Abdul Farzat, 33, hat sich in VS gut integriert. Foto: Birgit Heinig

Seit zehn Jahren lebt Abdul Farzat in Deutschland. 2015 flüchtete er vor dem verheerenden Krieg in seinem Heimatland Syrien. Seit 2017 arbeitet er am Schwarzwald-Baar-Klinikum in Villingen-Schwenningen als Gesundheits- und Krankenpfleger.

Das bisherige Leben des 33-Jährigen ist nicht mit jenem von in Frieden lebenden Gleichaltrigen zu vergleichen. In seiner syrischen Heimatstadt Homs wuchs er mit Eltern und drei Brüdern auf und lernte den Beruf des Grundschullehrers. Doch dann brach 2012 die Hölle los, der Krieg begann.

 

Zwei Brüder fielen, einer wurde inhaftiert, auch seine Schwiegermutter starb. „Ich muss weg“, beschloss Abdul Farzat nach den ersten beiden Kriegsjahren voller Angst und Zerstörung.

Er machte sich alleine und ohne seine junge Frau Hadeel auf den Weg nach Deutschland, wohin dort, das war ihm egal. Mit dem damals großen Flüchtlingsstrom landete er zunächst in Heidelberg, dann im Auffanglager in der Schwenninger Alleenstraße.

In Schwenningen aufgenommen

Hadeel folgte ihm kurze Zeit später. Das Paar lebte fast ein Jahr lang in nur einem Zimmer, bevor es von der Schwenningerin Beate Wolf aufgenommen und beim Fußfassen in der neuen Umgebung begleitet wurde. „Eine so tolle Familie, wir werden ihr ewig dankbar sein“, schwärmen Abdul und Hadeel.

Beate Wolf erzählt, dass der junge Syrer damals eines Tages einfach vor ihrer Tür stand und fragte, ob sie Wohnraum frei habe. Mit ihrem Mann und zwei Kindern habe sie darüber beraten und dem jungen Paar in ihrem Haus schließlich einen Platz eingeräumt.

Nach Villingen gezogen

Abdul Farzat belegte einen Integrationskurs, verbesserte sukzessive seine Deutschkenntnisse, fand für sich und Hadeel eine Zweizimmerwohnung in der Villinger Kanzleigasse – und wurde zum ersten Mal Vater eines Sohnes.

Abdul Farzat ist ehrgeizig und will sein Leben selbst in die Hand nehmen. Deshalb nutzte er sofort die seinerzeit vom Schwarzwald-Baar-Klinikum angebotene Teilzeit-Ausbildung in Gesundheits- und Krankenpflege. Vier Jahre lang lernte der junge Vater in jeder freien Minute, belegte zudem auf eigene Faust einen Deutschkurs für das anspruchsvolle B2-Niveau und betreute nebenbei ehrenamtlich alte Menschen.

Klinikum übernimmt ihn

Der Lohn für harte Arbeit: Das Schwarzwald-Baar-Klinikum übernahm ihn in die Klinik für Gastroenterologie. 2023 wechselte er auf die Intensivstation, um sich beruflich weiterentwickeln zu können. Sein Fleiß zahlt sich aus: Gerade erhielt er die Zusage, dass er im Juni offiziell mit der Weiterbildung zum Intensiv- und Anästhesiepfleger beginnen kann. Damit stehen ihm zwei weitere Jahre mit umfassendem Lernpensum bevor, zwei Jahre, in denen er weniger Zeit für seine inzwischen zwei Kinder haben wird.

Doch seine Frau verspricht ihre Unterstützung. „Ich habe großen Respekt vor der Aufgabe“, sagt Abdul Farzat, wohl wissend, welche Verantwortung er dann für das Leben von Patienten und Patientinnen übernehmen wird. Dankbar sei er seinen Kollegen und Vorgesetzten am Klinikum für deren stets offene Ohren und für die Hilfe, die er bisher erfahren durfte. Sein größter Lohn sei, wenn Schwerkranke, die sich selbst schon aufgegeben hatten, wieder nach Hause dürfen, sagt er.

Rückkehr ist keine Option

Obwohl das Assad-Regime in Syrien nun gestürzt und der Krieg vorüber ist – eine Rückkehr in die Heimat ist für die Farzats momentan keine Option. Die Freude und die Hoffnung auf ein Leben in dauerhaftem Frieden für die Lieben daheim überwiegt, doch „der Schmerz bleibt“. Zu schwer wiegen die Verluste. Gerne würden sie aber bald die kranken Eltern besuchen, die sie zehn Jahre nicht gesehen haben und die sie aus der Ferne finanziell unterstützen.

Abdul Farzat ist inzwischen deutscher Staatsbürger. Neben seinem Job als Krankenpfleger arbeitet er zusätzlich stundenweise bei einem Pflegedienst, um das Familieneinkommen aufzubessern, denn seine Frau beschränkt sich – wegen der Kinder – auf einen Minijob. „Wir kamen nach Deutschland unter Null“, sagt das Paar rückblickend. In zehn Jahren haben sie viel dafür getan, sich zu integrieren, auf eigenen Füßen stehen zu können und „dem Staat nicht zur Last zu fallen“, haben Kontakte geknüpft und Freundschaften geschlossen.

Vorbild für die Kinder sein

Die Kinder sind hier geboren, besuchen Grundschule und Kindergarten, sprechen deutsch und arabisch, spielen Fußball bei der DJK und ringen ebenso erfolgreich im Athletik-Club „Germania“.

„Für unsere Kinder wollen wir Vorbild sein und ihnen zeigen, dass man gemeinsam in Frieden leben kann“, sagen die Eltern. Ein trauriges Gefühl schleiche sich bei ihm immer dann ein, gibt Abdul Farzat am Ende zu, wenn er bei manchen Menschen die Einstellung ihm gegenüber wahrnehme: „Einmal Flüchtling, immer Flüchtling.“