Die baden-württembergische Landesregierung gab vergangene Woche den Nachweis von Polioviren im Abwasser bekannt. Auch im Kreis Calw sind wohl viele Kinder noch nicht ausreichend gegen die sogenannte „Kinderlähmung“ geschützt.
Im Rahmen eines Forschungsprojekts zum Abwassermonitoring hat das Robert-Koch-Institut (RKI) auch in Baden-Württemberg eine Form des Poliovirus’ nachgewiesen. Diese Entdeckung trifft in vielen Städten und Gemeinden – so auch im Kreis Calw – auf eine ausbaufähige Impfquote bei Kindern.
Gesundheitsminister Manfred Lucha appellierte eindringlich an die Bevölkerung, den Impfschutz gegen Poliomyelitis („Kinderlähmung“) zu überprüfen und gegebenenfalls aufzufrischen.
Auch in anderen Städten
Seit Dezember 2024 werden in der Kläranlage Stuttgart regelmäßig Abwasserproben auf Polioviren untersucht. Das Projekt wurde gestartet, nachdem auch in anderen deutschen Städten erste Nachweise von Polio im Abwasser entdeckt worden waren.
Um mögliche Fälle von Kinderlähmung zu verhindern, müssten Impfserien möglichst zeitnah abgeschlossen und bestehende Impflücken vor allem bei Säuglingen und Kindern dringend geschlossen werden, erklärte Lucha am 24. Januar in Stuttgart.
Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt, die Grundimmunisierung gegen Polio (drei Impfungen) bis zum zwölften Lebensmonat abzuschließen. Doch in Deutschland sind nur 21 Prozent der Kinder in diesem Alter vollständig geimpft. Das geht aus einer Pressemitteilung der Landesregierung hervor. In Baden-Württemberg liege die Grundimmunisierungsquote bei der Einschulungsuntersuchung bei 88,8 Prozent.
Angst vor Nebenwirkungen, Ärztemangel, Termin-Probleme
Doch in manchen Kreisen – wie etwa Calw – fällt die Quote niedriger aus. „Bei der Einschulungsuntersuchung im Alter von 3,5 bis 4,5 Jahren sind 86,2 Prozent vollständig gegen Polio geimpft“ erklärt Mara Müssle, Pressesprecherin Landratsamt in Calw. Für Kinder im Alter von zwölf Monaten lägen im Kreis Calw keine Erhebungen vor.
Müssle zufolge nennen Eltern als Gründe für Verzögerungen von Impfungen häufig Angst vor Nebenwirkungen, die durch falsche Informationen geschürt werden, oder einen fehlenden Bezug zur Schwere der Krankheit. Auch der Ärztemangel und Schwierigkeiten, zeitnah Impftermine zu bekommen, würden berichtet.
Vor allem Kinder unter fünf
Bislang wurden in Deutschland keine Polio-Erkrankungen oder Verdachtsfälle gemeldet, erklärt die Landesregierung in ihrer Pressemitteilung. Dennoch bedeute der Nachweis im Abwasser, dass Menschen irgendwo Polioviren ausscheiden und damit andere Personen infizieren könnten.
Poliomyelitis, auch als Kinderlähmung bekannt, ist eine hochansteckende Krankheit, die vor allem Kinder unter fünf Jahren betrifft. Bei nicht ausreichend immunisierten Personen kann sie zu dauerhaften Lähmungen führen.