Die Zahl der polizeilich bekannten Gewalttaten in Beziehungen ist in den ersten sechs Monaten dieses Jahres im Vergleich zum ersten Halbjahr 2024 um 20 Prozent gestiegen.
Ein 81-jähriger Mann soll nachts im Juli in Lahr seine Frau mit einem hölzernen Gegenstadt attackiert haben. Sie konnte sich in einem Raum in Sicherheit bringen und Hilfe rufen – ein Angehöriger brachte sie ins Krankenhaus. „Sie wurde bei dem Vorfall schwer, aber nicht lebensgefährlich verletzt“, heißt es in der Polizeimeldung von damals.
Der mutmaßliche Angreifer wurde festgenommen. Polizeisprecherin Karen Stürzel berichtete beim Pressegespräch am Dienstag von diesem exemplarischen Fall. Ähnliche Vorfälle hatten sich im Laufe der ersten Jahreshälfte 2025 gehäuft.
„Die Zahlen steigen, die Intensität nimmt zu – also haben wir ein Problem“, konstatierte Jürgen Rieger. Drei Mal täglich rücken Beamte laut des Polizeipräsidenten im Schnitt zu Einsätzen rund um das Thema Partnergewalt aus. Die Polizei nehme das Thema ernst und wolle nochmals sensibilisieren und auf Hilfsmöglichkeiten hinweisen (siehe Info).
2023 gab es erstmals mehr als 1000 Fälle
Insgesamt 1016 Anzeigen zählte das Polizeipräsidium – zuständig für die Ortenau, den Landkreis Rastatt und Baden-Baden – im vergangenen Jahr wegen „häuslicher Gewalt“, berichtete Carina Huber von der Koordinierungsstelle „Partnergewalt“. 2023 seien es erstmal mehr als 1000 Fälle gewesen.
Und im laufenden Jahr? „Wir haben einen Anstieg im Vorjahresvergleich von 20 Prozent“, so Huber auf Nachfrage unserer Redaktion. Eine wirkliche Erklärung für den deutlichen Anstieg, konnte die Polizei derweil nicht liefern. „Man könnte es auch als Erfolg unserer Aufklärungsarbeit werten: Die Leute trauen sich häufiger, Anzeige zu erstatten“, konstatierte Huber.
„Das Dunkelfeld dürfte in diesem Deliktbereich viel größer sein“, erklärte sie, tat sich mit konkreteren Aussagen jedoch schwer. Oft suchten sich Betroffene erst am Ende einer Gewaltspirale Hilfe, etwa wenn Gefahr für das eigene Leben oder die Kinder bestehe. „Das Opfer ist in der Regel sechs bis sieben Mal Opfer, bevor es sich Hilfe sucht“, erklärte Polizeipräsident Rieger.
Größter Teil der Betroffenen sind Frauen
Beim weit überwiegenden Teil der Opfer – konkret 83 Prozent – handelt es sich um Frauen, die meisten im Alter von 21 bis 59 Jahre. Bei fast 60 Prozent der Übergriffe werden Beteiligte körperlich verletzt – „größtenteils leicht“, so Huber. „Oft spielt Scham eine große Rolle, oder psychischer Druck durch den Partner.“ Auch finanzielle Abhängigkeit sorge immer wieder dafür, dass vor allem Frauen den Schritt zur Anzeige nicht gehen wollten.
Huber schilderte auch den Ablauf einer typischen Situation: Wird die Polizei alarmiert, kümmert sich zunächst eine Streifenbesatzung um den Schutz des Opfers und beginnt mit der Beweissicherung.
Bei einer akuten Bedrohungslage – in solchen Fällen solle immer die Polizei alarmiert werden – können Beamte einen Täter auch der Wohnung verweisen. Alle im Umfeld eines mutmaßlichen Opfers seien aufgerufen, sich bei der Polizei zu melden.
Polizeipräsident begrüßt neues Gesetz
Die weitere Bearbeitung erfolge durch geschulte Kollegen. „Da kommen wir als Koordinierungsstelle ins Boot“, erläutert die Polizistin weiter. Das „Gefährdungsmanagement“ umfasse eine Risikobewertung mittels eines „wissenschaftlichen Prognoseinstruments“. Daraus ergibt sich laut Huber ein „statistisch wahrscheinliches Gefährdungspotenzial“.
Bei polizei-internen oder behördenübergreifenden Konferenzen werde dann besprochen, wie es weitergeht. Ein ähnliches „Risikomanagement“ gebe es auch bei anderen Delikten.
Rieger blickte mit Sympathie auf die Situation in Frankreich: Dort gebe es direkt bei der Polizei Sozialarbeiter für die Opfer, Täter würden bis zu 48 Stunden festgehalten werden, Familiengerichte schnell über Maßnahmen entscheiden.
Perspektivisch wolle man Opfern mit Hilfsorganisationen auch kurzfristig Wohnungen zur Verfügung stellen, um sie schnell aus der Situation herausnehmen zu können. Auch Fußfesseln für Täter mit automatischer Alarmierung des Opfers bei Annäherung halte er „für eine gute Geschichte“. Insgesamt begrüße er die von der neuen Bundesjustizministerin Stefanie Hubig am Montag vorgestellten Neuerungen zur Bekämpfung der Partnergewalt.
Hier gibt es niederschwellige HIlfe
Weißer Ring:
Die Organisation bietet Opfern von Kriminalität und Gewalt persönlich, telefonisch oder per E-Mail Hilfestellung – auch anonym. In der Ortenau ist der Weiße Ring unter Telefon 0781/96 667 33, Mobil 0175/7 03 54 92 oder per E-Mail an ortenaukreis@mail.weisser-ring.de zu erreichen. Infos gibt es auch auf weisser-ring.de.
„Aufschrei!“:
Der Verein gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Erwachsenen steht persönlich, telefonisch oder per E-Mail zur Verfügung. Er leistet laut Polizei „schnelle, kompetente und unbürokratische Hilfe für Betroffene und deren Angehörige“. Kontakt gibt es unter Telefon 0781/3 10 00 oder per E-Mail an offenburg@aufschrei-ortenau.de. Mehr Infos gibt es auf aufschrei-ortenau.de.
„Frauen helfen Frauen“:
Der Verein bietet eine Fachberatungsstelle für Frauen und Kinder, die von Gewalt betroffen sind. Er betreibt auch ein autonomes Frauenhaus – dazu gibt es Infos auf fhf-ortenau.de. Die Beratungsstelle in Offenburg in der Ortenberger Straße 2 ist unter Telefon 0781/3 43 11 und per E-Mail an info@fhf-ortenau.de zu erreichen. Ein Anrufbeantworter wird mehrmals täglich abgehört. Eine mobile Beratung im Kinzigtal ist unter Mobil 0176/62 33 93 03 möglich.
Gewaltambulanz:
Die Frauenklinik Offenburg bietet am Ebertplatz eine medizinische Beratungsstelle für Frauen, darunter auch für die anonyme Spurensicherung nach Vergewaltigung. Infos gibt es auf ortenau-klinikum.de, Kontakt unter Telefon 0781/4 72 35 06 oder per E-Mail an frauenklinik@og.ortenau-klinikum.de.
Hilfetelefon für Frauen:
Telefonische und kostenfreie Hilfe – über die Webseite auch anonym im Chat – bietet das Hilfetelefon für von Gewalt betroffene Frauen. Die 24-Stunden-Hotline ist unter Telefon 0800/11 60 16 erreichbar. Beratung gibt es hier in 17 Sprachen, auch für Angehörige, Freunde oder Fachkräfte. Infos auf hilfetelefon.de.
Hilfetelefon für Männer:
Die Fachberatungsstelle für Gewalt jeglicher Art gegen Männer ist auf maennerhilfetelefon.de zu erreichen. Kontakt gibt es unter Telefon 0800/1 23 99 00 oder per E-Mail an beratung@maennerhilfetelefon.de.