Céline Sciammas „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ bei Arte spielt um 1770: Eine Malerin soll eine Grafentochter porträtieren. Die hat gute Gründe, nicht zu wollen.
Stuttgart - Marianne, die Tochter eines Malers, ist selbst eine talentierte Malerin. Weit bringen kann sie es mit dieser Gabe ums Jahr 1770 aber nicht. Die Kunstwelt wird strikt von Männern kontrolliert. Aber Marianne hat nun einen Malauftrag, einen beschwerlichen, den ein Mann gerade vermasselt hat. Auf einer abgelegenen bretonischen Insel soll sie eine junge Frau porträtieren, die Tochter einer dort lebenden verwitweten Gräfin.
Ziemlich schnell wird in Céline Sciammas Spielfilm „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ bei Arte klar, dass dies keine normale Malstunde mit stundenlangem Modellsitzen werden kann. Héloïse (Adèle Haenel), die ins Bild zu Bringende, würde nicht kooperieren. Der vorige Maler reiste unverrichteter Dinge wieder ab, weil Héloïse das Projekt boykottierte. Das Porträt stellt für sie das Werkzeug einer Entwurzelung dar. Sie soll in die Fremde verheiratet werden. Das Gemälde ist dazu gedacht, ihrem Künftigen einen Eindruck von ihr zu vermitteln und das Ehearrangement durch die Gräfin zu besiegeln.
Beziehung und Täuschung
Die Regisseurin Céline Sciamma hat sich mit einigen Filmen über Mädchen und junge Frauen als sehr eigenständiger Kopf im französischen Kino profiliert. Allerdings waren „Water Lilies“ (2007), „Tom Boy“ (2011) und „Mädchenbande“ (2014) in der Gegenwart angesiedelt. So aufregend und authentisch wie wenig andere Filme erzählten sie von Konflikten zwischen Rollenbildern und Individualität in einer modernen Welt, die neue Emanzipationsformen und alte Klischees gleichermaßen bereit hält.
„Porträt einer jungen Frau in Flammen“ist Sciammas erster Kostümfilm, aber er spinnt die aktuellen Themen fort. Die Beziehung zwischen Marianne (Noémie Merlant) und Héloïse fußt zunächst auf Täuschung. Zwei Frauen, die Verbündete sein könnten, werden von den Umständen zu Widersacherinnen gemacht. Marianne spielt die Gesellschafterin, die Monotonie und Einsamkeit im Schlösschen vertreiben soll. Tatsächlich beobachtet sie Héloïse tagsüber und malt nachts heimlich an ihrem Porträt.
Hinter dem hübschen Schein
Dass sich zwischen den beiden Frauen ein erotisches Band knüpft, ist nur eine der Beziehungsstudien dieses bewusst sehr gemessen voranschreitenden, aber nie zähen Films. Da gibt es die absurd steife und autoritäre, aber doch von Gefühlen unterfütterte Beziehung zur Gräfin, aber auch die Beziehung von Héloïse und Marianne zu einer Bedienten. Kann Geschlechtersolidarität Klassengegensätze überwinden, wird da gefragt.
Das alles wird von der Kamerafrau Claire Mathon in Bilder gesetzt, die selbst Gemälden ähneln. Dabei geht es um mehr als um die passende Stimmung zum Thema. Wie auf alten Porträts müssen wir hinter eine auffallend hübsche Oberfläche dringen und nach Spuren suchen, wer diese Figuren sein, was sie fühlen und was sie denken könnten.
Porträt einer jungen Frau in Flammen. Arte, Mittwoch, 8. September, 20.15 Uhr; bereits vorab in der Mediathek