Kurz vor Prozessbeginn: Hinten rechts sitzt der 19-jährige Angeklagte, vorne der 44-Jährige. Die Verteidiger Michael Doll und Stephan Fischer (stehend) bereiten sich vor. Foto: Jürgen Lück

Eine Polizeistreife will in Alpirsbach ein Auto kontrollieren. Der Fahrer gibt Gas und hält auf einen der Beamten zu. Ob das versuchter Mord ist, muss nun das Gericht beantworten.

Ohne Rücksicht auf Verluste - so soll ein 19-Jähriger laut Anklage im November 2024 in Alpirsbach gehandelt haben.Verhandelt wird der Fall vor der ersten großen Jugendkammer des Landgerichts Rottweil. Dem 19-Jährigen wird vorgeworfen, zunächst rücksichtlos überholt und dann einen Polizisten angefahren zu haben. Mit dem Auto seines 44 Jahre alten Mitangeklagten.

 

Für Staatsanwalt Julian Mang ist klar: Das ist versuchter Mord. Weil der 19-Jährige aus dem Kreis Freudenstadt damit eine Straftat habe verdecken wollen. Der Fahrer ist seit 4. Dezember in der Justizvollzugsanstalt Stammheim in Untersuchungshaft. Zur Verhandlung wird er in Fußfesseln in den Gerichtssaal geführt.

Der verletzte Beamte sagt bei der Verhandlung als Zeuge aus. Der Vorsitzende Richter Karlheinz Münzer zeigt Aufnahmen einer Überwachungskamera. Diese hat am 24. November aufgezeichnet, wie die beiden Angeklagten einen Gastronomiebetrieb in Alpirsbach verlassen. Der 19-Jährige drückt auf den Autoschlüssel, am Fahrzeug gehen die Blinker an.

Szene von Überwachungskamera gefilmt

Gegen 18.26 Uhr wollen die beiden Angeklagten offenbar Richtung Freudenstadt fahren. Plötzlich kommt ein Polizei-Bus, will das Auto stoppen. Ein Polizist steigt aus, ruft: „Halt an.“ Doch der Fahrer des Golf fährt rückwärts, gibt Gas. Der Polizist fliegt über die Motorhaube. Mit einem Schmerzensschrei fällt er auf den Asphalt.

Der 28 Jahre alte Beamte sagt im Gerichtssaal: „Ich habe gehört, wie die Reifen ein bisschen durchdrehen. Das Fahrzeug kam auf mich zu, dann lag ich auf der Fahrbahn. Ich kam wieder hoch und wir nahmen die Verfolgung auf. Weil ich Schmerzen im Fuß hatte, ist mein Kollege dann gefahren.“ Gott sei Dank habe er nur eine Prellung am Fuß davongetragen: „Die Schutzweste und die Koppel (ein zur Uniform gehörender Ledergürtel, Anm. d. Redaktion) haben das gut aufgefangen.“

Polizist: „Ich schaute dem Fahrer direkt in die Augen“

Sein 25 Jahre alter Streifenkollege: „Mein Kollege hat laut gerufen mit dem Nachnamen des Angeklagten: Halt an. Der blieb erst stehen, drückte dann aufs Gas. Der Beschuldigte ist frontal auf meinen Kollegen drauf. Der war wohl so unter Adrenalin, dass er gleich wieder aufgestanden ist.“

Der Beamte erzählt: „Ich habe dem Fahrer vorher direkt in die Augen geschaut. Er schien ein bisschen verwundert über die Situation. Der Fahrer hat versucht, sich so schnell wie möglich weg zu bewegen, der Motor hat aufgeheult.“

Der Kollege des verletzten Polizisten sagt aus, er habe noch mit seinem Stock gegen die hintere Scheibe des Autos geschlagen – dann sei das Fahrzeug schon weg gewesen.

Was war der Anlass für die Polizeikontrolle?

Ein gefährliches Überholmanöver, bei dem es hätte Tote geben können. Der Staatsanwalt: „Auf der Fahrt zwischen Freudenstadt und Alpirsbach startete der Golf ein gefährliches Überholmanöver. Er überholte bei Nebel in einer langen Kurve mit überhöhter Geschwindigkeit. Der Mercedes auf der Gegenfahrbahn musste stark abbremsen – die drei Autos waren auf der Fahrbahn nebeneinander.“

Ein Beteiligter konnte sich das Kennzeichen merken. Die Polizei bemerkte: Es war gestohlen. Daraufhin wurde die Fahndung gestartet.

Was sagt der Mann, der wegen versuchten Mordes angeklagt ist?

Der Fahrer: „Ich möchte mich bei den Polizisten entschuldigen.“ Laut seinem Verteidiger hatte er dem verletzten Polizisten 250 Euro in Bar als Entschädigung angeboten. Der hatte das verweigert – weil er über einen Anwalt 1500 Euro Schmerzensgeld fordert.

Der Prozess wird am Montag, 16. Juni, fortgesetzt.