Demokratie erfordert ständige Partizipation. Dieser Partizipationsstress erschöpfe viele, sagt der Chefarzt und Psychotherapeut Sven Steffes-Holländer. Was hilft dagegen?
Moderne Demokratien geraten in den letzten Jahren immer mehr ins Wanken. In vielen westlichen Ländern erhalten rechte und rechtspopulistische Parteien Aufwind – die mitunter die Abschaffung der Demokratie und des Rechtsstaates zum Ziel haben. Warum wählen Menschen Parteien, die ihnen ihre gewohnten Freiheiten nehmen wollen? Der Berliner Facharzt für psychosomatische Medizin Sven Steffes-Holländer, Chefarzt und Ärztlicher Direktor der Heiligenfeld Kliniken, spricht im Interview darüber, warum es emotionale Reife von Menschen erfordert, damit Demokratien überleben.
Herr Steffes-Holländer, westliche Demokratien sind in den letzten Jahren immer mehr bedroht durch den Aufschwung, den rechte Parteien erfahren. Warum beschäftigen Sie sich als Arzt und Psychotherapeut mit dem Thema?
In meinen Sprechzimmern landet alles an gesellschaftlichen Themen. Über Jahrzehnte bestand ein breiter gesellschaftlicher Konsens zugunsten der Demokratie als Staatsform. Doch dieser Konsens löst sich langsam auf, und es treten Ermüdungserscheinungen auf. Viele wollen die ‚Zumutungen der Demokratie‘ nicht mehr auf sich nehmen.
Was für Zumutungen sind das denn?
Die Demokratie als Staatsform fordert uns permanent. Aus psychologischer Sicht führt eine dauerhafte Auseinandersetzung mit Krisen – wie der Corona-Pandemie, dem Krieg in Europa oder der angespannten wirtschaftliche Lage – zu einer chronischen Stressaktivierung, was bei vielen Menschen zur Überlastung oder gar Überforderung führt.
Sie sagen, Demokratien seien nicht unbedingt eine Komfortzone, sondern lösen „Partizipationsstress“ aus. Was meinen Sie damit?
Eine Demokratie ist alles andere als eine Komfortzone. Sie verlangt von uns Bürgern Reife: emotional, kognitiv, sozial. Als Bürger sind wir fortlaufend angehalten, Ambivalenzen auszuhalten, Kompromisse zu schließen und sogar Menschen zu akzeptieren, deren Ansichten wir ablehnen. Der Preis der Freiheit ist nicht nur Verantwortung, sondern auch Frustration. Wer in einer Demokratie lebt, muss die Tatsache ertragen, dass das die eigenen Wünsche nie vollständig umgesetzt werden.
Aber was ist in diktatorischen Regimen anders? Inwiefern erleichtern sie Menschen das Leben – wenngleich sie dort unterdrückt sind?
Demokratie bedeutet Freiheit, wird subjektiv jedoch von vielen als erschöpfend erlebt. In autoritären Systemen ist das zumindest vordergründig anders: Dort übernehmen andere das Denken, Entscheiden und Abwägen. Die psychische Entlastung liegt in der Fremdbestimmung; wer gehorcht, muss nicht zweifeln. Die Demokratie hingegen zwingt uns zur permanenten Selbststeuerung. Wir müssen informiert sein, Position beziehen, Verantwortung übernehmen. Jeder Wahlzettel, jede Nachricht, jede Diskussion fordert Entscheidungen.
Das klingt nach einer ständigen mentalen Belastung.
Die Psychologie beschreibt dafür einen gut untersuchten Mechanismus: die Decision Fatigue, also die Entscheidungsermüdung. Zu viele Optionen, zu viel Information, zu viele Wahlmöglichkeiten – genau das, was Demokratie im besten Sinne ausmacht, wird im Alltag zur mentalen Dauerbelastung, vor allem in Krisenzeiten. Studien zeigen, dass Menschen nach einer Reihe komplexer Entscheidungen impulsiver, ängstlicher und weniger kompromissbereit reagieren. Demokratie erzeugt damit eine Daueranspannung, den Partizipationsstress.
Welche Folgen hat diese Daueranspannung für unsere politische Kultur?
Wer erschöpft ist, sehnt sich nach Eindeutigkeit. Wer sich überfordert fühlt, neigt dazu, Verantwortung abzugeben, an starke Figuren, einfache Erklärungen oder klare Feindbilder. Die österreichische Extremismusforscherin Julia Ebner beschreibt in ihrem Buch ‚Going Mainstream’, wie Populismus genau diese gesellschaftliche Müdigkeit strategisch nutzt: Er verspricht Entlastung statt Freiheit. Der mündige Bürger ist unter diesen Bedingungen kein Selbstläufer, sondern eine täglich neu zu bewältigende Anforderung.
Locken vermeintlich starke Führungsfiguren wie Trump genau mit dieser Entlastung, in dem sie eigene Entscheidungen und Denken abnehmen?
Der Soziologe Heinz Bude beschreibt eine Gesellschaft der Überforderung: zu viele Optionen, zu viele Zumutungen, zu wenig Halt. Der Ruf nach starken Führungsfiguren wird so zu einem psychischen Reflex – weniger politisch als emotional. Besonders deutlich wird dies in Kommentarspalten zu Migrationspolitik, wo sich tausende Kommentare, in denen sich Wut, Beleidigung und Abwertung bündeln.
Was hat sich bei den Menschen in den letzten Jahren geändert?
Viele Menschen neigen in belastenden Zeiten dazu, eigene Ohnmachts- und Kontrollgefühle auf politische Akteure und Entscheidungen zu projizieren. Wissenschaft und Medien versuchen, Orientierung und Einordnung zu bieten und auf dieser Grundlage gesellschaftlichen Konsens zu ermöglichen, geraten ihre klassische Kontroll- und Einordnungsfunktion jedoch zunehmend unter Druck, durch Beschleunigung, Polarisierung und ökonomische Aufmerksamkeitslogiken. Das ist demokratiegefährdend.
Was braucht es konkret, damit Menschen in Demokratien diese emotionale Reife erlangen?
Wir brauchen Orte, an denen Ambiguität bearbeitet werden kann: freie Medien, die Komplexität erklären statt dramatisieren; unabhängige Wissenschaft, die Zweifel aushält; Bildung, die emotionale Kompetenz als demokratische Kernfähigkeit begreift; und psychosoziale Räume, in denen Konflikt nicht eskaliert, sondern verwandelt wird. Aus psychologischer Perspektive ist Demokratie keine Technik, sondern eine Beziehung – zwischen Bürgern und Staat, Individuum und Gemeinschaft. Wer die Demokratie liebt, sollte sie nicht idealisieren. Er muss sie leben: im Zuhören, im Zweifeln, im Aushalten. Und wie jede Beziehung, scheitert sie nicht an Konflikten, sondern an Rückzug, Projektion und emotionaler Verweigerung.
Verbindung von Psychologie und Gesellschaft
Leben
Sven Steffes-Holländer ist Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Heiligenfeld Kliniken. Er ist Facharzt für Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Sozial- und Verkehrsmediziner. Er lebt in Berlin.
Engagement
Unter dem Titel „Psychokratie“ schreibt er auf seinem LinkedIn-Account regelmäßig über Themen im Spannungsfeld zwischen Psychologie, Gesellschaft und Politik wie zum Beispiel über Partizipationsstress, Meinungsfreiheit oder „Demokratie und Resilienz“. (nay)