein Plattenvertrag und das Debüt in einer TV-Show – am 14. Mai 2005 im „Hochzeitsfest der Volksmusik“. Ihr wird ein Partner zugeteilt: der damals 23-jährige Florian Silbereisen.

Feiern nicht am Ballermann, sondern in der City

Helene Fischers Erfolgskurve beginnt in der Volksmusikszene und in den einschlägigen Schunkelshows von ARD und Mitteldeutschem Rundfunk. Hier sammelt sich der Grundstock ihrer Fangemeinde. Ihre ersten Alben heißen „Von hier bis unendlich“, „So nah wie du“ und „Zaubermond“; zu hören sind hübsche, aber eher schlicht komponierte Lieder, zu denen das Publikum mühelos mitklatschen kann. Und vorzugsweise tritt sie gemeinsam mit Silbereisen auf, mit dem sie ab 2008 noch on top offiziell liiert ist. Ein Show-Traumpaar, das alle Träume der Fans von der reinen, jungen Liebe erfüllt; fast schon zu perfekt, um ganz wahr zu sein.

Mit Beginn des neuen Jahrzehnts entwickelt sich Helene Fischer musikalisch weiter. Ihre Songs bekommen mehr Rhythmus, mehr Dynamik, mehr Bass. Sie eignen sich weniger zum Mitklatschen oder Schunkeln; die Zuschauer stehen lieber auf von ihren Sitzplätzen und kommen in Bewegung. Irgendwie ist plötzlich alles Party, aber nicht nach dem Motto „Heute hau’n wir auf die Pauke“, sondern: „Heut zieh’n wir mal schick um die Häuser“ – nicht am Ballermann, sondern in der coolen City. Mit dem Ergebnis: Das alte Publikum reibt sich die Augen, bleibt aber treu; ein neues Publikum kommt hinzu.

Ein alter Titel gefällt ihr nicht mehr

Helene Fischer will alle mitziehen, am liebsten noch mehr um sich haben. Das hat sie bisher frappierend gut geschafft. Jedem ihrer neueren Alben merkt man an, wie sie an ein, zwei Stellen versucht, stilistisch einen Schritt voranzukommen. In ihren Shows sind es Coversongs internationaler Stars, mit denen sie versucht, ihre Fans anzustupsen. Aber sie geht diesen Weg langsam. Langsamer, als sie es könnte?

Interviews gibt sie kaum noch. Bei Frank Elstner machte sie 2019 eine Ausnahme für dessen Youtube-Talk „Wetten, dass war’s“. Schlau fragte Elstner sie, ob es irgendeinen Song gebe, den sie nicht mehr so gern singen würde – und die Sängerin ließ sich dazu hinreißen, einen Titel zu nennen: „Und morgen früh küss ich dich wach“. Ein Lied von 2006, einer ihrer großen ersten Erfolge. Aber eben ein Erbstück aus der Fischer-Frühzeit.

Groteske Geschichten in der Regenbogenpresse

Das kam in vielen Fan-Netzwerken gar nicht gut an. Auch mit ihren Stellungnahmen gegen Flüchtlingsfeindlichkeit oder Homophobie spricht sie keineswegs all ihren Traditionsverehrern aus dem Herzen, geschweige denn mit ihrem Werben für eine diverse „Regenbogenfarben“-Gesellschaft. Und vollends stürzte sie einen Teil ihrer alten Fans in tiefe Verzweiflung, als sie und Florian Silbereisen 2018 ihre Trennung verkündeten und sie kurz darauf Thomas Seitel, einen Luftakrobaten aus ihrer Show, als neuen Lebenspartner präsentierte. Gegen die Regenbogenpresse schottet sie sich inzwischen komplett ab. Die einschlägigen Redaktionen zahlen es ihr fast jede Woche heim – mit zum Teil grotesk zusammengeschusterten Lügengeschichten über ihr angeblich privates Unglück „an der Seite des Falschen“.

Superstar oder Schlagerschreck? Die Entertainerin Helene Fischer wird weiter polarisieren. Aber warum sollte sie nicht irgendwann einmal jene ungeteilte Anerkennung genießen, die man inzwischen posthum dem bis dato einzigen Entertainer des deutschsprachigen Schlagers zuerkennt, dem 2014 verstorbenen Udo Jürgens? Sie ist 38 Jahre alt. Ihr Atem ist noch lang.