Bei „Politik und Pizza“ lernen junge Männer und Frauen die Positionen der Direktkandidaten für die Landtagswahl kennen.
Zahlreiche Jugendliche haben am Dienstag die Chance genutzt, um im Jugendzentrum (Juz) mit den Direktkandidaten für die Landtagswahl ins Gespräch zu kommen. Es war eine von zwei „Politik und Pizza“-Veranstaltungen im Wahlkreis Lörrach. Nach dem Grußwort von Bürgermeister Dirk Harscher stellten sich Peter Schelshorn (CDU), Sarah Hagmann (Grüne), Felix Düster (FDP), Lars Biesenthal (Linke), Wolfgang Koch (AfD), Thomas Brenneisen (Volt), Ulrich Kissel (Freie Wähler), Mark Henrich (Partei der Humanisten) innerhalb von einer Minute vor. Die SPD vertrat Jonathan Flohr, Mitglied des SPD-Kreisvorstands. Anschließend beantworteten die Männer und die Frau in vier Runden à 30 Minuten Antworten der Jugendlichen.
Wer von Tisch zu Tisch lief, bekam einen Eindruck von den Themen, für die sich die Heranwachsenden interessieren. Eine junge Frau sprach Jonathan Flohr etwa auf die Gefahr der alten Schweizer Atomkraftwerke an. Am Montag hatte es dazu eine Veranstaltung bei der EWS in Schönau gegeben. Der Sozialdemokrat entgegnete ihr, dass die Einflussmöglichkeiten für die deutschen Behörden gering seien. Es gebe in der Schweiz Referenden, die sich gegen neue AKWs positionieren, gleichzeitig aber auch Initiativen, die die Tür für die Atomkraft wieder öffnen wollen. Es bedauert es, dass einige Kommunen aus dem Atomschutzverbund TRAS ausgetreten seien.
FDP setzt auf den Leistungsgedanken
Am Tisch nebenan erklärt Felix Düster, der FDP sei der Leistungsgedanke wichtig. Die Partei setze sich dafür ein, dass jeder sein Leben frei gestalten könne. Die FDP will eine Verwaltungsebene (Regierungspräsidien) abschaffen und Großkreise schaffen. „Wir brauchen Veränderungen, um langfristig handlungsfähig zu bleiben.“
Lars Biesenthal wird in seiner Ecke unter anderem gefragt, was er von der Wehrpflicht hält. Über den Dienst an der Waffe wird nicht auf Landesebene, sondern im Bund entschieden. Biesenthal sagt, er sei gegen die Wehrpflicht und andere Pflichtdienste. Jemanden für ein Jahr zu einem sozialen Dienst zu verpflichten, zu dem er keine Lust habe, halte er nicht für sinnvoll. Gut fände er es, wenn Jugendliche jeweils zwei Wochen im sozialen und im handwerklichen Bereich ein Praktikum machen könnten. Außerdem will er sich dafür einsetzen, dass Jugendliche in der Schule lernen, wie die Arbeitswelt funktioniert, damit man zum Beispiel weiß, wie man sich nach der Ausbildung selbstständig machen kann.
Peter Schelshorn wird auch nach dem Wehrdienst gefragt. „Ich bin für ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr“, sagte der 53-Jährige. Wo die Männer und Frauen dieses ableisten würden, zum Beispiel im sozialen Bereich oder bei einer Naturschutzorganisation, sei ihnen überlassen. Junge Menschen lernten durch einen Pflichtdienst Kameradschaft, Disziplin und andere gesellschaftliche Werte kennen.
Nicht alle Tische immer besetzt
Nicht alle Tische sind bei jeder der vier Runden besetzt, die Vertreter der Freien Wähler und Volt sitzen bei mancher Runde auch mal alleine mit Vertretern der AG Jugend am Tisch. Letztere moderieren die Runden und überprüfen strittige Aussagen mittels des KI-Tools Perplexity auf ihren Wahrheitsgehalt.
Thomas Brenneisen von Volt erklärt in einer Runde: „Unser Ziel sind fünf Prozent, wenn wir drei Prozent schaffen, sind wir gut.“ In der Energiepolitik unterscheide sich Volt wenig von den Grünen, aber vieles wolle Volt pragmatischer machen. Es sollten zum Beispiel nur dort Windräder aufgestellt werden, wo auch Wind wehe. Anfangs wollte sich die Partei „Vox“ nennen, was aber nicht ging, erzählt Brenneisen, weil es in Spanien eine rechtsextreme Partei mit diesem Name gebe, so dass die Wahl auf „Volt“ fiel, weil es eine Bezeichnung sei, die es etwa auch in Italien und Frankreich gebe.
Humanisten sind „sehr liberal“
Mark Henrich erzählt den Jugendlichen, dass die Humanisten neue Technologien befürworten, aber nicht zu jeder Technologie Ja und Amen sagen. Henrich ist für den Einsatz von KI, aber man dürfe sich nicht auf die KI verlassen. KI-Systeme könnten „Mist auswerfen“.
Am Tisch von Sarah Hagmann kritisiert ein junger Mann in einer Runde die paritätisch besetzten Listen der Grünen und die Förderung von Frauen. Hagmann entgegnet ihm, dass Frauen im Durchschnitt höhere Bildungsabschlüsse als Männer hätten, aber weniger in Spitzenpositionen seien, weil die Rahmenbedingungen nicht stimmten. Sie müssten so beschaffen sein, dass Eltern selber bestimmen, ob sie ihr Kind zuhause oder in einer Kita betreuen lassen. Der Mann entgegnete ihr, für ein Kleinkind sei es besser, wenn es in den ersten Jahren von den Eltern betreut werde. Dem widersprach Hagmann. Für das Wohl des Kindes brauche es eine hohe Qualität bei der Betreuung. Die Kita könne ein Kind ebenso gut betreuen wie eine Mutter.
Ulrich Kissel hat es mit Jugendlichen zu tun, die das kapitalistische System in Frage stellen. Firmenchefs generierten auf Kosten der Mitarbeiter Wohlstand, kritisierte ein junger Mann. Kissel antwortete ihm, Firmen bräuchten Freiräume um zu investieren. Eine Vermögenssteuer und eine Erbschaftssteuer lehnten die Freien Wähler ab, so der Apotheker, weil man mittelständische Unternehmen nicht mit zusätzlichen Steuern belasten wolle.
Nach den Diskussionen gab es eine kleine Umfrage unter den Jugendlichen. 58 Prozent von ihnen gaben „soziale Gerechtigkeit“ an. Auch gaben alle Jugendlichen an „sehr wahrscheinlich“ wählen zu gehen.