Auf der Kleinen Bühne entwickelte sich eine rege Diskussion. Foto: Roland Stöß

„Ist das noch|schon mein Land?“ – zwei ähnlich klingende, in der Bedeutung gravierend unterschiedliche Fragestellungen, mit denen „P.E.N.-Berlin e.V.“ zur Kleinen Bühne Calw lockte.

Das Motto der P.E.N.-Gesprächsreihe war mit einer Aufforderung verbunden: „Reden wir über Heimat!“ Mit diesem Format bereist der Verein derzeit 22 größere und kleinere Orte Baden-Württembergs. Der Grund ergibt sich aus den Vereinszielen: Setzt man sich doch im Verein insbesondere für das freie Wort, die Meinungsfreiheit im Allgemeinen, aber auch für verfolgte Autoren im Besonderen ein. 730 Mitglieder, die Crème de la Crème der deutschen Autoren und Schriftsteller, fühlen sich diesem Verein verbunden.

 

Zarah-Louise Roth, Regionalreporterin und Podcasterin moderierte, den Dialog. Roth arbeitet derzeit vor allem für den Norddeutschen Rundfunk (NDR). Als Diskussionsduo saßen sich Frédéric Schwilden und Ryyan Alshebl gegenüber. Schwilden ist bekannt als Schriftsteller (zuletzt erschien der Roman „Gute Menschen“), ist tätig als Journalist bei der Welt sowie als Fotograf.

Ryyan Alshebl, ein aus Syrien Geflüchteter, mutierte aufgrund seines nicht einmal zehnjährigen Werdegangs vom „geflüchteten Syrer zum deutschen Bürgermeister“ zum deutschlandweit begehrten Interviewpartner aller Medienarten.

Der deutsche Schriftsteller Aron Boks, gleichzeitig offizieller Repräsentant des P.E.N.-Vereins, wurde unmittelbar vor der Veranstaltung von Phylicia Whitney vom Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF) interviewt. Whitney verriet unserer Redaktion, dass der Sender derzeit Ryyan Alshebl begleitet, um eine Reportage zu drehen. Schon bald werden das Alshebl-Porträtt sowie das Calwer Geschehen im Mittagsmagazin (Mittwoch, 25. Februar) und in der abendlichen 3Sat-Sendung „Kulturzeit“ zu sehen sein. Einen Akteur begrüßte Bok besonders: Das Calwer Publikum. Bok – auch in der Rolle des erkrankten Deniz Yücel – ermunterte die Gäste, Fragen zu stellen und „selbst Aspekte in die Diskussion einzubringen - ohne Verbotsschilder unter Einhaltung bestimmter Regeln.“

Nicht immer bierernst

Mit einem nicht immer bierernsten Fragespiel eröffnete Bok den Abend. Beispiele: „Wer findet es gut, dass Calw zu Baden-Württemberg gehört?“ „Wer bedauert es, dass Kinder nun in Nagold geboren werden müssen?“

Ryyan Alshebl erkannte trotz oder gerade wegen der aktuellen Armut bei seinen syrischen Landsleuten eine „Bergsteiger-Stimmung,“ gleichzusetzen mit einer Aufbruchstimmung. Während im Gegensatz dazu die Deutschen „ganz oben auf dem Berg stehen und Angst haben, abzustürzen.“

Ein ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer des AK Asyl Schömberg, der gemeinsam mit drei syrischen und zwei afghanischen Geflüchteten eine Zuschauerreihe bildete, referierte: „Die Stimmung in Deutschland gegen Flüchtlinge macht mir Angst.“ Er stellte fest, dass viele, mit denen er rede, noch nie in einer Flüchtlingsunterkunft waren oder noch mit Flüchtlingen gesprochen haben. Frédéric Schwildens Replik: „Was sie für Flüchtlinge machen, finde ich fantastisch. Aufgefallen ist mir jedoch, dass sie mit einer gewissen Aggression vortragen, was Menschen nicht tun.“ Schwildens Grundsatz: „Niemand muss sich für sein Nichtstun rechtfertigen. Wenn jeder Mensch das tut, was er am Besten kann, kann er für die Gesellschaft das Bestmögliche leisten.“

Im Verein „gehört man dazu“

Eine Zuschauerin blickte auf ihre eigenen „Integrationserfahrungen “ im Jahre 1960 zurück, als sie aus dem Ruhrgebiet in ein kleines schwäbisches Dorf zog. Sie fühlte damals das Gleiche, was heutzutage die Fremden fühlen müssen.

Deutlich wurde durch einige Wortbeiträge, dass das Gefühl „man gehört dazu“ mit einer Vereinszugehörigkeit enorm befördert wird.

Unter dem Gesichtspunkt der Alshebl-Biografie – dieser spricht heute hervorragend Deutsch, während er vor zehn Jahren kein einziges Wort kannte – stellte eine Zuhörerin fest: „Noch heute gibt es Familien italienischer und türkischer Herkunft, in denen Familienmitglieder, meist Frauen, trotz jahrzehntelangem Aufenthalts in Deutschland keine deutschen Sprachkenntnisse besitzen.“ Sie leitete her, dass „es schon seit Jahrzehnten Familien gibt, die sich gar nicht integrieren möchten“.

„Sprache öffnet Tore“

Der Vertreter des Arbeitskreises Asyl sprach „von wenigen Fällen“. Ein anderer Gast meinte, „dass es früher nie ein Problem gewesen war. Bei den Italienern hat man es immer akzeptiert.“ Er fragt sich, wieso das heute bei den Syrern anders sei. Alshebl bescheinigte der Frau, die ihre Meinung offenbarte, dass sie ein reales Problem genannt hat: „Sprache öffnet Tore.“

Gleich einem roten Faden stellten Gäste die These auf, dass beide Seiten zuständig sind, damit Integration funktioniert: Wir als „die Gesellschaft“, andererseits „der zu uns kommt.“ Eine Wortmeldung: „Entscheidend ist, ob man irgendwo sein will und arbeiten möchte“.

Frédéric Schwilden (von klinks), Zarah-Louise und Roth und Ryyan Alshebl Foto: Roland Stöß

Der Calwer Dialog war ein Beispiel dafür, wie These und Antithese in friedlichem Dialog ausgetauscht werden können. Zum einen die eigene Meinung sagen zu dürfen und gleichzeitig der anderen Seite zuzuhören.

Vielleicht bietet sich Schwildens soziologische Beschreibung deutscher Biergärten als Lösungsvorschlag an? Klischeehaft nannte er das Beispiel Berlin mit seinem „links alternativen Kreuzberg“ und dem „konservativen Steglitz. “ Obwohl man „untereinander im Milieu bleibt“, entwickelt sich der dortige Biergarten zum „wunderschönsten Ort.“ Denn „diese Lust zu saufen, das eint ja alle Deutschen„. Ernsthafte und Mutmachende übersetzte es Schwilden: „Sich an Orten zu begegnen, wo die Fremden sind, kann funktionieren.“

Fernsehtipp

Die „Kulturzeit“,
das Kulturmagazin auf 3 SAT, welches in Deutschland, der Schweiz und in Österreich zu sehen ist, bietet werktäglich live um 19.20 Uhr aktuelle, kritische und vertiefende Kulturberichterstattung. Schon bald ist also auch Calw ein Thema.