So viele Pollen wie selten haben dieses Jahr Autos, Straßen und Fenster gelb eingefärbt. Hinter der Pollenmenge steckt ein Naturereignis, das immer häufiger auftritt. Wir erklären die Hintergründe.
Bis vor wenigen Tagen bot sich draußen ein bestimmtes Bild: Autos waren mit einer feinen gelben Schicht überzogen, Fensterbänke, Gehwege und Straßen ebenfalls. Viele hatten den Eindruck, dass der Pollenflug in diesem Frühjahr deutlich stärker ausgefallen war als in den vergangenen Jahren. Aber ist das wirklich so?
Hinweise darauf gibt es tatsächlich. Wie Claudia Wild, Pressesprecherin des NABU Baden-Württemberg, auf Anfrage unserer Redaktion erklärt, könnte das mit sogenannten „Mastjahren“ zusammenhängen. „Bäume entwickeln Mast, wenn es ihnen besonders gut oder besonders schlecht geht“, so Wild. Dabei produzieren die Bäume außergewöhnlich viele Blüten und Samen.
Früher seien solche Mastjahre nur etwa alle zehn Jahre aufgetreten. „Heute treten Mastjahre sehr viel häufiger auf und die Mastmenge hat sich vervielfacht – vor allem bei Eiche und Buche ist das auffällig“, so Wild weiter.
Ökosystem im Wald
Die Bäume entwickeln Mast, wenn die Bedingungen besonders gut sind oder wenn sie unter Stress stehen. Mit „Mast“ bezeichnen Fachleute Jahre, in denen Bäume besonders viele Samen und Früchte wie Eicheln oder Bucheckern produzieren. Die energiereichen Samen dienen zahlreichen Tieren als wichtige Nahrungsquelle. Rehe, Wildschweine und Nagetiere profitieren ebenso davon wie viele Vogelarten oder andere Tiere der Nahrungskette.
Die Auswirkungen zeigen sich nicht nur auf Autos oder Balkonen, sondern auch tief im Ökosystem Wald. Gleichzeitig habe der Nahrungsreichtum aber auch Folgen für den Wald selbst. Wenn mehr Rehe satt werden und überleben, steigt häufig der Verbiss an jungen Bäumen. Die natürliche Verjüngung des Waldes könne dadurch erschwert werden.
Starkes Mastjahr
Ob 2026 tatsächlich ein außergewöhnlich starkes Mastjahr in Baden-Württemberg ist, lasse sich derzeit noch nicht eindeutig sagen. Laut Claudia Wild produzierten im April sowie Anfang Mai vor allem Buchen und Fichten große Mengen an Blütenstaub. Ob dies im Südwesten stärker ausfällt als gewöhnlich, könne möglicherweise die Forstliche Versuchsanstalt genauer beurteilen.
Auffällig war zudem die Wetterlage. Aufgrund der langen Trockenphase war der Pollenflug laut Wild sehr lange in der Luft und setzte sich überall drauf. Normalerweise würde Regen einen Teil des Blütenstaubs aus der Luft waschen – bleibt dieser aus, verteilen sich die Pollen über Wochen hinweg auf Straßen, Häusern und Fahrzeugen.
Auch der Klimawandel könnte dabei eine Rolle spielen. „Durch den Klimawandel nehmen Wetterextreme zu und damit auch Trocken- sowie Regenphasen“, erklärt die NABU-Pressesprecherin. Der Pollenflug sei stark wetterabhängig, zudem würden sich die Blühzeiten vieler Pflanzen zunehmend nach vorne verschieben.
Pollen sind spürbar
Ob der Klimawandel insgesamt auch zu mehr Pollen führt, sei wissenschaftlich jedoch noch nicht abschließend geklärt. Für viele Allergiker ist der Blütenstaub dennoch deutlich spürbar. Nicht Allergiker hingegen können inzwischen aufatmen: Der Regen hat den gelben Schleier auf nahezu jeder Oberfläche mittlerweile entfernt.