ErzählBar-Moderatorin Pia Furth (links) entlockte der Stuttgarter Politikerin Muhterem Aras viel Privates.Foto: Rapthel-Kieser Foto: Schwarzwälder Bote

Politik: Stuttgarter Landtagspräsidentin plaudert im Melchinger Lindenhof über Integration, Grundgesetz und gelebte Toleranz

Burladingen-Melchingen. Wer der Landtagspräsidentin Muhterem Aras (Grüne) ein Weilchen zuhört, den wundert es nicht, dass sie in gewissen Kreisen als Nachfolgerin von Winfried Kretsch­mann im Ministerpräsidentenamt gehandelt wird. Aras ist nicht nur eloquent und durchsetzungsfähig. Das Grundgesetz ist ihr "Maß aller Dinge", hat sie am Sonntag in der ErzählBar des Melchinger Theaters Lindenhof gesagt.

Für regelmäßige Lindenhof-Gäste mag es fast ein wenig wie die Fortsetzung von "Einwandfrei Manfred" gewesen sein. Diesem Ein-Mann-Stück, in dem Stefan Hallmayer in der Hauptrolle als zurückgewanderter Auswanderer "Manne" tiefsinnig-schwäbisch über der Deutschen Regelwerk und ihre grundgesetzlichen Werte fabuliert. Mit Muhterem Aras wurde das Thema weitergedreht.

Es ging um die Würde, die der Artikel 1 jedem Menschen garantiert. "Egal woher er kommt, egal welche Hautfarbe er hat oder ob er ein Mann oder eine Frau ist. Das ist ein zutiefst republikanischer Ansatz", so Aras. Und es wurde deutlich, dass sie diesen Ansatz sehr positiv an sich selber erfahren hatte.

ErzählBar-Moderatorin Pia Furth entlockte der Stuttgarter Steuerberaterin und Landespolitikerin viel Privates. Und auch die Zuschauer in der Scheune und beim Live­stream via Youtube hatten Gelegenheit, Fragen zu stellen.

Ausgrenzung und Verfolgung, das hat die kurdische Alevitin vor allem in der Kindheit erfahren, berichtete sie. Denn Aleviten würden bis heute in der vorwiegend vom sunnitischen Islam geprägten Türkei ausgegrenzt und benachteiligt. "Ich vereine alles, woran man Vorurteile festmachen kann", sagte Aras nicht ohne Humor. Sie sei Alevitin, Kurdin, Einwanderin. Aber gerade deswegen habe sie Deutschland, wohin sie im Alter von zwölf Jahren kam, als große Chance betrachtet.

"Meine Mutter war Analphabetin, weil ihr Vater ihr verwehrte, eine Schule zu besuchen", berichtete Muhterem Aras. Aber genau das habe dann dazu geführt, dass ihre Mutter für alle ihre fünf Kinder Bildung und freie Entfaltung als oberstes Ziel anstrebte und die treibende Kraft für den Umzug nach Deutschland wurde.

Der Vater suchte sich eine Arbeit, holte die Familie nach. Sie siedelten sich auf den Fildern in einem Dorf an. Freimütig erzählte Aras von ihrem ersten Schultag in der Grundschule: "Ich kannte die Regeln nicht, ich kannte die Sprache nicht" – aber sie sei von der Lehrerin neben ein blondes Mädchen namens Annette gesetzt worden. Die Lehrerin stellte eine Aufgabe an der Tafel, Muhterem konnte sie auf dem Papier lösen. Annette hatte keine Berührungsängste, ergriff den Arm ihrer Nebensitzerin und ermunterte sie, an die Tafel zu gehen und die Lösung dort aufzuschreiben. Ein Schlüsselerlebnis.

Es sei "irre" gewesen mit welcher Selbstverständlichkeit die Deutschen diese kleine alevitische Familie aus Kurdistan aufgenommen hätten, berichtet Aras im Rückblick. Ihre Eltern wiederum hätten darauf bestanden, dass die Kinder fleißig in der Schule seien, schnell Deutsch lernen und sich deutsche Freunde suchen. "Ich durfte bei allem dabei sein, beim Schwimmunterricht, bei den Tanzstunden und den Ausflügen", schildert Muhterem Aras den offenen Geist, der in ihrer Familie gepflegt wurde. Das Fazit der Stuttgarter Politikerin: "Integration muss von beiden Seiten gelebt werden, um zu funktionieren."

Pia Furth hatte ihrem prominenten Gast eine Aufgabe gestellt: Zwei Symbole hatte sie mitbringen sollen, eins für ihre türkischen Wurzeln und eins für die deutsche Heimat. Aras hatte ein Stückchen Wabenhonig dabei, wie er in der Türkei immer auf dem Frühstückstisch stand. Und sie erzählte freimütig von ihrem kleinen Tick, dem deutschen Vollkornbrot, das sie beim einheimischen Bäcker holt und das sie auf privaten Reisen immer reichlich mitnimmt. Nirgends auf der Welt gebe es so viele gute Sorten Vollkornbrot wie in Deutschland, schwärmte die 55-Jährige.

Der Heimatbegriff, so Aras, sei viel zu schade und zu bedeutungsvoll, um ihn Rechtspopulisten zu überlassen. Er gelte für alle und alle könnten ihn mit Leben erfüllen. So wie das Grundgesetz.

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