Steht im Halbfinale von Stuttgart: Elina Svitolina aus der Ukraine. Foto: Baumann

Die Ukrainerin steht im Halbfinale von Stuttgart – und bereist regelmäßig ihre kriegsgebeutelte Heimat. Elina Svitolina: Ein Tennisstar an der Front.

Die rechte Faust ging nach oben, der Blick auch – es war geschafft. Elina Svitolina steht nach dem 7:6, 7:5 gegen die Tschechin Linda Noskova am Freitagmittag im Halbfinale des Porsche Tennis Grand Prix. Und hinterher, nach dem Matchball, da machte die Ukrainerin das, was eine Siegerin beim Turnier in Stuttgart immer macht: drei Bälle unterschreiben und diese dann im hohen Bogen ins Publikum schlagen. Dass einer genau dort einen freudigen Abnehmer finden sollte, wo eine ukrainische Flagge hing, dürfte kein Zufall gewesen sein.

 

Denn Elina Svitolina und ihre Heimat, das ist seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs vor mehr als vier Jahren eine besondere Geschichte. So hat die ukrainische Weltranglistensiebte in ihrem Leben längst immer auch eine übergeordnete Mission fernab des Tenniszirkus: ihr kriegsgebeuteltes Land zu unterstützen. Mit Besuchen nahe der Front. Und mit Geld. So sprach Svitolina nun in Stuttgart nicht nur über das anstehende Halbfinale in der Porsche Arena an diesem Samstagnachmittag. Sondern auch über ihre Reisen ins kriegsgebeutelte Heimatland.

Zunächst geht es da stets in die polnische Hauptstadt Warschau, von dort dann in knapp zwölf Stunden mit dem Auto in die Hauptstadt Kiew. Svitolina war seit Kriegsbeginn auch mehrfach in Charkiw, dort also, wo einst ihre Profikarriere begonnen hatte. „Ich besuche die Leute, um zu lernen, was in der Ukraine wirklich passiert und welche Hilfe gebraucht wird“, sagt die 31-Jährige, die in Odessa geboren wurde: „Ich spreche dabei oft mit Kämpfern an der Front und versuche, ihre Nachrichten in die Welt zu tragen.“

Auf die Frage, ob sie keine Angst habe vor diesen Reisen an die Front, meinte Svitolina dies: „Doch, habe ich, es ist gefährlich. Aber die Ukraine ist mein Heimatland, mein Zuhause. Ich vertraue den Leuten um mich herum. Ich halte mich an die Sicherheitsmaßnahmen.“ Eine noch speziellere Note bekommen die Trips in die Heimat, da Svitolina Mutter einer dreieinhalbjährigen Tochter ist. Der Vater und Ehemann hört auf den Namen Gael Monfils. Der Franzose, schon lange eine Art Paradiesvogel der Tennisszene, ist seit Jahren der Publikumsliebling beim Männerturnier im Sommer auf dem Stuttgarter Weissenhof – bei den Reisen seiner Frau in die Ukraine wird er immer „nervös“.

So sagt das Elena Svitolina, die weiter betont, dass ihr Mann „natürlich Angst um mich hat – aber ich versuche, mit ihm zu sprechen und ihm die Situation zu erklären. Ich denke auch an meine Familie, aber ich empfinde einen großen Schmerz für mein Land. Ich bin eine der Stimmen der Ukraine auf der ganzen Welt. Das ist meine Mission.“ Svitolina und Monfils sind seit dem Jahr 2021 verheiratet und leben inzwischen in der Schweiz. Der 39-jährige Franzose wird zum Ende dieses Jahres seine Karriere beenden. Seine Frau, die Weltmeisterin von 2018 und Bronzemedaillengewinnerin bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio, macht weiter. Auf dem Tennisplatz. Und als Kämpferin für ihr Heimatland, wo ihre Großmutter lebt, die sie so oft wie möglich besucht.

„Ich bin mir nicht sicher, ob viele Ehemänner diese Reisen verstehen würden“, sagt Svitolina, die Gegnerinnen aus Russland oder Belarus seit dem Beginn des Krieges nach den Spielen am Netz nicht mehr die Hand schüttelt: „Ich versuche, den Menschen ein bisschen Glück in ihren Alltag zu bringen. Und ein paar glückliche – oder auch traurige – Momente mit den Kindern und den Frauen zu teilen, deren Männer an der Front kämpfen. Für mich ist es ein Austausch von Energie. Und es füllt mich mit viel Positivität, auch wenn ich durch die traurigen Momente gemischte Gefühle habe.“

Auf die Frage, ob sie selbst in den Krieg ziehen würden, sagte Svitolina der „Bild“ unlängst dies: „Ich würde gehen, ganz sicher. Ich weiß, dass ich jetzt nicht in dieser Situation bin, weil ich meine Familie habe. Ich bin wahrscheinlich auch nützlicher, um Geld zu sammeln, als an der Front. Ich habe mehr als 1,5 Millionen Euro für mein Land eingenommen – ich denke, das ist nützlicher, als mir eine Waffe zu geben.“

Svitolinas Waffen also sind ihr Einfluss und die Außenwirkung – und so ganz nebenbei schafft sie es noch, die Tenniskarriere und die Familie mit der kleinen Tochter zu vereinbaren. Nach der Geburt gelang ihr die Rückkehr in die Top Ten der Weltrangliste. „Ich versuche, mich nicht zu sehr darauf auszuruhen, denn ich möchte noch weiter nach oben“, sagt Svitolina, die mit dem ukrainischen Team kürzlich ins Finalturnier des Billie Jean King Cups eingezogen ist, dazu: „Ich denke, für Mütter, die vielleicht planen, ein Baby zu bekommen und dann zurückzukehren, zeigt mein Fall, dass das möglich ist.“