Die Verhandlungen beim Sportwagenbauer Porsche über massive Einschnitte für die Beschäftigten lasten auch auf Ibrahim Aslan. Wer ist der noch neue Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats?
Als Porsche seinen bisher größten Überlebenskampf durchmachte, um 1990 herum, trat er ins Unternehmen ein. Heute ist wieder Krise und Ibrahim Aslan auf Belegschaftsseite der Mann, auf dem die Verantwortung für deren Bewältigung lastet. Dabei wurde er erst Mitte Juli vorigen Jahres, nach einer vorgezogenen Betriebsratswahl, zum Vorsitzenden gewählt.
Aslan, den in der Belegschaft alle Ibo nennen, ist Porscheaner durch und durch. Der 53-Jährige hat noch nie für einen anderen Arbeitgeber gearbeitet – ein Berufsleben mit nur einem Arbeitsvertrag. Mit 16 Jahren hat er 1989 in Zuffenhausen seine Ausbildung begonnen. Zuvor hatte er lediglich zwei Bewerbungen verschickt – die eine an den Autobauer für einen Platz in der Fahrzeugpolsterei, die andere an eine Schreinerei in einem Bestattungsinstitut. Beide Arbeitgebern haben zugesagt. Der Vater sah ihn allerdings lieber in der Automobilindustrie, wenn auch eher bei Mercedes, denn für die damaligen Gastarbeiter war die Marke mit dem Stern das Maß aller Dinge.
Eine Ehefrau mit spannender Fluchtgeschichte
Aslans Eltern stammen aus Ostanatolien. 1979 war er mit der Mutter und dem jüngeren Bruder dem heute noch in Stammheim lebenden Vater nach Stuttgart gefolgt. 1992, auf dem Höhepunkt der Porsche-Misere, hat er die Lehre beendet. „Mein Ausbildungsjahrgang war der vorerst letzte, der unbefristet übernommen wurde“, erinnert er sich. Für seine Übernahme musste er, gemeinsam mit Betriebsrat und IG Metall, erst kämpfen. Nach der Ausbildung begann er in der Logistik, um nach einem Jahr in die Polsterei zurückzugehen.
Rasch traf er damals auch auf seine heutige Frau Sabine. Seit 1993 sind sie ein Paar. Deren Geschichte sei doch viel interessanter als seine, merkt er an. Tatsächlich hat es in ihrem Leben eine bemerkenswerte Wendung gegeben: In Thüringen aufgewachsen ist sie 1988 auf dem Umweg über Tschechien in den Westen geflüchtet – versteckt im Ersatzradkasten eines Viehtransporters. Statt eigener Kinder hat Ibo Aslan eine „Ziehtochter“, wie er sagt – das Mädchen eines verstorbenen Freundes, heute 14 Jahre alt, die er mit großgezogen habe. „Sie sagt Papa zwei zu mir.“
Vor allem seine langjährige Betriebszugehörigkeit gibt Aslan die Gelassenheit, entschlossen für die Belange der Kolleginnen und Kollegen einzutreten. „Ich mache den Job im Betriebsrat seit 20 Jahren, das ist kein Neuland.“ Seither führe er auch Verhandlungen, 2020 etwa über die Standortsicherung, die die Belegschaft heute noch schütze.
Der Reiz, in schwierigen Zeiten Verantwortung zu übernehmen
Viele Jahre war er Vertrauenskörperleiter, und im Aufsichtsrat der Porsche AG hat er auch schon gesessen. Sehr vertrauensvoll arbeitet er mit Harald Buck zusammen. Der Vorgänger gibt in diesem Jahr auch den Konzernbetriebsratsvorsitz ab und geht im Herbst in den Ruhestand. Die wilden Zeiten im Betriebsrat sind Vergangenheit.
Kurz gefasst lautet Aslans Botschaft: Ich habe genügend Erfahrung, um die Belegschaft durch den neuen Sturm zu navigieren. „Noch nie hat ein ruhiges Meer einen guten Kapitän hervorgebracht“, versucht er es auf die lyrische Art – sein Umfeld kennt diesen Satz zur Genüge. Wenn es „tolle Sachen zu verkünden und viel zu verteilen gibt“, sei es leicht, Verantwortung zu übernehmen. Den 53-Jährigen reizt die Herausforderung, das Erreichte zu bewahren. Daher redet er auch nicht vom Sparpaket, über das jetzt verhandelt wird, sondern vom Zukunftspaket. „Wir wollen eine Beschäftigungssicherung – das Sparen ist da ein Nebeneffekt.“
Der neue Vorstandschef muss sich zunächst einarbeiten
Seit den Betriebsversammlungen im Dezember ist es ruhig geworden – aktuell kann auch gar nichts aus den Verhandlungen nach draußen dringen, weil der neue Vorstandschef Michael Leiters sich erst einmal in die neue Lage einarbeiten muss. Vorgänger Oliver Blume hatte im Dezember Zuversicht geäußert, dass die Verhandlungen „im ersten Quartal 2026 abgeschlossen sein werden“. Aslan hält dies für möglich: „Es ist auch in unserem Interesse, die Kolleginnen und Kollegen nicht in Unsicherheit zu lassen, sondern für alle schnell Klarheit zu schaffen.“
Die Arbeitgeberseite stellt weitgehende Forderungen. Doch fühlt sich Ibo Aslan von der Belegschaft nicht unter Erfolgszwang gesetzt. „Ich bin da sehr resistent und kann mit dem Druck sehr gut umgehen.“ Sonst hätte er nicht für den Betriebsratsvorsitz kandidiert. „Ich bin immer bedacht, immer ruhig, immer klar im Kopf – und vor allem ich weiß zu 100 Prozent, was ich will.“ Strikt verfolge er sein Ziel, die Interessen seiner Leute zu vertreten. Die wüssten, „dass ich für diese Aufgabe brenne“. Er habe das Vertrauen der Belegschaft. „Transparenz und Ehrlichkeit“ seien seine wesentlichen Merkmale.
„Jeder vierte Arbeitsplatz steht auf dem Spiel“
Gleichwohl lassen die Hiobsbotschaften die Beschäftigten nicht ungerührt. „Das schürt Ängste.“ Die Menschen wollten wissen, was die Schieflage für ihren Arbeitsplatz bedeute. „Sie wollen ein Zukunftsbild haben und wissen, wohin die Reise geht.“ Dies zu vermitteln, galten auch die Betriebsversammlungen Mitte Dezember, als der Gesamtbetriebsratsvorsitzende in der Betriebskantine die bedrohliche Kunde vermittelte: „Jeder vierte Arbeitsplatz in der Porsche AG steht auf dem Spiel.“ Vom Management fordert er beharrlich, „dass kein Einziger aufgrund einer betriebsbedingten Kündigung seinen Arbeitsplatz verlieren darf“. Schon vor sechs Jahren hätte der Betriebsrat entsprechenden Weitblick bewiesen – in guten Zeiten. Die Vereinbarung hätte die Arbeitnehmer etwas gekostet, doch „war es im Nachhinein die richtige Entscheidung“.
Generell zeigt sich Aslan davon überzeugt, dass es in der Automobilindustrie ein Ende haben muss mit all den Negativdarstellungen. „Wir müssen aufwachen und daran anknüpfen, was wir gut können: tolle und innovative Fahrzeuge zu entwickeln, statt immer nur nach China zu schauen.“ Die chinesischen Autos seien nicht schlecht, weil sich in ihnen die Interessen der Kunden wiederfänden. „Vielleicht sind sie innovativer.“
„Müssen uns nicht verstecken, sondern mutiger werden“
Die deutschen Hersteller müssten aber zu alter Stärke zurückfinden, statt alles schlechtzureden. „Wir müssen uns nicht verstecken, sondern wieder mutiger werden.“ Der Kostenvorteil der Chinesen spiele eine große Rolle, bekennt Aslan. „Aber dass wir uns bei den Kostenstrukturen besser aufstellen müssen, hören wir als Betriebsrat tagtäglich.“ Besser wäre es, das große Ganze anzuschauen, um wettbewerbsfähig zu werden. Auf die Elektromobilität zu setzen. sei auch nicht falsch, doch ohne Technologieoffenheit gehe es nicht. Letztlich müssten die Kunden selbst entscheiden, was sie kaufen.
Einen Porsche zu fahren, das rentiert sich nicht für ihn
Aslan fährt ein deutsches Auto, 18 Jahre alt – keinen Sportwagen mit Elektroantrieb. Einen Porsche könnte er zwar leasen, dafür müsste er aber ordentlich zahlen – für einen nach Tarifvertrag bezahlten Angestellten kein Selbstgänger. Es wäre auch nicht nötig: „Ich wohne gleich um die Ecke, nur zwei Kilometer von hier.“ Ein teurer Wagen rentiere sich für ihn nicht. Zudem mag er alte Fahrzeuge, die man nicht ständig waschen muss. Eigentlich könnte er gleich das Fahrrad nehmen. „Sehe ich aus, als ob ich Sport mache?“, scherzt Aslan. Außerdem habe er doch einen eigenen Parkplatz nahe dem Werktor.