Redakteurin Charlotte Reinhard nimmt den Kindern die Angst vor „Winnetou“. Foto: Husch

Die Integrationsarbeit Haslach und Rebecca Schreiber haben zum ersten Mal ein Ponyreiten für Flüchtlingskinder organisiert. Nachdem in den Gesichtern der elf Kinder zunächst Unsicherheit zu sehen war, trauten sich dann alle an die großen Tiere heran.

 

Winnetou ist zwar braun und groß, ansonsten sieht er einem Rentier aber nicht sonderlich ähnlich – auch wenn seine Reitbeteiligung Lucas ihm ein Plüschgeweih über die Ohren gezogen hat. Das 18-jährige Schwarzwälder Kaltblut wird eines der Pferde sein, auf dem die Kinder von Flüchtlingsfamilien gleich reiten dürfen. Sein weihnachtlicher Kopfschmuck soll etwaige Berührungsängste ein wenig zerstreuen, denn Winnetou ist zwar kreuzbrav, hat aber dennoch ein 1,56 Meter-Stockmaß und ist wie es für Kaltblüter üblich ist breit und massig. Die anderen fünf Pferde, die an diesem Tag beim „Ponyreiten für Flüchtlingskinder“ dabei sind – Bibi, Scally, Silfra, Sali und Lady – sind kleiner und warten an Balken angebunden geduldig auf die Besucher des Schänzlehofs, auf dem die Kinder ihren wahrscheinlich ersten Kontakt zu Pferden haben werden.

Die Ponys warten geduldig auf die Kinder

Organisiert haben die Aktion die Integrationsarbeit Haslach und Rebecca Schreiber, die auf dem Schänzlehof drei Pferde stehen hat. „Ich habe die Container in Haslach gesehen und fand es einfach schade, dass es immer noch so viel Gegenwind gibt für die Leute, die hierher kommen. Ich wollte zeigen, dass nicht alle Menschen hier so sind“, erklärt sie. So kam sie auf die Idee, auf dem Schänzlehof ein Ponyreiten für Flüchtlinge zu organisieren.

Rebecca Schreiber nahm per E-Mail Kontakt zum Frauenkaffee der Haslacher Integrationsarbeit auf, in dessen Rahmen für die Flüchtlinge regelmäßig Projekte, Treffen und Ausflüge organisiert werden. Ein Ponyreiten für Flüchtlinge hatte es bis dahin aber nicht gegeben. „Und da wir so was noch nie hatten, fanden wir es eine richtig schöne Idee“, erklärt Elena Husch von der Haslacher Integrationsarbeit.

Es ist also eine Premiere, die an dem Tag auf dem Schänzle stattfinden wird – sowohl für das Frauenkaffee als auch für Rebecca Schreiber. „Ich habe zwar mal eine Weile auf einem Pferdehof gearbeitet, aber so etwas habe ich noch nie gemacht“, gibt sie zu. Einen genauen Plan hat sie nicht, aber ein paar Dinge in der Reithalle vorbereitet, einen Slalom mit Pylonen aufgebaut, eine Gasse zum Durchreiten und eine lange Holzstange auf den Boden gelegt, über die die Ponys später steigen sollen.

„Den Rest lassen wir mal auf uns zukommen“, meint Schreiber, die zugibt, dass sich zu der großen Vorfreude nun auch ein kleines bisschen Nervosität mischt. Wahrscheinlich geht es ihr da ähnlich wie den Familien, die sich gerade mit den Organisatoren des Frauenkaffees am Haslacher Bildungszentrums treffen und von dort zu Fuß den kurzen Weg zum Schänzle hoch gehen werden. Viele von ihnen haben noch nie ein Pferd aus der Nähe gesehen.

So ist neben Vorfreude auch etwas Unsicherheit in den Gesichtern der elf Kinder und ihren Familien zu lesen, als sie auf den Hof ankommen. Die Kinder sind zwischen drei und 16 Jahren alt und die kleineren bleiben zunächst dicht bei ihren Eltern, während Rebecca Schreiber eine kurze Sicherheitseinweisung gibt, die sie mit Gesten untermalt. „Nicht hinter die Pferde stehen, nicht rennen und keine schnellen Bewegungen. Pferde erschrecken nämlich schnell“, erklärt sie.

Zuerst eine kurze Sicherheitseinweisung

Dann werden noch die Pferde und die beiden Helfer Lucas Kirsch und Charlotte Reinhard vorgestellt. Bevor es auf die Ponys geht, müssen sie geputzt und gesattelt werden. Der Plan, zwei Kinder einem Pferd zuzuteilen, zerschlägt sich schnell. Waren zunächst vor allem die kleineren, weniger Respekt einflößenden Tiere gefragt gewesen, zerstreuen sich die Ängste der Kinder schnell und jeder schaut mal bei jedem Pony vorbei. Doch es zeigen sich auch schnell Sympathien zwischen Menschen und Tier. So scheint die 16-jährige Inas Gefallen an der 21-jährigen Haflingerstute Scally zu finden und striegelt sie hingebungsvoll. Auch das Pferd scheint die Aufmerksamkeit der Kinder zu genießen.

Nachdem die Ponys gepflegt und gesattelt wurden, geht es ans Reiten. Ein kleines Mädchen weint und will nicht in die Nähe der Pferde. Alle anderen nehmen abwechselnd auf den Rücken der Tiere Platz, um durch die Halle geführt zu werden und gemeinsam mit den Pferden die „Hindernisse“ zu überwinden. Angefeuert von ihren Reitern sind die am Boden liegende Stange und der Pylonen-Slalom kein Problem. Die Pferde erledigen ihre Aufgabe gelassen und souverän, es stellt sich eine gewisse Routine ein. Die wird nur von Lady unterbrochen, die einen Reiterwechsel nutzt, um in die Knie zu gehen und sich in den Hackschnitzeln des Hallenbodens genüsslich zu wälzen. Alle lachen und Rebecca Schreiber meint nur lapidar: „Sie hat manchmal eben ihren eigenen Kopf.“ Jetzt will das kleine Mädchen, das anfangs so geweint hatte, auch reiten.

Wo man hinschaut, sieht man strahlende Gesichter. Nicht nur bei den Kindern. Die anfängliche Unsicherheit scheint verflogen und auch wenn die Eltern sich selbst nicht auf die Pferde trauen, nimmt der eine oder andere auch mal einen Führstrick in die Hand und geht mit dem Tier ein paar Meter durch die Halle. Inas, die sich schon beim Putzen mit Scally angefreundet hatte, saß kurz auch auf ihr, führt sie aber nun durch die Halle, was ihr mindestens genau so viel Spaß zu machen scheint.

Nicht nur das Reiten macht Spaß

Das 500 Kilogramm schwere Tier folgt ihrer freundlichen Aufforderung, mitzukommen, geht mit ihr über die Hindernisse und bleibt stehen, wenn Inas es tut. Die 16-Jährige strahlt voller Stolz. Nach rund 45 Minuten wird das Ponyreiten beendet. Die Kinder verabschieden sich herzlich von ihren neuen, vierbeinigen Freunden und auch das eine oder andere Erinnerungsfoto wird gemacht.

Fazit der Organisatoren

Alle sind sich einig, dass es eine gelungene Veranstaltung war. „Wir haben nicht wirklich gewusst, was uns erwartet. Es war richtig toll“, meint Integrationsbeauftragte Elena Husch. „Ich hätte nicht gedacht, dass sich wirklich alle trauen“, freut sich auch Rebecca Schreiber. Ihr Resümee: „Es war ein bisschen chaotisch, aber total schön, überall die lachenden Kindergesichter zu sehen.“