Der SPD-Chef muss in der Regierung so dicke Bretter bohren, dass normales Werkzeug nicht mehr ausreicht. Aber weiß Klingbeil wirklich, was er will?
Lars Klingbeil bricht an diesem Tag eine goldene Regel. Er kann gar nicht anders. Wenn ein deutscher Vize-Kanzler in Washington ist, gibt er normalerweise ein Statement im Lafayette Park ab. Dann ist auf den TV-Bildern im Hintergrund das Weiße Haus zu sehen. So hat es der Finanzminister Olaf Scholz (SPD) gemacht, als er im Wahljahr 2021 in den USA war. Doch jetzt, im April 2026, sind dort Bauarbeiten.
Klingbeil steht also nicht im Lafayette Park, sondern in einem fensterlosen Raum in einem Hotel in Washington. Die Muster des grünen Teppichs und der matten Tapete wirken, als kämen sie aus einem anderen Jahrhundert. Im künstlichen Licht wirft er einen großen Schatten an die Wand. Der Vize-Kanzler und Finanzminister ist für die Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) angereist. Er will, bevor es mit dem offiziellen Programm für ihn losgeht, eine Botschaft loswerden.
Als SPD-Chef kämpft Klingbeil um das Überleben der einstigen Volkspartei
Der SPD-Chef erklärt, dass er mit andauernden Belastungen der deutschen Wirtschaft durch die Folgen des Iran-Kriegs rechnet. Alles deute darauf hin, so der Finanzminister, „dass wir uns auf einen längeren Energiepreisschock einstellen müssen“. Seine Miene ist ernst.
Klingbeil, 48 Jahre alt, ist im Zentrum der politischen Macht angekommen. Dort haben schon viele festgestellt, mit welchen Widrigkeiten ein hohes Amt verbunden ist. Manchmal auch mit Ohnmacht in der Sache. Zumindest mit riesigen Unsicherheiten.
Als SPD-Chef muss Klingbeil um das Überleben der einstigen Volkspartei kämpfen. Als Finanzminister hat er die Aufgabe, gemeinsam mit Kanzler Friedrich Merz Deutschland aus der wirtschaftlichen Krise zu holen – in einem Bündnis aus Union und SPD, die sich in vielen Dingen weiter voneinander entfernt haben als in den Merkel-Jahren. Als wäre das alles nicht schwierig genug, hat nun auch noch US-Präsident Donald Trump die Weltwirtschaft mit dem Krieg im Iran tief in die Gefahrenzone geschickt.
In die SPD gebracht hat ihn sein Engagement gegen Rechtsextreme
„Dieser Krieg hat eine massive Auswirkung auf unser Wachstum und auf die wirtschaftliche Stärke“, sagt Klingbeil in einem Sitzungsraum des IWF in Washington, wo er sich mit Bundesbankpräsident Joachim Nagel den Fragen deutscher Journalisten stellt. Es ist Zufall, aber auch passend, dass in diesen Minuten das laute Heulen von Polizeisirenen von den Straßen in den dritten Stock des großen Gebäudes dringt. Die Lage ist alarmierend. Nagel sagt, es gehe darum, sich besser aufzustellen, um von solchen Krisen künftig nicht mehr in solcher Brutalität erfasst zu werden. Klingbeil nickt. Reformen in den Sozialversicherungen, neues wirtschaftliches Wachstum, weniger Abhängigkeit von den USA: Die Bretter, die gebohrt werden müssen, sind so dick, dass ein normalgroßer Bohrer nicht mehr ausreicht.
Wer ist der Mann, der – nicht allein, aber an wesentlicher Stelle – vor dieser gigantischen Aufgabe steht? Klingbeil ist am Bundeswehrstandort Munster in der Lüneburger Heide aufgewachsen. Die kitschigste Art zu erzählen, wie Klingbeil in die SPD gefunden hat, wäre die Geschichte, wie er mit 13, 14 Jahren verliebt war. Der Vater des Mädchens war Offizier und sagte: „Das geht nicht.“ Denn Klingbeils Vater war kein Offizier, sondern Unteroffizier. Diese Abgehobenheit weckte in dem Jugendlichen Widerstände. In die SPD gebracht hat ihn dann aber sein Engagement gegen Rechtsextreme – und der Wunsch, für junge Menschen vor Ort etwas zu bewegen.
Seine große Liebe als Fußballfan gilt dem FC Bayern München
Der heutige SPD-Chef war einer von nur Zweien seines Abiturjahrgangs an seiner Schule in Munster, die den Wehrdienst verweigerten. Das zeigt: Er hat das Zeug, sich auch gegen den Strom zu stellen. Heute setzt sich Klingbeil für eine stärkere und gut ausfinanzierte Bundeswehr ein wie kaum ein anderer SPD-Politiker. Er ist veränderungs- und lernfähig.
Dass Klingbeil den Erfolg liebt, lässt sich auch daran erkennen, dass seine große Liebe als Fußballfan dem FC Bayern München zufällt. Vergleicht man den Politiker Lars Klingbeil mit einem Fußballer, ist es einer, der viele Finessen beherrscht. Einer, der unter fast jedem Trainer spielen kann.
Klingbeil hat als SPD-Generalsekretär für so unterschiedliche Vorsitzende wie Martin Schulz, Andrea Nahles und auch das Duo aus Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken gearbeitet. Einige bei den Sozialdemokraten halten ihn für arg geschmeidig. Das Überleben unter sich immer wieder ändernden Bedingungen ist aber vor allem ein Zeichen von politischem Können.
Es brauche Veränderungen, auch bei der Rente, sagt der Reform-Klingbeil
Jetzt ist Klingbeil selbst der Trainer, der eine Linie vorgibt. Als Parteichef in der Regierungszeit von Olaf Scholz war er in erster Linie loyaler Zuarbeiter, der die Partei zusammenhielt. Das ist der Job eines Vorsitzenden in einer solchen Konstellation. Es ist nicht vergleichbar mit Klingbeils Möglichkeiten heute. Jetzt kann und muss Klingbeil zeigen, wer er politisch sein will. Das Auffällige dabei: Er gibt sich eindeutig, handelt aber widersprüchlich. Wie Klingbeil gern gesehen werden möchte, konnte man beobachten, als er vor einigen Wochen seine lange geplante Reformrede bei der Bertelsmann-Stiftung hielt. Er lächelte viel – trotz des ernsten Themas – und blickte immer wieder links und rechts in die Publikumsreihen.
„Ob Deutschland ein starkes Land bleibt, das liegt an uns selbst“, sagte er – und machte nach dem „Ob“ eine kleine Kunstpause, um die Fallhöhe zu markieren. Dann setzte er Botschaften, die so von einem führenden Sozialdemokraten seit Gerhard Schröder und Franz Müntefering nicht mehr zu hören waren.
Klingbeil sagte, Deutschland könne nicht jedes Problem mit immer noch mehr Geld beantworten. Die Gesellschaft insgesamt müsse mehr arbeiten. Es brauche Veränderungen, auch bei der Rente. Das ist der Reform-Klingbeil. Er hat lange an dieser Rede gearbeitet. Mit ihr ist er ins politische Risiko gegangen. Ein Zeichen, dass er es ernst meint. Doch es gibt noch einen anderen Lars Klingbeil. Es ist derjenige, der beim letzten Koalitionsausschuss als Reaktion auf die hohen Benzinpreise durch den Iran-Krieg einen zeitlich befristeten Tankrabatt durchgesetzt hat. Klingbeil sah am Tag nach dem Verhandlungsmarathon müde aus. „Wir lassen die Menschen in dieser Krise nicht allein und wir senken dafür die Energiesteuer bei Diesel und Benzin in den nächsten Monaten um jeweils knapp 17 Cent“, sagte er an der Seite von Friedrich Merz und den anderen Parteichefs im Kanzleramt.
Das gute Verhältnis von Klingbeil und Merz hält die Koalition zusammen
Die meisten Ökonomen halten die Maßnahme für teuer und nicht zielgenau – aber Klingbeil geht es um das Zeichen, dass der deutsche Staat jetzt hilft. Man könne den Wählern nicht mehr unter die Augen treten, wenn das Leben für den Normalbürger immer weniger bezahlbar werde. Das ist die Botschaft, die ihn in der SPD aus den Ländern und Kommunen vielfach erreicht. Klingbeil will nun, zumindest vorübergehend, mit Geld antworten. Auch Kritiker in der eigenen Partei loben Klingbeils kommunikative Fähigkeiten. Der Niedersachse spricht klare, verständliche Sätze und kann in Reden auch mitreißen. Er geht locker und freundlich auf Menschen zu. Manche bemängeln, dass er die Menschen emotional nicht so erreiche wie Verteidigungsminister Boris Pistorius. Liegt das vielleicht daran, dass die Menschen mit Klingbeil noch zu wenig verbinden? Ändert sich das, wenn es mit dem Reformprogramm ernst wird? Erhält Klingbeil dann Respekt oder Ablehnung?
Der Kern, der die Koalition zusammenhält, ist das gute Verhältnis von Klingbeil und Kanzler Merz. Klingbeil hat mal in einer Punkband gespielt und beherrscht die E-Gitarre noch heute. Von Merz gibt es ein altes Foto, das den Familienvater an der Klarinette zeigt, während eine der Töchter am Klavier sitzt. Klingbeil und Merz stehen nicht gemeinsam mit Gitarre und Klarinette auf der Bühne. Allerdings haben sie bewiesen, dass sie darauf achten können, dass der andere hörbar ist.
In Washington sagt Klingbeil, es gebe keine Ausreden mehr
Das Problem ist eher die Frage, ob ihnen die eigenen Leute folgen, wenn sie nun schwierige Kompromisse schließen sollten. Union und SPD haben im Bundestag eine knappe Mehrheit von 13 Stimmen. Als goldene Regel für jede Regierungskoalition gilt, unangenehme Reformen ganz zu Beginn der Regierungszeit anzugehen. Den besten Moment hat Schwarz-Rot jedoch schon verpasst, weil in den Koalitionsverhandlungen alle Beteiligten damit beschäftigt waren, für die eigene Partei möglichst viel herauszuholen. Jetzt drängt die Zeit.
In Washington sagt Klingbeil, es gebe keine Ausreden mehr. Er klingt wie einer, der es maximal ernst meint. „In dem Moment, wo Menschen gefragt werden, ob man Reformen machen sollte, sagen alle ja“, sagt er. „In dem Moment, wo es konkreter wird, wird es dann ein bisschen schwieriger – auch in den Umfragen.“ Aber er sei fest davon überzeugt, dass die Menschen wüssten, dass sich etwas verändern müsse. Am Ende müsse ein starkes Land stehen.