Barockes Brimborium: Friedenskirche in Schweidnitz. Foto: Thomas Schneider

Ausgerechnet im katholischen Polen ist eine evangelische Fachwerkkirche bei Touristen und Einheimischen besonders beliebt. Vor allem am Ostermontag bietet sich ein Besuch in der Friedenskirche in Schweidnitz an - dort findet man Schutz vor der traditionellen Wasserschlacht.

Da bleibt kein Pole trocken. Auf offener Straße, in Bussen und Bahnen waschen sie sich gegenseitig mit allen Wassern, schießen, spritzen und schütten aus Schläuchen, Pistolen und Kübeln. Es ist ein ganz normaler Ostermontag, nur hat er in Polen einen anderen Namen: „Lany poniedziałek“ oder „gegossener Montag“ heißt er hier, und die feucht-fröhlichen Verfolgungsjagden „Smigus-dyngus“. Mit diesem Brauch soll daran erinnert werden, dass sich der polnische Herrscher Mieszko I. im Jahr 966 taufen ließ und damit das ganze Land zum Christentum bekehrte - die Geburtsstunde des polnischen Katholizismus. Heute gilt der „gegossene Montag“ in Polen als Tag mit dem höchsten Wasserverbrauch im ganzen Jahr. Auch vor Touristen macht der österliche Massen-Waschzwang nicht halt. Für sie gilt entweder „Do as the locals do“ mit Wasserpistolen und Eimern oder „Verstecke sich, wer kann“. In Schweidnitz (Swidnica) bietet sich die Friedenskirche, weitab von den tobenden Wasserschlachten im Stadtzentrum, als Zufluchtsort an. Der protestantische Bau ist bei Polen-Reisenden nicht bloß an Ostern beliebt und ganzjährig populärer als die katholische Kirche. Die hat zwar mit 103 Metern den höchsten Turm Schlesiens, doch die Touristen ziehen stets allesamt zur evangelischen Friedenskirche. Ein Umstand, der den Katholiken von Schweidnitz vermutlich größeren Verdruss bereitet als die Touristen, die ihnen als Opfer ihrer Wasserschlacht entgehen.

Katholische Schikane und protestantische Beharrlichkeit

An ihrer Niederlage im architektonischen Wettstreit der Konfessionen sind sie nämlich selbst schuld. Hätten sie sich zur rechten Zeit großzügig gezeigt, stünde in Schweidnitz einfach eine weitere Kirche herum - bulliger Backstein außen, kalkweiße Ödnis innen. Protestantische Langeweile hätte es sich darin gemütlich gemacht. Schweidnitz’ bekanntestes Produkt wäre das Bier geblieben, und die Besichtigungsbusse hielten heute vor Schlesiens höchstem Kirchturm. Alles kam anders, weil katholische Kleinkrämerseelen es nicht lassen konnten, der christlichen Konkurrenz das Leben schwerzumachen - selbst nach 30 Jahren Krieg. Durch die Westfälischen Friedensverträge 1648 ließ Kaiser Ferdinand III. sich zwar die Genehmigung für den Bau evangelischer Kirchen in Glogau, Jauer und Schweidnitz abtrotzen, von der Gleichrangigkeit evangelischen und katholischen Glaubens wollte er allerdings nichts wissen. Für die Ewigkeit würden die Evangelischen ihre Kirchen ohnehin nicht bauen. Man erlaubte ihnen nämlich nur vergängliche Materialien wie Holz, Lehm und Stroh zu nutzen. Außerhalb der Stadtmauern mussten sie ihre Kirchen errichten, auf Turm und Glocken verzichten und die Arbeiten binnen eines Jahres abschließen. Ein schöner Frieden war das.

Und was sagten die Protestanten dazu? Die hielten sich an die Auflagen und machten das Beste aus der verordneten Bescheidenheit. Eine schlichte Fachwerkkirche sollte es für sie sein. Mit Albrecht von Säbisch fanden die Schweidnitzer einen Baumeister, der den technischen Herausforderungen dieser Aufgabe gewachsen war, und mit Hans-Heinrich von Hochberg einen Gönner, der den größten Teil des Baumaterials sponserte. Im August 1656 wurde der Grundstein gelegt, und bereits zehn Monate später konnte der erste Gottesdienst gehalten werden. Berichte über ein kollektives Zähneknirschen der Schweidnitzer Katholiken sind nicht überliefert. Dass der Triumph ihrer Gegner groß ausfallen könnte, musste ihnen schon lange vor der Einweihung klar gewesen sein. Niemand lässt 3000 Bäume fällen für einen Duckmäuser-Bau im Format eines Schrebergartenhäuschens. So geschickt hinter Fachwerk getarnt trifft einen das barocke Brimborium im Kircheninnern dann aber doch wie ein Schlag auf den Hinterkopf: doppelstöckige Emporen, hölzerne Epitaphe, korinthische Säulen, vergoldeter Stuck, schaumkrönchenweiße Heiligenskulpturen, umherschwirrende Putten und feinste Intarsien-Arbeiten. So ruft man „Ätsch“ mit architektonischen Mitteln. Außen hinter Fachwerk versteckt, innen als katholische Kirche verkleidet. Allerdings vergingen rund 100 Jahre, bis die Friedenskirche so prunkvoll ausstaffiert war, wie sie sich heute verblüfften Besuchern präsentiert. Dann aber stand sie da als einer der größten sakralen Fachwerkbauten Europas samt 3500 Pfeifen starker Orgel.

Anfang des 18. Jahrhunderts vervollständigte endlich ein eigener Glockenturm mit Geläut das Gotteshaus, und als die Schweidnitzer Friedenskirche im Dezember 2001 in die Liste der Unesco-Welterbestätten aufgenommen wurde, erinnerte schon niemand mehr daran, dass sie das Ergebnis katholischer Schikane und protestantischer Beharrlichkeit ist. Sie macht sich aber auch wirklich gut als Symbol der konfessionellen Aussöhnung, zumal katholische und evangelische Gemeinde versichern, dass es heute prima laufe mit der Ökumene. Skepsis scheint allerdings angebracht, denn ausgewogen kann man die Verhältnisse in der Stadt nicht nennen. Schweidnitz ist heute wieder fast völlig katholisch. Die evangelische Gemeinde hat kaum mehr als 100 Mitglieder, aber ihre Friedenskirche bietet 7500 Besuchern Platz. „Ohne uns Katholiken kriegt ihr eure Kirche doch gar nicht voll“, spöttelt da schon mal einer und erhält als Antwort: „Ihr dürft gern zu uns kommen. Die Touristen, die alle bei uns sitzen, rücken bestimmt gern für euch zusammen.“ Für diese Frotzelei wird am Ostermontag ein besonders kalter Guss aus dem Wasserkübel fällig.

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