Der Polarforscher Arved Fuchs wird in wenigen Wochen 70 Jahre alt. Noch immer ist er auf den Ozeanen unterwegs. Sein wichtigstes Anliegen: der Zustand des Weltklimas und die Rettung der Weltmeere. Wir haben mit ihm darüber vor seinem Besuch in Rottenburg gesprochen.
Seine Expeditionen zu den Polen der Erde sind legendär. Doch schon lange ist es nicht mehr nur die Abenteuerlust, die Arved Fuchs umtreibt. Er möchte mit seinem Herzensprojekt „Ocean Change 2022“ Veränderungen in den Ozeanen sowie deren Auswirkungen auf die Küstenlandschaften in den Fokus rücken.
Wo steht die Weltklima-Uhr? Auf fünf vor oder nach zwölf?
Eigentlich ist mir diese Zeitangabe immer zu profan. Aber es ist kurz vor zwölf. Doch die Umstände sind uns seit vielen Jahrzehnten bekannt. Im vergangenen Jahr hat die 27. Weltklimakonferenz stattgefunden.
Was ist in all den Jahren passiert?
Wir haben nicht überhaupt nichts gemacht, aber wir haben zu wenig gemacht. Und klar ist: Wir haben jetzt keine Zeit mehr, nicht zu handeln.
Haben Sie die Entwicklung des Weltklimas so erwartet?
Es nimmt ein rasanteres Tempo an, als ich es vermutet habe.
Seit wann spielen Umweltthemen für Sie eine Rolle?
Für mich war es am Anfang das Abenteuer und die Freude an der Natur. Doch ich bin zu einem Zeitzeugen geworden. Und vielleicht ist es mir anders als anderen frühzeitig aufgefallen, da mir die Natur nicht egal ist und ich früh in der Arktis gesehen habe, was passiert, was sich verändert. Wir haben nur diesen einen Globus. Es ist unsere Aufgabe, mit dem Klima als größte Herausforderung nachhaltig umzugehen.
Gab es ein einschneidendes Erlebnis, was für Sie ein Wendepunkt bedeutete?
Ja. In den 90er-Jahren hatten wie drei Mal versucht, durch die Nordostpassage zu fahren, die immer dicht mit Eis gewesen ist. Wir sind immer im Eis stecken geblieben. 2002 sind wir dann aber ohne Probleme und ohne Eiskontakt durchgekommen.
Für manche sind die Auswirkungen des Klimawandels vielleicht weit weg. Wie versuchen Sie, diese Menschen zu überzeugen?
Da habe ich dann ein ganz konkretes Beispiel. Wir haben gesehen, was im Ahrtal passiert ist. Allein der finanzielle Schaden – laut Versicherungen 34 Milliarden Euro – ist massiv, wenn man die Tragödie der Menschen gar nicht einrechnet. Die Extremwetterverhältnisse nehmen zu. In Norddeutschland baut man den Klimadeiche. Das kostet Schleswig-Holstein pro Jahr 60 Millionen Euro. Waldbrände, Hitzewellen, Versteppung – es gibt viele Auswirkungen, die die Menschen direkt betreffen.
Was kann getan werden?
Wir können die Uhr nicht zurückdrehen Der Prozess ist in Gang gesetzt. Wir können diesen Prozess nur verlangsamen. Wenn das Eis auf dem grönländischen Schelf so weiter schmilzt, dann wäre der Meeresspiegel Ende des Jahrhunderts um 27 Zentimeter höher. Wollen wir so weitermachen? Wir müssen auf alle Fälle das Gradziel von Paris erreichen.
Wie wichtig ist das Thema Klimaschutz?
Derzeit wird es durch andere Themen wie Inflation und dem Ukraine-Krieg überlagert. Aber dem Klimawandel ist es egal, wie viel Krisen wir nebeneinander bewältigen müssen. Und er ist ja ursächlich für weitere Probleme: Der Klimawandel generiert beispielsweise Armut und Migrationsströme.
Sie sind viel auf den Ozeanen unterwegs. Wie groß ist das Problem der Plastikvermüllung?
Das ist ein großes Thema, in und um die Ozeane. Jedes Jahr landet eine Viertel Million Tonne nur durch die Fischerei in den Ozean.
...und die Überfischung?
Dieses Problem muss gelöst werden, indem den Fischen der notwendige Preis zugeordnet wird und damit nachhaltiger gefischt wird. Aber wir haben es mit einem ausgeprägten Lobbyismus zu tun – in allen Bereichen.
Überfordert es nicht, dass es so viele Baustellen gibt?
Natürlich sind die Probleme komplex. Aber jedes Engagement bringt uns ein Stück weiter. Das Meeresabkommen beispielsweise ist ein positiver Ansatz. Wenn man nicht den Willen zum Durchhalten hat, dann kann man nichts erreichen. Das war auch immer die Devise bei meinen Expedition: „Never give up.“
Bringen uns erneuerbare Energien wirklich weiter? Bei E-Autos werden beispielsweise Batterieherstellung und -entsorgung kritisiert.
Wer früher gesagt hätte, dass erneuerbare Energien, einmal einen nennenswerten Anteil am Strommix haben würden, wäre schallend ausgelacht worden. Wir sind oft Weltmeister darin, etwas schlecht zu reden. Es ist ja nicht alles in Zement gegossen. Ich sehe die E-Mobilität eher als Brückenmobilität und die Zukunft in Wasserstoff. Was ich vermisse, ist die Fantasie und die Aufbruchstimmung. Die Entwicklung der Batterien wird auf großen Schritten weitergehen, auch das Recycling.
In welchen Energieformen sehen Sie die Zukunft?
Atomkraft ist genauso eine veraltete Energie wie fossile Brennstoffe. Solar, Wind oder auch die Ozeane als Energiequelle sind noch gar nicht richtig ausgeschöpft. Wir können nicht jede Windkraftanlage blockieren, weil man sagt: nicht in meiner Nachbarschaft oder vor meiner Haustür.
Tut die Bundesregierung genug?
Eine Bundesregierung kann plötzlich nicht alles auf den Kopf stellen. Die richtigen Weichenstellungen werden getätigt. Aber die Fehler wurden in mehreren Legislaturperioden gemacht. Es sind Versäumnisse der Vergangenheit.
Wie sehr tut es weh, wenn Deutschland wie zuletzt flüssiges Erdgas einkauft?
Man muss realistisch sein. Wenn unser Wirtschaftsminister Habeck nach Katar fliegt, um LNG einzukaufen, dann nur, weil er in den sauren Apfel beißen musste. Schuld an diesem Umstand sind auch hier die Regierungen der Vergangenheit, die uns in die Abhängigkeit von Russland gebracht haben.
Die „Letzte Generation“ geht umstrittene Wege. Was sagen Sie dazu?
Ich finde es auch nicht gut, wenn Kunstgemälde mit Kartoffelbrei beworfen werden oder wenn man sich auf die Straße klebt, aber ich verstehe ihre Ungeduld. Und nur weil sie unpopuläre Aktionen machen, muss man sie deshalb nicht diffamieren. Man sollte die Anliegen ernst nehmen. Ich wünsche mir da mehr Dialog.
Vortrag in Rottenburg
Runder Geburtstag
Arved Fuchs ist am 26. April 1953 in Bad Bramstedt geboren.
Expeditionen
1989 ging er als erster Deutscher zu Fuß zum Nordpol; im selben Jahr mit Reinhold Messner zum Südpol.
Vortrag
Anlässlich ihres 100-jährigen Jubiläums präsentiert die Marinekameradschaft Rottenburg am Dienstag, 21.März, ab 19.30 Uhr (Einlass 18.30 Uhr) in der Rottenburger Festhalle den Polarforscher Arved Fuchs mit einem Vortrag und einer Multivisionsshow. Thema ist „Ocean Change. Die Arktis – Eine Welt im Wandel“. Karten für die Veranstaltung gibt es an folgenden Vorverkaufsstellen: WTG, Gasthaus zur Eintracht, Old Hamburg.