Der Künstler Daniel Rycharski ist gläubiger Christ und offener Homosexueller. Unser Bild zeigt einen Regenbogen am dunklen Himmel neben dem Kreuz einer Kirche Foto: picture alliance/dpa/Rolf Vennenbernd

Wer hätte das gedacht: Kunst kann helfen, das menschliche Miteinander zu stärken. Wie, das hat unser Kolumnist im ländlichen Polen bei einem Besuch des Künstlers Daniel Rycharski erlebt.

Der Bundestagswahlkampf dieses Jahres erweckt den Eindruck, als versinke Deutschland in einem Kulturkampf. Mit Verzerrungen, populistischen Zuspitzungen und klientelistischem Taktieren ringen Parteien und ihr jeweiliges Vorfeld um die Deutungshoheit darüber, wie das Land in Zukunft leben soll. Zunehmend dringt der diskursive Furor in Form von gewaltsamen Übergriffen, Angriffen oder Vandalismus in den physischen Raum vor.

 

Was hilft gegen die mediale Polarisierung?

Zwar betonen Soziologen wie Steffen Mau, dass die Bevölkerung gar nicht so stark polarisiert ist, wie es Parteien und Medien alleine schon aus aufmerksamkeitsökonomischen Gründen glauben machen wollen. Doch auch eine durch Medien künstlich erzeugte Polarisierung ist ernst zu nehmen, denn jedes Kind weiß: Medien vermitteln nicht die Realität, sie stellen die Realität selbst her. Ohne Gegenmaßnahmen schlägt mediale Polarisierung in handfeste soziale Polarisierung um. Umso wichtiger sind deshalb Projekte, die Menschen außerhalb der Medien zusammenbringen und langfristige Strategien entwickeln, um reale Kompetenzen im Umgang miteinander zu stärken. Eine solche Strategie entdeckte ich unlängst in der Bildenden Kunst.

Auf einer Forschungsreise besuchte ich den Künstler Daniel Rycharski im ländlichen Polen. Rycharski ist nicht nur einer der bedeutendsten Bildhauer und Installationskünstler des Landes, sondern auch einer der ungewöhnlichsten. Als gläubiger Christ lebt und arbeitet der offene Homosexuelle dort, wo das Elektorat der katholischen Nationalkonservativen am stärksten ist. Und dieses Elektorat steht Menschen wie ihm eigentlich ablehnend gegenüber: schwul, studiert, international vernetzt, regierungskritisch – um Himmels willen!

Kunst für die Bauern, Kunst für die LGBTQ+-Szene

Doch Rycharski, der selbst in der ländlichen Kleinstadt geboren wurde, in der er seit einigen Jahren wieder ansässig ist, will sich nicht in einen urbanen „safe space“ zurückziehen. Er liebt seine Familie, die an seinen Kunstwerken mitarbeitet, und er hat Verständnis für die Anliegen der Bauern, die von selbstgerechten Großstädtern reflexhaft als reaktionär diskreditiert werden. Manche seiner linken Freunde, sagte er mir, seien sogar dogmatischer als die Bauern oder konservative Gruppen wie der Krakauer Klub Jagielloński.

Deshalb schafft er einerseits LGBTQ+-Kunst, etwa mit Kleidern queerer Menschen behangene, bunt bemalte lateinische Kreuze, und andererseits Kunst für die lokalen Bauern, darunter ein Denkmal für ihre Nöte, das von einem Traktor gezogen durch Polen tourte. Solche kontraintuitiven, klugen Strategien braucht es auch hierzulande, um Populisten die Stirn zu bieten: Raus aus medialen Kulturkämpfen, rein ins reale Miteinander.