“Von Abba bis Zappa“ – sie alle waren im Südwesten. Der Balinger Musikexperte Christoph Wagner zeichnet die Zeit nach.
Christoph Wagner war 16 Jahre alt, als er sein erstes Konzert besuchte. Seit dem hat den gebürtigen Balinger die Musikszene nicht mehr los gelassen. Und auch nicht die Eyachstadt. Denn obwohl er mit seiner Frau in England lebt, hat er sich ein kleines Refugium in seiner Heimatstadt erhalten und schaut regelmäßig vorbei.
Dann zum Beispiel, wenn er wie für sein neuestes Buch „Von Abba bis Zappa“ in den Archiven unterwegs ist. Recherchiert wird in Deutschland, geschrieben in England, erklärt Wagner, der für sein neuestes Werk von den Städten Sindelfingen und Böblingen beauftragt wurde.
Rangeleien zwischen Fans und Polizei
Warum? Eigentlich sollte Stuttgart in den 1960ern der Hotspots für die Stars der Musikszene werden. Doch immer wieder kam es zu Rangeleien zwischen Fans und der Polizei. „Die Veranstalter wollten aber auch Shows im Südwesten machen“, weiß Wagner. Und so kam es, dass Bands wie die Beatles, Queen oder Leonard Cohen und Miles Davis in den großen Hallen in Sindelfingen und Böblingen spielten.
Wagner hat in seinem Buch die Zeit zurückgedreht in die Ära all dieser Legenden. Der Band ist reich bebildert, mit Fotografien, Eintrittskarten und Plakaten. Die meisten stammen von Privatleuten wie zum Beispiel Andreas Henkel. Er wurde als kleiner Bub von seinem Vater zu Konzerten mitgenommen – und sah so süß aus, dass er meistens in die Garderobe gehen durfte.
„Ich bin fast umgefallen“
„Ich weiß nicht, ob das was wert ist“, hatte Henkel dem Musikjournalisten gesagt, als er ihm seine Alben zeigte. „Ich bin fast umgefallen“, gesteht Wagner. Neben zahllosen Autogrammen – auch vom ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl – bekam der Autor auch Foto zu sehen wie jenes, auf denen der kleine Junge neben Freddy Mercury steht. Beide lächeln in die Kamera.
Auch über das „Jahrhundertkonzert der Böblinger Pop-Geschichte“ berichtet Christoph Wagner in „Von Abba bis Zappa“. Leonard Cohen war zum dritten Mal zu Gast. „Und plötzlich kamen Jerry Lee Lewis und Carl Perkins auf die Bühne.“
Vom Lehrer zum Buchautor
Auch für das zweite Buch, das neu am Start ist, hat Wagner tief in den Archiven gekramt. „Freak-Sounds“ ist der Titel. Darin geht er zum Beispiel der Frage nach, wie ein Spielzeug – nämlich ein Mini-Piano für Kinder – den Weg in die Rock- und Pop-Musik gefunden hat.
Dass der Balinger einmal eine Koryphäe in der Musikszene sein würde, war übrigens nicht abzusehen. Ursprünglich war er nämlich Lehrer an der Grundschule in Schömberg und in Oberdigisheim. Zehn Jahre lang saß er für die Grünen im Gemeinderat und war Vorsitzender des Balinger Kulturvereins. Gemeinsam mit seiner Frau siedelte Wagner 1992 nach England um.
Kritiker für namhafte Blätter
Dort hat er sein erstes „Buch“ abgeschlossen, seine Doktorarbeit über die Globalgeschichte des Akkordeons. „Das war eine wilde Karriere“, sagt Wagner und lacht. Irgend ein Fulltime-Job musste her – gar nicht so einfach damals, vom Internet war noch keine Spur. Wagner schrieb Konzertkritiken für namhafte Zeitungen wie den Mantelteil des Schwarzwälder Boten, die TAZ und die Süddeutsche Zeitung. Viel gemacht hat er auch für den SWR – damals noch SWF – und das Schweizer Radio DRS. „Es war sehr mühsam“, erinnert Wagner sich an die Anfänge seiner zweiten Karriere.
Zwei Jahre lang hat er für „Von Abba bis Zappa“ recherchiert. Neben Archiven durchforstete er auch Verkaufsplattformen im Internet und es gelang ihm sogar, Akteure von damals ausfindig zu machen. Dabei schreibt er in dem opulent bebilderten Band mehr als reine Lokalgeschichte auf, wie er sagt. Er will die Konzerte von damals in einen historischen Kontext einordnen.
„Manche Musik altert schlechter“
Sein letztes Konzert hat er neulich erst besucht, ein kleines Jazz-Festival in Munderkingen. Ob er eine Lieblingsband hat? Da muss Wagner lange nachdenken. „Die Beatles und King Crimson“, meint er schließlich. Und dann muss er lachen: „Manche Musik altert schlechter als andere, da ist mir mein damaliger Geschmack echt peinlich.“